Die Berliner Modeszene ist noch nicht verloren

Wie eine interdisziplinäre Performance in der "Trauma Bar und Kino" das Konzept der Fashion Show auf den Kopf stellt – und zum Vorreiter einer neuen Bewegung wurde

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Nov. 29 2018, 10:12am

Berlins Modeszene ist tot oder zumindest im Dauerschlaf. Man könnte die Industrie vielleicht mit Dornröschen vergleichen. Zwar gibt es statt Schlössern Betontürme und ein (queerer) Prinz kam bisher auch noch nicht auf seinem Schimmel vorbeigeritten – der komatöse Zustand ist aber derselbe. Seit Jahren wird darauf gewartet, dass das Märchen zur Realität wird: Der international zertifizierte Coolness-Faktor der Stadt würde auf die gesamte Branche überschwappen, Aushängeschilder wie GmbH, Namilia, Dumitrascu oder Ximon Lee würden endlich ihre Kollektionen in Berlin präsentieren und die Fashion Week wäre tatsächlich relevant. Wie schön wäre denn das. Noch schöner ist es allerdings, dass es endlich echte Hoffnung gibt.


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Diese Hoffnung trägt den Namen Trauma Bar und Kino. "Das Projekt entstand als Antwort auf die allgemeine Berliner Nachfrage nach einem inklusiven, zeitkonformen Raum, der einen klaren und authentischen Dialog zwischen Medien wie dem zeitgenössischen Tanz, Mode, Film, Videokunst und Clubkultur ermöglicht", erzählt Tanja Bombach, die Leiterin des internen Fashion-Departments. Vor ziemlich genau einem Jahr startete sie mit den Vorbereitungen für eine ganz besondere Performance – sie sollte die Darstellung von Mode erweitern, einen konzeptuellen Austausch fördern, Kreative vereinen und interdisziplinäre Verbindungen kreieren. "Heutzutage gibt es keine klaren Kategorien mehr, alles verschmilzt miteinander, Grenzen werden aufgelöst. Das ist das Gefühl unserer Zeit. Es entsteht eine Komplexität und Gleichzeitigkeit – wie in einer Collage –, wodurch neue Bedeutungen entstehen können. Das finde ich sehr spannend."

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Johanna Liebl: "Berlin ist eine großartige Stadt, um Mode oder Kunst zu studieren und sich auszuprobieren. Oft aber sind nicht die Mittel vorhanden, um jungen Designern auch über die erste Zeit hinaus die Möglichkeit zu geben, ihr Potential und ihren Enthusiasmus zu zeigen. Viele innovative Labels schaffen es nicht, sich in Berlin dauerhaft zu halten. Projekte wie dieses können ein Schritt in die richtige Richtung sein."

So stellte sie ein Team zusammen, das aus vier Nachwuchsdesigner*innen, dem renommierten Choreographen Michael-John Harper, acht Tänzer*innen und dem Sound-Designer Mikk Madisson besteht. Now You May Tell That I’ve Been Seen By You ist das Ergebnis ihrer monatelangen Reise, die am vergangenen Samstag endete. Fasziniert von Ovids Mythos Diana und Actaeon entwickelten sie eine Geschichte, die von Zensur, Missverständnissen und dem Fehler des zu schnellen Urteilens handelt – übersetzt in unsere schnelllebige, digitale Zeit.

In der emotionalen Performance zeigten sie, wie eine alternative Form der Modeinszenierung funktionieren kann: "Durch die Demokratisierung der Mode geht es nicht mehr darum, für ein ausgewähltes Publikum aus der Industrie zu präsentieren, sondern auch direkt für alle Modeinteressierte. Dabei eröffnen sich verschiedene Möglichkeiten, um sich an diese Veränderung anzupassen und sie zu nutzen. Es entsteht die Frage, ob die Struktur der traditionellen Modenschauen noch notwendig ist und sich das Publikum damit identifizieren kann", erklärt Bombach. "Ich denke es ist immer noch wichtig, Mode in der Realität zu sehen und nicht nur über einen Bildschirm, dabei muss sie aber einen Mehrwert auf der körperlichen, visuellen und emotionalen Ebene besitzen."

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Don Aretino: "Unser Projekt eröffnet eine neue Perspektive, wie die Gesellschaft Mode wahrnimmt. Im Vergleich zu anderen Kunstfeldern stach Mode immer etwas heraus und war zu schick, zu oberflächlich. Es war eine sehr eindrucksvolle Erfahrung, die verschiedenen Medien in einer fluiden Performance zu kombinieren. Mode wird zu einem weiteren Medium, um Kunst auszudrücken. Das öffnet mir als Designer viele verschiedene Türen."

Mit dieser Denkweise stehen Tanja Bombach und ihr Team im Erbe großer Modemacher wie Alexander McQueen und Hussein Chalayan, die schon vor der omnipräsenten Digitalisierung das Konzept der etablierten Runway-Shows hinterfragten und mit einmaligen Inszenierungen revolutionierten. Ihnen folgten Designer wie Rick Owens, Thom Browne oder Stephane Ashpool, die es schafften, Synergien mit anderen Kunst-Genres zu generieren und neue Identifikationsmodelle zu eröffnen.

"Der Sinn von Modenschauen hat sich verändert. Früher waren sie für die Presse und Einkäufer, heute für jeden. Es reicht nicht mehr, schöne Models auf den Laufsteg zu schicken", meint Olga Khristolyubova, die ihre Kollektion in der Trauma Bar und Kino zeigte. "Heute versuchen viele Marken durch ihre Präsentationen aufzufallen, doch etablierte Brands bekommen eine viel größere Aufmerksamkeit. Junge Designer suchen dagegen ihren eigenen Weg, um ihre Vision auszudrücken."

Einen eigenen Weg finden. Dieses Credo sollte sich auch die Berliner Modeindustrie vergegenwärtigen, um final aus dem Dornröschen-Schlaf zu erwachen und den unzähligen Talenten die verdiente Unterstützung und passende Plattform zu bieten. Wir sind kein Paris, London oder New York – aber das müssen wir auch gar nicht. Berlin hat seinen ganz eigenen Charme, der langsam, aber sicher auch seinen Platz in der Mode findet. Der Prinz ist schon im Anmarsch.

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Maria Miottke: "Der Catwalk ist aus der Mode nicht wegzudenken, er ist aber auch veraltet ... Ich empfinde die Kombination aus lebendiger Geschichte, Mode und Tanz als einen sehr spannenden Mix. Man arbeitet mit verschiedenen Expertisen, das ist ein großes Plus."
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Olga Khristolyubova: "Niemand würde bestreiten, dass Berlin eine Stadt voller kreativer Menschen ist, aber die Verknüpfungen zwischen ihnen fehlen häufig – dieses Projekt schafft diese. Es ist sehr zeit- und arbeitsintensiv, so etwas auf die Beine zu stellen (das wird gerne unterschätzt) und vielen Menschen mangelt es an dieser Bereitschaft. Es ist toll, in der Realisierung unserer Ideen unterstützt zu werden."

Credits


Fotos: Olga Khristolyubova
Designer: Don Aretino, Olga Khristolyubova, Maria Miottke, Johanna Liebl