Burberry und die Prolls

"Berberry" ist das Fotobuch, das den Leuten gewidmet ist, die das bekannte Karo des britischen Kultlabels an die Grenzen des Geschmacks getrieben haben.

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Dez. 10 2015, 10:10am

Schon von klein auf, hatte ich eine Schwäche für Burberry. Die Schals, der Haargummi mit Nova-Karo und die Kleinkind-großen Handtaschen waren alle Teil meines Alltags – und natürlich alles Fakes. Das Burberry-Karo ist das am meisten kopierte Muster in der Modewelt. Sofort und überall erkennbar wurde das Tartanmuster kopiert, gefälscht und auf der ganzen Welt individualisiert, sehr zum Ärger des Labels. Aus dem spießigen Symbol hochpreisigen Luxus' wurde das Emblem der sogenannten Proll-Couture und Teil des Dresscodes der Fußballhooligans.


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Von Thomas Burberry 1856 gegründet, verkörperte das Label in den frühen Tagen den britischen Adel. Getragen wurde Burberry vom ersten Mann am Südpol und von den Armeeoffizieren in den Gräben (engl. trenches, daher der Name Trench Coat, Grabenmantel), Burberry-Kleidung war für seinen praktischen Nutzen bekannt.

In einem bemerkenswerten Fall von kultureller Aneignung wurde Burberry zum Symbol einer Pseudo-Luxus-Couture und zum kulturellen Erbe der Arbeiterklasse. Auf gleiche Weise wie die Lo Lifes aus Brooklyn in den 80ern Ralph Lauren Polos, wurde Burberry Ziel sogenannter Wiederaneignung durch Fälschungen und billigen Imitaten.

Burberry wurde in einem Atemzug mit Prolls genannt – ein Wort, das mehr über den aussagt, der es benutzt, als über die urbane, britische Arbeiterklasse. Der Print wurde auf alles gedruckt, von Handyhüllen bis Bierdeckeln. Aber erst als die Eastenders-Schauspielerin Daniella Westbrook in Kopf bis Fuß in Burbs eingekleidet war und passend dazu ihr Baby in passendem Nova-Karo-Strampler und -Buggy, begann man sich bei Burberry darüber ernsthafte Gedanken zu machen.

Es entwickelte sich zu einer Art Uniform der Fußballtribünen, als Fußballhooligans das bekannte Muster für sich entdeckten. Natürlich war die Entscheidung, Burberry zu tragen, Teil eines größeren subkulturellen Phänomens, bei dem Fußballfans ihre einfach zu erkennenden Clubfarben gegen Designerkleidung und Sportswear eintauschten. Einerseits erregte man so nicht so schnell die Aufmerksamkeit der Polizei, andererseits konnten sie so einfacher die Kneipen der gegnerischen Mannschaft infiltrieren. Die Pub-Inhaber erstellten zusammen mit der Polizei schnell eine Listen mit verbotener Kleidung. Neben Marken wie Stone Island, Lacoste, Aquascutum und Henri Lloyd war auch Burberry in manchen Pubs offiziell verboten.

Als Reaktion darauf rief der Burberry-Hersteller dazu auf, das schwarz-beige Muster nicht länger zu produzieren. Natürlich trugen die Leute weiterhin ihre bereits erworbenen Kleidungsstücke. Es waren so viele, dass Künstler Toby Leigh ein Jahrzehnt lang damit verbrachte, gefälschte Burberry-Artikel zu fotografieren. Angefangen bei Rollstühlen über Geburtstagskuchen, Tattoos, Einkaufswagen, Schaltknüppel bis hin zu ganzen Häuserfassaden. In seinem Bildband Berberry, der bei Ditto Press erschienen ist, versammelte er die schönsten 100 Eigenkreationen.

"Vor ungefähr zehn Jahren nahm ich das Muster an immer abstruseren Orten wahr", erklärt der Fotograf. "Burburry war nicht länger dieses exklusive West-London-Ding. Auf einmal trug es jeder und man konnte nicht mehr unterscheiden, was echt und was fake war."

Auf der Suche nach dem Tartan-Muster bereiste er die ganze Welt, von Thailand und New York bis Marrakesch und den Londoner Außenbezirken. "Es ist allgegenwärtig", so der Fotograf. "Wenn Leute aus anderen Ländern das Burberry-Muster produzieren, assoziieren sie es mit einem gewissen britischen Erbe, mit einer längst vergangenen Zeit, in der vieles besser war."

Heutzutage ist es für Leigh nicht mehr so leicht, seine Sammlung weiterzuführen. "Das hat echt nachgelassen. Man findet im Internet nichts und auch die Klamottenläden haben nicht mehr so viel Auswahl, weil sie sonst von der Burberry-Geheimpolizei verfolgt werden und ihnen mit Gerichtsverfahren gedroht wird."

Die hochpreisigen Labels unternehmen viel, um gegen Fälschungen ihrer Klamotten vorzugehen. Dabei ist keine Marke so konsequent wie Burberry. Um wieder das luxuriöse und opulente Image zu erlangen, ergreift das Label extreme Maßnahme: Sie bedienen sich eifrig Models aus der britischen Aristokratie, um sich von den Fälschungen zu distanzieren. Und dank der Schwarz-weiß-Aufnahmen von Mario Testino und Kampagnen mit Kate Moss und Keira Knightley hat Burberry den Imagewandel geschafft. Wenn man heutzutage einen Burbs-Store betritt, dann gibt es weit und breit kein Nova-Karo.

Nichtsdestotrotz erleben wir eine Renaissance des klassischen Burberry-Prints. Wie immer in der Mode, kommt irgendwann alles wieder. Vom Burberrys Nova-Karo über das originale Dior-Logo bis zum Fendi-Monogram-Print: Die prahlerischen Wenn-man-es-besitzt-soll-man-es-zeigen-Muster sind überall.

"Berberry" ist bei Ditto Press erschienen und hier erhältlich.