brauchst du einen signature look, um es in der modebranche zu was zu bringen?

Anna Wintour, Karl Lagerfeld, Emmanuelle Alt – die einflussreichsten Persönlichkeiten der Branche handhaben ihren Alltagslook wie eine Wissenschaft. Aber was war zuerst da: der Erfolg oder Signature Style?

von Courtney Iseman
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27 Oktober 2014, 11:59am

Norbert Schoerner

Du musst nur den Bob und die Sonnenbrille sehen und weißt Bescheid: Anna Wintour. Karl Lagerfelds Look ist so eindeutig, dass er zum Halloween-Kostüm geworden ist. Emmanuelle Alt kann man in ihren Balmain-Jacke, Topshop-Jeans und schwarzen Stiefeletten kilometerweit erkennen. Die einflussreichsten Personen der Modebranche handhaben ihren alltägliches Aussehen als wäre es eine exakte Wissenschaft, bis an den Punkt, wo sie sich selbst karikieren könnten, würden sie nicht so verdammt chic aussehen. Erfolg und Signature Style scheinen Hand in Hand zu gehen, nur was ist Ursache und was Wirkung? Oder ist es beides in einem? Schauen wir uns die nächste Welle der Großen an, der aufstrebenden Annas und Karls, fragt man sich: Ist die Idee von einer „typischen" Art, sich anzuziehen, noch immer eine Schlüsselkomponente zum Erfolg?

Wenn wir an den ersten Celebrity der Fashion-Industrie denken, als die Idee gerade erst im Entstehen begriffen war, große Bekanntheit auch für die Arbeit hinter den Kulissen zu erlangen, fällt einem sofort Diana Vreeland ein. Die Redakteurin von Harper's Bazaar und Vogue war eine Powerfrau, die sich und ihre Arbeit mit einer legendären Persönlichkeit, aber auch dank ihres enormen Weitblicks berühmt machte. Vreeland hatte ihren ganz eigenen Look, und obwohl sie dazu ermunterte, Mode „joie de vivre" zu genießen, war sie der Meinung, dass bestimmte Styles nur zu bestimmten Typen passen. Zum Beispiel sagte ihre eingeheiratete Enkelin und Regisseurin des Dokumentarfilms The Eye Has to Travel, Lisa Immordino Vreeland, dass die Modejournalistin der Meinung war: „Blue jeans are the most beautiful thing in the world… but only if you look well and have long limbs." Ihr eigener Stil war von Kabuki inspiriert, mit eher theatralisch aufgetragenem Rouge und der Hälfte ihrer Haare straff zu einem Zopf gebunden. Sie liebte Rot und man sah sie oft in eleganten Blusen und exotischen, prunkvollen Halsketten. Vreeland setzte den Standard für Moderedakteure und künftige VIPs, indem sie den Anspruch entwickelte, sich von den eigenen Visionen inspirieren zu lassen und seine Ziele fest entschlossen und unverfroren zu verfolgen. Die nächste Generation der Vreeland-esken Hoffnungsträger betrachten sie als Inbegriff für Erfolg, kein Wunder also, dass sie ihrem Beispiel folgen und einen Signature Look entwickeln, der sagt: „Hier bin ich, das ist meine Vision, vergesst das nicht."

„Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, was ich anziehe" ist nicht nur das einfache Credo eines Signature Looks, es löst auch ein ganz reales Problem der Modebosse.

Aber was kommt zuerst: der Erfolg oder der Signature Style? Haben die Fashion-Redakteure einen Signature Look, weil sie Zugang zu einer beträchtlichen Kleiderauswahl haben, mit der sie sich zu Tode definieren können? Und ist es eine Art Notwendigkeit für einen vielbeschäftigten Redakteur, Designer oder Autoren, die eigene Garderobe um der Effizienz Willen auf eine Uniform zu reduzieren? Oder ist der Look vor allem ein Mittel, ein Zeichen zu setzen? Suzy Menkes hat einmal gesagt, ein Signature Look sei für einen ambitionierten Redakteur dringend notwendig - und wenn man jemandem aufs Wort glauben möchte bezüglich wiedererkennbarem und individuellem Style, dann Menkes'. Sie ist eine weltbekannte, respektierte Modejournalistin und ihre pompöse Föhnfrisur macht sie so unverkennbar wie was sie schreibt.

Ein Signature Look ist Stärke. Er sagt aus, dass dieser Moderedakteur (oder Designer oder PR-Manager) genau weiß, wer er oder sie ist, was er oder sie will, auf was er oder sie steht. Da gibt es kein Hin und Her zwischen Bohème und Biker - die Identität steht. Die Uniform drückt die ästhetische Herangehensweise und Fähigkeit aus, zu edieren, zu optimieren und zu entscheiden. Sie sagt aus, dass man viel zu beschäftigt ist, jeden Morgen vor dem Kleiderschrank zu stehen und zu überlegen, wer man sein möchte, denn man weiß schon wer man ist. Sie strahlt Autorität und Selbstsicherheit aus. Nehmen wir Tonne Goodman, ein Inbegriff des unkomplizierten, geradlinigen Chic, mit ihrem schwarzen Rollkragenpullover und den weißen Jeans. Mario Testino hat über die Vogue-Redakteurin gesagt: „If anyone defines the phrase ‚less is more', it's her." Eine Meisterin durch Vision und Stil, die sich von Trends unbeeindruckt klar für die Klassiker und jene Ästhetik entscheidet, die an ihr sichtbar funktioniert. Ihr Einheitslook aus edlen Hemden und Hosen lenkt die Aufmerksamkeit auf ihre Arbeit, und räumt ihr effizienterweise umso mehr Zeit für ihre vollen Tage ein. Sie setzte den Maßstab dafür, wie man modische Erfüllung im Einheitsoutfit finden kann.

„Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, was ich anziehe," ist nicht nur das einfache Credo eines Signature Looks, sondern löst auch ein ganz reales Problem für die Modebosse. Wenn du deinen Look bis auf etwas wie eine Formel eingegrenzt hast, musst du nur noch entscheiden, welche Version des Gesamtpakets du anziehen möchtest. Vera Wang hat auf ihrer Webseite eine Ode über „uniform dressing" verfasst, in der sie Jackie O als eine Ikone bezeichnet (interessanterweise für ihren T-Shirt-Hose-Look und nicht für ihr Kostüm) und erklärt, sie sehe die Möglichkeit zur Selbstdarstellung darin, seine Basics mit einer kontrollierten Dosis Statement-Jacke oder -Accessoire zu kombinieren. Sie sagt außerdem, dass viele Designer ihr Standardoutfit haben. Deren Fokus und der der Moderedakteure sei in erste Linie, eine Welt vor allem für Kunden und Leser zu kreieren -weshalb ihr eigener Look im Vergleich zu dem, was sie produzieren, an zweiter Stelle stehe. Ihr Äußeres müsse Modebewusstsein so effizient ausdrücken, dass dabei der Fokus auf die Kleidung gewahrt wird, mit der sie arbeiten, nicht auf die, die sie tragen

Leandra Medine alias Man Repeller ist zum Star-Blogger geworden, indem sie ihre schrillen Outfits dokumentiert hat, aber seitdem ihre Profession mehr darin besteht, Bücher zu schreiben und Capsule Collections aufzulegen als ihre eigene Garderobe in Tagebuchakribie festzuhalten, ist sie nun stolze Befürworterin der Uniformidee. In ihrem Text The Uniform schreibt sie, wie Tim Gunns „ten items every woman needs" sie inspiriert hat, ihren Kleiderschrank auf verschiedene Versionen der Essentials herunterzubrechen, die sie gern anzieht und in denen sie sich pudelwohl fühlt. Man kann sich denken, dass Medine, wie die meisten erfahrenen Fashion-Leute, diesen Wandel vom Chamäleon zur Signature-Look-Powerfrau mit dem Erwachsenwerden assoziiert. Man findet heraus, wer man ist, und zieht sich entsprechend an.

Dennoch bleibt die Frage, ob die glorreichen Branchenprofis es schaffen, ihr Potential als stilprägende Fackelträger voll auszuschöpfen, wenn sie sich an eine so festgelegte Formel halten. Anna Wintours monotone Ensembles wurden von Zeitungen wie der Daily Mail, dem Telegraph und dergleichen, kritisiert, weil Kontrahenten nicht verstehen können, wie jemand mit mehr Zugang zu Mode als irgendjemand sonst so sehr an einem Outfit festhalten kann. Man möchte doch in den Modejournalisten das Bewusstsein für sensationelle Designer und die Liebe zur Mode erkennen. Manche denken vielleicht, das gehöre nicht in ihren Zuständigkeitsbereich, aber in der Modebranche berühmt zu sein heißt auch, von anderen als Stilikone wahrgenommen zu werden. Die Menschen wollen sich inspirieren lassen, weil ihre Ikone sich scheinbar eben auch hat inspirieren lassen.

Während ein Signature Look offenbar gleichzeitig Ursache und Wirkung für den Erfolg im Mode-Business zu sein scheint, sollte die strenge Kunst der Einheitsbekleidung vielleicht mit einem Hauch Abenteuerlust gemildert werden. Die formelhafte Art sich anzuziehen ist zweifellos praktisch und steht für Autorität, aber wer in der Industrie aus Kleidung und Accessoires arbeitet, sollte imstande sein, Trends, die man liebt, genau wie sensationelle Designer aufzugreifen, die man gerade erst entdeckt hat. Die immerzu avantgardistische Daphne Guinness ist das lebende Beispiel, dass ein Signature Look nicht langweilig sein muss: Man kann auf Anhieb klar erkennbar sein und trotzdem abenteuerlich, man kann sich selbst neu erfinden und dabei seiner Identität treu bleiben. Diese Regel zu befolgen, ist das eigentliche Kunststück; eine Leistung, die perfekt auf den einflussreichen Fashion-VIP zugeschnitten ist. Sie haben ihren Stil, den unverkennbaren Look, aber sie wissen die Elemente der Branche aufzunehmen, die sie erobert haben.

Credits


Text: Courtney Iseman 
Foto: Norbert Schoerner