Surreale Fotos des Alltags auf den Straßen New Yorks

Die in Brooklyn lebende Künstlerin KangHee Kim kann wegen ihres Visums die USA nicht verlassen. Doch indem sie Collagen aus alltäglichen Begebenheiten erstellt, erschafft sie sich kleine Oasen der Freiheit.

von Hannah Ongley; Fotos von Kanghee Kim
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07 November 2016, 2:50pm

KangHee Kim wartet nicht länger auf ein Wunder, sie erschafft sich ihre Wunder einfach selbst. Das Thema der Fotoserie Street Errands der in Brooklyn lebenden Südkoreanerin ist Freiheit und Flucht: Erst flieht sie vor dem rigiden Bildungssystem ihres Heimatlandes und dann vor den amerikanischen Visabestimmungen, die ihr die Ausreise aus den USA verwehren. Mit Photoshop erstellt sie aus den Aufnahme, die sie vom ihrem New Yorker Alltag macht, Collagen und entwirft so utopische Wunderwelten aus einfachen Straßenszenen.


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So kann aus dem Lampenkabel das Tor in eine andere Welt werden, Fernseher auf der Straße senden Bilder von funkelnden Seen. Ihre Collagen hat KangHee Kim in ihrem Buch Magic zusammengestellt. Entstanden ist ein Fototagebuch von Szenen an den Orten, die man normalerweise im Alltag nicht weiter beachtet. Wir haben mit der Künstlerin über ihr neues Leben in den USA, Südkorea und den Reiz kleiner Makel gesprochen.

Wann bist du aus Südkorea nach New York gezogen? Und wie sind deine Eindrücke? Wie unterscheidet sich das kreative Leben in Südkorea von dem in den USA?
Ich bin mit meiner Mutter und meinem älteren Bruder der besseren Bildung wegen mit 14 in die USA gezogen. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, besonders meinem Vater, der uns aus Südkorea seit zehn Jahren unterstützt. Ich habe mich schon immer für Kunst interessiert und den Traum, Künstlerin zu werden, nicht weiterverfolgt, weil das südkoreanische Schulsystem so streng reglementiert ist. Nachdem wir in die USA gezogen sind, konnte ich ich selbst sein, ohne dass ich dem unnachgiebigen Druck ausgesetzt bin, unter dem jeder Schüler in Südkorea steht. Ich schätze den Individualismus in den USA.

Kannst du uns näher erklären, was deine Collagen mit dem Thema Freiheit zu tun haben?
Indem ich die Fotos manipuliere, schaffte ich unendliche Möglichkeiten, fern aller Grenzen und Schranken, die das reale Leben einem auferlegt. Ich kann durch das Visum die USA nicht verlassen. Ich verändere die Realität in den Fotos, in manchen Fällen nehme ich die originalen Fotos sogar ganz auseinander, was zu neuen Horizonten führt. Aus den alltäglichen Aufnahmen dann surrealistische Collagen zu basteln, gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Statt auf ein Wunder zu warten, kreiere ich die magischen Momente aus meinen Erfahrungen mit meiner Vorstellungskraft.

Was war das erste Foto der Street Errands-Serie? Und was hat dich dazu inspiriert?
Ich hatte einfach genug davon, auf die spannenden Momente zu warten. Das erste Foto war ein Kaffee, der in der Straße verschüttet wurde und den ich mit einem Mauer-Foto verschmolzen habe. Ich betrachte die fertigen Collagen als Gemälde und meine Signatur ist die Postproduktion. In der Werbefotografie wird Photoshop so oft eingesetzt, um Details herauszuarbeiten und dafür zu sorgen, dass die Bilder makellos aussehen. Mich interessiert jedoch der Prozess und die Idee dahinter und habe einfach damit angefangen, die Makel und Spuren in den Fotos nicht zu verstecken. Ich präsentiere meine Vorstellung von Perfektion und zeige das Besondere in den Fotos. Dabei lasse ich absichtlich ein paar Makel sichtbar. Es sind doch die kleinen Makel, die Leute attraktiv und menschlich erscheinen lassen.

Du stellst in deinen Collagen Alltägliches dem Magischen gegenüber. Wirst du von einem Foto für die ganze Collage inspiriert?
Ich fotografiere jeden Tag und versuche, dabei nicht daran zu denken, welches nun zuerst da war. Der Grund, warum ich meine Umgebung fotografiere, ist einfach mein Glaube daran, dass wahres Glück durch die kleinen Freuden im Alltag entsteht, wie eben die perfekten Ziegelsteine auf der Straße zu finden oder schöne Sonnenuntergänge oder Szenen am Nachmittag festzuhalten. Wenn man nicht im Moment lebt, kann man schwerlich die Momente genießen und wertschätzen, die man gerade erlebt. Deshalb habe ich meine eigene utopische Welt aus meiner Umgebung erschaffen. Wenn ich fotografiere, denke ich nicht gleich daran, daraus eine Collage zu basteln. Ich konzentriere mich auf jedes einzelne Foto und plane nicht im Voraus. Mein Archiv aus Landschaftsfotos und Straßenszenen ist ziemlich groß. Ich klicke mich auf meinem Computer durch die Bilder und mische sie dann einfach miteinander. Das ist für mich der spannendste Aspekt der Arbeit, weil ich hier den Raum erschaffe, in dem ich leben möchte.

Wie hat sich deine Kunst durch Umzug von Baltimore nach New York verändert?
Ich mache viel weniger Gegenständliches. Ich habe Prints gemacht, aber Gemälde und Skulpturen habe ich erst mal auf Eis gelegt, weil ich keinen Platz habe. Momentan arbeite sehr viel mehr mit Fotografie. Die Kunst ist ein integraler Teil meines Lebens geworden, seitdem ich in New York lebe. Ich denke nicht, dass ich ins Studio gehe und Kunst produziere, es hat sich einfach so entwickelt.

Du bist auch auf Instagram erfolgreich. Dein Account ist nicht nur lustig, sondern auch technisch gut gemacht. Wie sieht deine Social Media-Strategie aus?
Ich kann nichts Schlechtes über Instagram sagen. Ich bin darüber zur Fotografie gekommen. Die Plattform ist ein einfaches Tool, mit dem ich das teilen kann, was ich möchte. Ich poste meine Kunst, Fotos von Hunden, Essen oder Fotos von meinen Freunden. Manche Künstler machen um Instagram einen Bogen, weil sie es nicht so ernst nehmen. Ich nehme die Plattform ernst.

@tinycactus

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