ich denke, also instagramme ich?

Dass wir immer mehr von der Dokumentation und Kuratierung unserer Leben im Internet besessen sind, sagte der renommierte und kontroverse Cyberpunk-Autor J. G. Ballard bereits im November 1987 in unserer The Fear Issue, No. 53 voraus.

von Ryan White
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02 September 2015, 8:45am

The Fear Issue, No. 53, November 1987.

Die Zustände im Jahr 2015 sind vielleicht nicht ganz so düster wie die Zukunftsvisionen der dystopischen Literatur des 20. Jahrhunderts, aber das bedeutet nicht, dass nichts wahr geworden wäre. Die Gesellschaft mag vielleicht nicht so brutal und amoralisch wie bei Burgess oder so tyrannisch regiert wie bei Orwell sein, aber die alles verschlingende Ausbreitung von Social hat James Graham Ballard schon vor Jahrzehnten in einem Beitrag für uns vorausschauend analysiert.

„Die Angst vor dem Unbekannten und die Illusionen, denen wir uns hingeben, um diese Angst ins Unbekannte zu stoßen. Das echte Leben ist zu einer Seifenoper verkommen. Hast du Angst? J. G. Ballard hat sie." Das sind die einleitenden Worte des i-D-Interviews mit Ballard aus dem Jahr 1987. Ausgehend von der Beziehung zwischen dem menschlichen Bewusstsein und Technologie, setzt sich Ballard darin mit Angst auseinander und sagt voraus, dass jeder in der Zukunft zum Schauspieler, Drehbuchautoren und Regisseur seiner eigenen Fernsehserie wird, unsere Freunde und Familie spielen dabei die Nebenrollen. 28 Jahre später ist seine Vorhersage rückblickend ziemlich erstaunlich, da wir mittlerweile in einer Zeit leben, die von unseren Online-Profilen und -Accounts geprägt ist.

Mit seinem preisgekrönten Roman Das Reich der Sonne, der von Steven Spielberg verfilmt wurde, und erst recht mit Crash hatte Ballard 1987 seinen Status als kontroverse Figur des Literaturbetriebes zementiert. Unter der Überschrift „Traveller in Hyper-Reality" diskutierten Jim McClellan und Steve Beard mit J.G. Ballard die europäische „Medien-Landschaft"; ein Begriff, den Ballard prägte, um das Verschwinden einer „echten" Landschaft unter einem medial-induzierten Dunstschleier zu beschreiben - ein Thema, was sich in vielen seiner Werken wiederfindet.

Laut Ballard wurde die „Medien-Landschaft" Europas im Jahr 1987 von einem zunehmend verzerrten Realitätssinn bestimmt - dank der telemedialen Unterhaltung. Sein aktuellster Roman zum Zeitpunkt des Interviews hieß Der Tag der Schöpfung und spielt darauf an, wie westliche Gesellschaften einen Verlangen nach den morbideren Dingen im Leben entwickelt hätten. Als Beispiel führte der Schriftsteller die Verdrängung von traditionellen, althergebrachten Dokumentationen über die Dritte Welt durch Dokumentationen über dasselbe Thema, die jedoch den Konventionen und Formaten von fiktionaler Unterhaltung folgen, anstatt den Bedürfnissen der Menschen, die dort leben, an. Zwar war es als Randbemerkung einer ansonsten ziemlich geradlinigen Abenteuergeschichte gedacht, aber Ballards Überzeugung, dass unser Verlangen nach Unterhaltung in sachlichen Informationen eingebettet wird, dürfte beim heutigen Publikum Anklang finden; ein Publikum, das besessen von konstruierten Reality-Fernsehformaten ist.

Jedes Zuhause wird sich in sein eigenes TV-Studio verwandeln. Wir werden alle gleichzeitig Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor in unserer eigenen Seifenoper sein. Die Leute werden anfangen, sich selbst zu senden. Sie werden zu ihren eigenen Fernsehprogrammen.

Das Internet als Konzept wird im Interview nur leicht gestreift: „Die Zukunft liegt in unsichtbaren Datenströmen, die durch Leitungen fließen, und einen unsichtbaren Teppich aus weltweitem Handel und Informationen weben". Wenn man sich vor Augen hält, dass das Verständnis über das Internet zu der damaligen Zeit noch nicht sonderlich ausgeprägt war, hat Ballard eine erstaunlich genaue Vorstellung davon, wie es funktioniert und über die grundlegende Bedeutung, die es einmal haben wird. Es ist jedoch seine Vorhersage, wie wir die Technologie nutzen werden, um uns neue Persönlichkeiten zu schaffen, die er so gespenstisch scharfsinnig vor mehr als 25 Jahren getroffen hat: „Jedes Zuhause wird sich in sein eigenes TV-Studio verwandeln. Wir werden alle gleichzeitig Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor in unserer eigenen Seifenoper sein. Die Leute werden anfangen, sich selbst zu senden. Sie werden zu ihren eigenen Fernsehprogrammen." Die Besessenheit des 21. Jahrhunderts, ein vermeintliches Publikum mit Updates über Aktivitäten versorgen zu müssen, dürfte diese Auffassung stützen, ganz zu schweigen von der wachsenden Beliebtheit des Video-Blogging auf der Plattform YouTube.

Es ist kein Geheimnis, dass viele von uns diese Möglichkeit der „Hauptrolle" nutzen, um eine verbesserte Version von sich zu kreieren; eine Rolle, über die wir vollständige Kontrolle haben und für die wir das Drehbuch schreiben, dabei Regie führen und uns selbst spielen. Das war kein spontaner Blitzgedanke Ballards, zehn Jahre vor diesem i-D Interview skizzierte Ballard in einem Essay für die Vogue bereits diese Idee. Er sagte voraus, dass in der Zukunft jeder von uns seine Abende „vor einem Computer verbringen, seine besten Profile, seine witzigsten Dialoge und seine rührendsten Momente, die durch die freundlichsten Filter gefilmt wurden, auswählen wird und dann daraus den Tag konstruieren wird." 38 Jahre nach diesem Vogue-Essay und 1,39 Milliarden aktive Facebook-Nutzer später ist dieser Gedanke Realität geworden. Aber hattw Ballard zurecht Angst vor dieser Zukunft?

Die dunkle Seite des Online-Ichs hat bereits seine hässliche Fratze gezeigt, wie das wachsende Gefühl von Unzulänglichkeit, was sich unter europäischen Jugendlichen im Vergleich ihrer Online-Ichs ausbreitet, zeigt.

Die dunkle Seite des Online-Ichs hat bereits seine hässliche Fratze gezeigt, wie das wachsende Gefühl von Unzulänglichkeit, was sich unter europäischen Jugendlichen im Vergleich ihrer Online-Ichs ausbreitet, zeigt. Laut der englischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) besteht ein Zusammenhang zwischen der Zeit, die auf sozialen Plattformen verbracht wird, und niedrigen Werten beim Wohlergehen. Wenn man aber mal positiver über Socials nachdenkt - unabhängig von unseren Gefühlen und Absichten - ist das Konstruieren einer Online-Version unseres Ichs wirklich so schlecht und verwerflich? Wie ein Großteil seiner Werke klang auch das Interview mit ihm in i-D sehr panisch: „In einer Medien-Landschaft ist es fast unmöglich, Wahrheit von Fiktion zu unterscheiden", sagte er 1987 zu Jim McClellan und Steve Beard.

Das Unvermögen, Wahrheit von Fiktion im Internet zu trennen, würde zweifellos zu einer gestörten Wahrnehmung des echten Lebens führen. Psychologe und Nobelpreis-Gewinner Professor Daniel Kahnemann behauptet, dass die jetzige Instagram-Generation, die Gegenwart als vorgegriffene Erinnerung begreife." Wie viele von uns konstruieren Situationen, nur um sie anderen zeigen zu können? Anders ausgedrückt: Wie viele von uns schreiben sich die Szenen in ihrem Drehbuch namens Leben für eine bessere Quote? Letztlich verlieren wir die Fähigkeit, uns selbst im Moment zu genießen, denn wir sind mehr damit beschäftigt, eine gute Show abzuliefern.

Ballard starb 2009. Er erlebte die Blüte von Social Media und Reality-TV nicht mehr mit, die er so treffend vorhergesagt hatte. Langfristig betrachtet, befindet sich Social Media noch in seinen Kinderschuhen und die Langzeitwirkungen von Social Media auf unsere Leben müssen sich erst noch zeigen. „Ich denke, also bin ich", sagte der französische Philosoph Descartes einst; ein Satz, von dem er glaubte, dass er seine eigene Existenz beweist, einfach nur aufgrund der Tatsache, dass er diesen Gedanken äußern kann. „Ich denke, also instagramme ich" wäre wohl ein passenderes Mantra für die heutige Generation. Oder umgekehrt ausgedrückt: Wenn ich nicht auf Instagram bin, existiere ich dann überhaupt? (#picsoritdidnthappen) 

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Credits


Text: Ryan White
Foto: Aus The Fear Issue, No. 53, November 1987

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