Grafik (links): Cover von notamuse / Foto (rechts): Paul Glaw

"notamuse" zeigt dem Patriarchat im Grafikdesign den Mittelfinger

"Mehr weibliche Vorbilder kann es nur geben, wenn mehr Frauen in die Öffentlichkeit treten", so die Gründerinnen hinter dem neuen Projekt

von Juule Kay
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27 November 2018, 7:38am

Grafik (links): Cover von notamuse / Foto (rechts): Paul Glaw

Auch wenn Claudia Scheer, Lea Sieversten und Silva Baum alles andere als "amused" über die fehlende Sichtbarkeit von Frauen im Grafikdesign sind, stammt der Name ihres Projekts aus einem ganz anderen Wortspiel: not a muse. "Anders als die Muse, die durch ihre passive Funktion männliche, kreative Geister anregt, geht es uns um Designerinnen, die selbst schöpferisch tätig sind", heißt es auf ihrer Website über die Namensgebung.

notamuse ist das, was wir schon lange gebraucht haben: ein Kollektiv von und für Grafikdesignerinnen. Was als Masterarbeit begann, wurde schnell viral und letzten Endes zu einer Kickstarter-Kampagne für ein eigenes Buch, die mittlerweile ihr Ziel von über 20k erreicht hat. Neben Interviews über Themen wie Frauen in "Männerberufen" und Sexismus im Berufsalltag kannst du dich darin von den grafischen Arbeiten 53 zeitgenössischer Designerinnen inspirieren lassen.


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Kennengelernt haben sich Claudia, Lea und Silva übrigens – wie hätte man es auch anders erwartet – während ihres Design-Masters an der HAW Hamburg. Und da man sich bekanntlich am besten zusammen über die gleichen Dinge aufregen kann, haben sich die drei zusammengeschlossen, um dem Patriarchat im Grafikdesign den Mittelfinger zu zeigen. "Wir wünschen uns mehr weibliche Vorbilder in unserem Genre und eine diversere Designszene jenseits von männlichen Heldenfiguren", erklären sie im Interview und legen jeder jungen Grafikdesignerin auch noch den ein oder anderen wichtigen Tipp ans Herz.

notamuse Rita Matos
Grafikdesign von Rita Matos

Welches Ziel verfolgt ihr mit notamuse?
Wir wollen den Diskurs über das vorherrschende Geschlechterungleichgewicht in der Designszene und in allen anderen Bereichen der Gesellschaft anregen. Durch die Interviews, die wir mit Designerinnen, Soziologinnen und Gender-Forscherinnen geführt haben, wollen wir einen diversen Zugang zum Thema ermöglichen. Es ging uns auch darum, von unseren Gesprächspartnerinnen zu erfahren, wie andere Frauen die Designwelt wahrnehmen und welchen Herausforderungen sie begegnen. Dadurch können jüngere Designerinnen wie wir vorbereiteter ins Arbeitsleben starten. Mit dem Buch wollen wir außerdem ein Gegengewicht zu all den Publikationen schaffen, die überwiegend oder ausschließlich Männer porträtieren.

Dabei versucht ihr Gründe für die fehlende Sichtbarkeit von Frauen im Grafikdesign zu finden. Was war das Spannendste, was ihr für euch selbst herausgefunden habt?
Dass es nicht den einen Grund dafür gibt, sondern eine Menge Faktoren dazu beitragen: Sozialisation, tradierte Arbeitsstrukturen, veraltete Rollenbilder und die gesellschaftlich verankerte Mutterrolle, die vor allem Frauen zugeschrieben wird. Es war erschreckend zu sehen, wie stark diese Muster in einem selbst verankert sind, obwohl man sich als offen und reflektiert bewerten würde. Wir haben gelernt, dass wirklich jeder bei sich selbst anfangen muss, Sichtweisen bewusst zu hinterfragen und zu ändern.

notamuse Anja Kaiser
Grafikdesign von Anja Kaiser

Ihr thematisiert nicht nur die neue Arbeitswelt, sondern auch den Sexismus im Berufsalltag. Welche Erfahrungen habt ihr selbst hinsichtlich dieser Themen gemacht?
Unsere persönlichen Erfahrungen ergeben sich vor allem aus dem Hochschulkontext. Obwohl diese verhältnismäßig geschützte Räume sind, gibt es viele stereotype Klischees, denen Studierende im Alltag begegnen. Da gibt es den sexistischen Professor, der Themen wie Feminismus und Gleichberechtigung für völlig überholt hält, aber auch Technik-Nerds, die immer noch glauben, dass Frauen nicht programmieren können (das größte Problem hier ist allerdings, dass viele Frauen das auch selbst glauben).

Spätestens wenn es mit dem Beruf richtig losgeht, erfährt nahezu jede Frau bestimmte Facetten von Sexismus im Berufsalltag. Sei es, dass Frauen Anfang 30 seltener langfristige Jobs bekommen, weil sie schwanger werden könnten, dass in einem gleichberechtigten Mann-Frau-Studio grundsätzlich zuerst der männliche Part angefragt wird oder dass, trotz gleicher Argumente bei Gehaltsverhandlungen, Frauen immer noch mit weniger Kohle rauskommen als ihre männlichen Kollegen. Das ist lächerlich und nervig! Allerdings sind wir uns bewusst, dass wir dabei nur einige Facetten von Sexismus betrachten und als weiße Frauen aus Europa aus einer sehr privilegierten Position argumentieren. Mit unserem Projekt ist ein Anfang gemacht, aber die Thematik muss in einem viel größer angelegten Rahmen behandelt werden.

notamuse Ines Cox
Grafikdesign von Ines Cox

Welchen Tipp würdet ihr jeder angehenden Grafikdesignerin mit auf den Weg geben?
Vernetzt und unterstützt euch. Versteht den Kampf für mehr Gleichberechtigung nicht als einen einseitigen, der ausschließlich von Frauen gefochten wird. Wir glauben, dass nur eine Beteiligung aller Geschlechter am Diskurs zu echter Gleichberechtigung beitragen kann. Schafft ein Bewusstsein, egal in welchem Umfeld ihr euch bewegt: auf Konferenzen, bei Jobs, im Hochschulkontext. Macht euch selbst sichtbar. Nur ihr könnt eure Arbeit nach außen tragen, bei Blogs oder Wettbewerben einreichen, drückt euch nicht vor dem Kontakt mit Kund*innen, Präsentationen und Vorträgen. Mehr weibliche Vorbilder kann es nur geben, wenn mehr Frauen in die Öffentlichkeit treten.

Last but not least: Was wünscht ihr euch für die Zukunft des Grafikdesigns?
Dass es diverser wird und der Designdiskurs nicht mehr von den immer gleichen, meist männlichen Designgrößen, dominiert wird – dadurch geht so unglaublich viel gestalterisches Potential für die Öffentlichkeit verloren. Grafikdesign ist eine Disziplin mit so viele Facetten ... das sollte sich auch in ihren Vertreter*innen zeigen.

@notamuse.de

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