für das französische traditionshaus courrèges bricht eine neue ära an

In Paris, dem Epizentrum des aktuellen Wandels in der Modewelt, werden nicht nur neue Marken gegründet, sondern auch altgedienten Häusern neues Leben eingehaucht. Wir haben Arnaud Vaillant und Sébastien Meyer getroffen, die beiden Designer hinter der...

von Alice Pfeiffer
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15 Juli 2016, 9:10am

Unter der Führung der beiden neuen Kreativdirektoren Arnaud Vaillant und Sébastien Meyer entwickelt Courrèges, das futuristische Pariser Label der 60er, ein neues Gefühl französischer Jugendlichkeit. Zur Präsentation ihrer Debütkollektion während der Frühlings/Sommer-Schauen 16 in Paris trug jedes Modell nur ein Stück über einem schlichten Feinrippbody. Mit fünfzehn neuaufgelegten Courrèges-Klassikern (inklusive Minirock und Biker'esquen Blousons) in fünfzehn Variationen haben die Designer der bourgeoisen Uniform einen Twist vorgeschlagen, der den Weg für die radikalsten Wiederaneignungen ebnet. „Unsere Vision von Eleganz ist eine Philosophie und ein Gefühl von Freiheit, anstatt eines bestimmten Stils, der nur einen Nischenmarkt bedient", erklärt Vaillant, während er an seinem Glas Menthe à l'eau nippt (dem Lieblingsgetränk französischer Kinder bevor Coca Cola den Markt eroberte). Beide Designer sitzen auf einer üppigen Samtcouch im L'Avenue—einem opulenten Café im Herzen der Pariser Luxuswelt, der Avenue Montaigne, wo auch das Maison Courrèges residiert. Sie bilden hier einen recht auffälligen Kontrast—ein bisschen wie eine Szene aus einem Nouvelle Vague-Film.

Beide Designer sind in Südfrankreich aufgewachsen und wissen dementsprechend das ein oder andere darüber, was es heißt in der notorisch versnobten Hauptstadt ein Außenseiter zu sein. „Wenn du aus der Ferne von Paris träumst, liebst du die Stadt nur noch mehr. Dir fallen Dinge auf, die die Einwohner für selbstverständlich halten: dieses kleine bisschen Wahnsinn in jedem Pariser, diese mühelose Dekadenz, ihre Coolness, ihre Kultur", sagt Meyer. Beide wohnen jetzt im schicken Saint Germain, das schon vor langer Zeit von den einheimischen Bobos zugunsten der gentrifizierten Außenbezirke verlassen worden ist. Das Paar hat sich an der Pariser Modeschule Mod'Art kennengelernt und Vaillant arbeitete als Dekorateur bei Chanel und Balenciaga, bevor beide dann 2013 zusammen das Modelabel Coperni gründeten. Der Name ist eine augenzwinkernde Anspielung auf den Astronom Kopernikus und verkörpert ihre Vorliebe für futuristische Linien und mathematische Strenge—ein kleiner Vorgeschmack auf das, was danach kommen sollte.

Die Marke wurde schnell bekannt für ihren minimalistischen aber raffinierten Garçonne-Schick, gepaart mit einem wunderbaren Gespür für Tragbarkeit, was in dem vorherrschenden Klima des Sports Luxe durchaus eindeutig herausstach. Mit widerkehrenden Stücken wie gekürzten A-Linien-Röcken und enganliegenden Hosen schienen sich die beiden Jungs bereits in den Fußstapfen von André Courrèges zu bewegen. Auch der Erfolg sollte nicht lange auf sich warten lassen. Nur ein Jahr nach der Gründung von Coperni wurde das Label mit dem ANDAM Award ausgezeichnet. Ein Jahr später dann, nachdem sie 2015 auch noch für den LVMH Prize nominiert worden waren, schnappte sich Courrèges die beiden, zwang sie, sich aus der Preisverleihung zurückzuziehen und ihr vielversprechendes Label erst mal aufs Eis zu legen. „Es ist alles unglaublich schnell gegangen. Aber es fühlte sich richtig an, weil sich Courrèges so nah an unserer eigenen DNA befindet. Es ist eine natürliche, organische Weiterentwicklung, allerdings in einem Maßstab, den wir alleine nie erreicht hätten", sagt Meyer.

Was die Wiedererweckung des 60er Jahre Kultlabels angeht, hätte das Timing nicht viel besser sein können: Nicht nur war man in Frankreich ohnehin schon schwer damit beschäftigt, altgedienten Marken wie Moynat, Schiaparelli und Vionnet neues Leben einzuhauchen und damit eine Revival-Stimmung zu erschaffen, sondern auch bei Louis Vuitton gab Nicholas Ghesquières früher-70er-Spirit einen Ton in der Modewelt an, der perfekt zu dem passt, wofür Courrèges einst stand. Es gehört allerdings mehr dazu, ein altgedientes Modehaus in eine gewinnbringende Marke zu verwandeln, als einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. „Wenn du so einer gewichtigen Vergangenheit gegenüber stehst, darfst du diese nicht zu direkt übernehmen. Du musst dir überlegen, wie sich diese Philosophie in einen modernen Kontext übertragen lässt", sagt Vaillant und verweist damit auch auf die Verwendung von Weiß in den frühen Kollektionen von Courrèges, die mit der Einführung der Waschmaschine für den Heimgebrauch zusammenfielen. „Zukunft ist zwangsläufig auch eine Reflektion der Gegenwart", fügt Meyer hinzu.

Und tatsächlich, die Stärke von Meyers und Vaillants Vision liegt nicht darin, einfach zu reflektieren, wofür André Gourrèges damals stand, sondern den Versuch zu wagen, sich vorzustellen, was der Designer gemacht hätte, wenn er seine Mode 2016 entworfen hätte. (Er ist am 8. Januar dieses Jahres im Alter von 92 Jahren gestorben.) Bei ihrer Debütkollektion materialisierte sich diese Einstellung in Laser-Schnitten und Hightech-Stoffen—eine Richtung, die sie aktuell weiter auskundschaften und ausweiten wollen: Kimono-Schnitte mit Cassures (Brüchen im Stoff), die eine leichte und endlose Faltung erlauben; oder Röcke, die aus zwei Leinen-Ringen bestehen, die mit Schnappverschlüssen zusammengehalten werden. In anderen Worten: Auch wenn die Kollektion eindeutig futuristisch ist, beschäftigt sich Courrèges mit einer wesentlich näheren Zukunft. „Futurismus muss nicht zwangsläufig Science-Fiction bedeuten, es kann auch um das kommende Jahr gehen", sagt Vaillant. Diese Einstellung findet sich in einer Kollektion, die visuell nicht Hightech ist, aber sehr viel Wert darauf legt, neue Bedürfnisse für neue Lebensstile vorzuschlagen. Kommerz gepaart mit stilvollen, praktischen Lösungen? Kann das die Zukunft sein?

Credits


Text: Alice Pfeiffer
Foto: Letty Schmiterlow 
Styling: Max Clark 
Haare: Kiyoko Odo verwendet Bumble and Bumble
Make-up: Ciara O'Shea / LGA Management verwendet YSL Beauté 
Produktion: Julie Velut / Artistry London
Fotoassistent: Yi Chen, Scott Gallagher
Stylingassistent: Bojana Kozarevic, Louis Prier-Tisdall
Gedruckt von Luke / Touch
Model: Molly Bair / Elite
Molly trägt eine Jacke von Courrèges

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