Der i-D Guide für dieses Internet

Es hält uns in einer ewigen Schleife aus Selbstmitleid, Einsamkeit, Schadenfreude und Hysterie – und doch können wir nicht ohne.

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Apr. 17 2018, 8:53am

Es ist eine Herausforderung, einen Guide fürs Internet zu schreiben. Das Internet ist kein Ort, kein Gegenstand und auch keine Aneinanderreihung von Ereignissen. Es ist nicht Coachella und auch kein veganes, glutenfreies Restaurant. Es gibt keine Anekdoten über das Internet oder Erinnerungen daran. Es hat kein Bewusstsein. In vielerlei Hinsicht existiert dieses Internet gar nicht. Es verbindet uns mit anderen und erinnert uns an Dinge, wie es ein Telefon oder Hund auch tun würden. Ich versuche es trotzdem. Es ist ein Guide für jeden Menschen, der seine Existenz von einem Ladekabel abhängig macht.


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Schuld
Früher dachte man, das Internet mache abhängig. Aber diese Annahme ist falsch. Das Internet wurde so wichtig wie die Erde, das Wasser, das Feuer und dein MacBook Air. Heute entscheidet man sich nicht mehr für das Internet, es ist Teil des Lebens geworden ­– wie Essen und Sex. Du fragst dich wie? Weil es zwei der elementaren, menschlichen Gefühle befriedigt: Schuld und Freude. Soweit es mich betrifft, hält uns das Internet in einer ewigen Schleife von Selbstmitleid, Einsamkeit, Schadenfreude und Hysterie. Permanent wird man auf irgendetwas hingewiesen: Drei Leute nehmen heute an einer Veranstaltung in deiner Nähe teil oder auch Bertie hat ein Foto von dir gelikt. Plötzlich sind drei Stunden vergangen und man hat nichts weiter getan, als endlos ins Nirvana gescrollt.

Sex
Die Erwartung, dass das Internet Sex zwischen zwei Menschen auf wirklichkeitstreue Art und Weise abbildet (und ihn als Akt des gegenseitigen Einvernehmens zeigt), war nie besonders realitätsnah. Stattdessen wurde Sex im Internet als Farce wiedergeboren. Eine Farce, in der Frauen ständig nur stöhnen und die Macht des Penis anbeten. Das ist auch in Ordnung, solange man dabei nicht vergisst, dass Penisse eigentlich nur weiche Zucchinis aus Haut sind und genauso enttäuschend schmecken.

Identität
Für die meisten der wahrscheinlich wichtigste Aspekt des Internets. Der Aspekt, über den viele Panel-Diskussionen in ehemaligen Industriegebäuden in Kreuzkölln, Mitte und Friedrichshain gehalten werden. Würde das alles ohne das Internet überhaupt existieren? Wer bist du und wie sehr stimmt deine Online-Identität mit deiner echten überein? Leute, die kein Facebook haben, sind Gespenster, die dir in Fotoalben aus dem Jahr 2007 begegnen. Besonders deutlich wird das, wenn man ihre Namen hashtaggen muss, weil sie kein Instagram haben. Ja, es gibt tatsächlich Menschen, die ein Leben jenseits von Social Media führen. Müsste man das Internet in Bildern beschreiben, würden wir uns in einem riesigen Spiegelraum mit endlos vielen Spiegelbildern wiederfinden. Hier kannst du endlich deine narzisstische Seite ausleben und das Hätte-wäre-wenn bis zum Exzess ausleben. Und das tust du vermutlich bereits – solange der Akku hält.

Feminismus
Viele hassen Online-Feminismus, weil er militant ist. Aber mal im Ernst, hören wir endlich damit auf, zu ignorieren, wie wichtig Twitter und Co. für Diversity und die Glaubwürdigkeit von Feminismus sind. Ignoriert die ganze Bewegung nicht bloß, weil Online-Feminismus anfangs von ein paar reichen, weißen Frauen in den Medien geprägt war, die Miley Cyrus hören und Leggings tragen. Die bekommen heute alle keine Aufträge mehr, weil sie keine 10.000 Follower auf Twitter haben. Online-Feminismus kreiert Kunst, besonders Gedichte – und er tut dies auf wundervolle Art und Weise.

Die liebe Werbung
Und schließlich der wahre Grund für das Dasein des Internets: die liebe Werbung und das Geld. Uns werden Dinge verkauft, die von Sklaven in Asien verpackt wurden, in Paketen versandt, die beim Nachbarn abgegeben wurden, dessen Namen wir noch nie zuvor gehört haben und die uns doch nie erreichen. Das Internet ist die Spitze des Spätkapitalismus. Es sorgt mit nur mit einem Klick für die Lieferung am nächsten Tag. Shop the Look. Das Internet hat die Arbeitswelt, die Kultur, das gesellschaftliche Leben und unsere Freizeit durchdrungen und auf einen kleinen Bildschirm gepackt. Wenn du sprichst, hört dir das Internet zu. Egal, was du auch eintippst, es merkt sich alles. Du hast ein einarmiges Top bei ASOS gekauft? Das Internet wird dir den zweiten Arm verkaufen wollen. Nur naive Seelen vergessen, dass die Online-Medien unsere Feeds nur deswegen mit ihren Inhalten fluten, um das große Geld zu verdienen. Meist werden sie von Typen in Paul-Smith-Socken gesteuert, um sich ein schönes, großes Haus zu kaufen. Das Internet ist keine utopische Demokratie. Es ist langweilig, vorhersehbar, gierig, oberflächlich und korrupt. Wie alles andere also auch. Viel Spaß damit.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.