michel gaubert ist der könig der fashion-week-musik

Wir baten den Maestro hinter den Show-Soundtracks von Céline, Chanel, Dior und Louis Vuitton zum Gespräch.

von Anders Christian Madsen
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23 März 2015, 8:40am

In einer Zeit, in der jeder mit einem Laptop und einem gewissen Look DJ werden kann, ist Michel Gaubert eine angenehme Ausnahme und die Art von Person, mit der man sich wirklich über Musik unterhalten will. Er hat zwar beides, aber anders als die ganzen Hipster-Angeber da draußen prallt er nicht mit Indie-Bands, von denen man noch nie gehört hat, oder spricht über Musik als esoterisches Phänomen, das keiner versteht. Das hat er schon lange nicht mehr nötig. „Weil ich ein Fashion-DJ bin, oder wie auch immer du mich nennen willst, muss ich nicht alles wissen. Ich höre, wie jeder andere auch, Musik, die austauschbar ist. Als Stylist musst du auch nicht jeden Tag Comme tragen. Manchmal reicht ein neues Paar New Balance oder Converse", erzählt er uns übers Telefon aus Paris.

Für jemanden, dessen Können als Sound Designer in höchsten Tönen gepriesen wird und der Céline, Chanel, Dior und Louis Vuitton zu seinen Kunden zählt, ist Gaubert erstaunlich auf dem Teppich geblieben. Er ärgert sich über das Überangebot an mittelmäßiger und schlechter Musik, kann jedoch mit Musiksnobs und deren angeblichen guilty pleasures nichts anfangen. „Ich bin stolz darauf, dass ich das Video zu Beyoncés „7/11" 20 Mal hintereinander angeschaut haben, als es rauskam. Ich bin kein großer Fan von ihr, aber das Video fand ich clever gemacht", sagt er. Mit über 90.000 Followern auf Instagram ist Gaubert so etwas wie das Popkultur-Orakel der Modebranche geworden und versorgt seine Anhänger regelmäßig mit ironischen und scharfsinnigen Kommentaren über die Celebrity-Kultur. „Ruhm ruiniert Musik nicht", sagt er. „Ruhm ruiniert Menschen, all diese Mädchen und Bands."

Nachdem er in jungen Jahren keine Party ausgelassen hat, lebt der 54-jährige jetzt etwas ruhiger in Paris. Alkohol trinkt er nicht mehr und auch das Feiern macht ihm nicht mehr so viel Spaß wie noch zuvor. „Ich schaue nicht mehr fern. Ich möchte nicht von dem Zeug gefüttert werden", sagt er. Reizüberflutung in all seinen Formen ist zur großen Aversion im Leben von Gaubert geworden. Konfrontiert mit der Frage, welcher Musikstar sich am besten kleidet, ist er zunächst ratlos. „Alles, was ich sehe, ist ein roter Teppich mit Prominenten, die unmögliche Kleider tragen. Die Leute übertreiben es, sie sehen aus wie Weihnachtsbäume. Ich denke, dass es einen Mangel an Schlichtheit gibt. Das Leben ist nicht so kompliziert wie das."

Fragt man ihn aber nach Designern und ihrer Musik, dann plaudert er munter drauf los. Raf Simons, Phoebe Philo und Karl Lagerfeld sind die Top-Musikexperten der Mode, neben Nicolas Ghesquière, für dessen Shows er seit den frühen Balenciaga-Tagen den Soundtrack liefert. „Für die letzte Louis-Vuitton-Show im Oktober, wollte Nicolas einen Sound der Stille haben. Ich habe dafür mit Leopold Ross aus Los Angeles zusammengearbeitet und wir stellten einen super Mix zusammen. Es war so clever." Seit über zwei Jahrzehnten interpretiert Gaubert musikalisch die Arbeiten der größten Designer der Welt. Sein Archiv zählt über 80.000 Platten und über 400.000 digitale Songs. Seiner Meinung nach leidet die Mode unter ihrem eigenen Erfolg und ihrer Popularität. Er entwickelt die Show-Soundtracks so, dass sie ein integraler, wiedererkennbarer und im Ergebnis fast unschätzbarer Teil der Kollektion werden. „Under the Skin war für mich der Film des Jahres 2014, weil er wie eine Fashionshow war. Alles wurde so zusammenkomponiert, dass es ein großes Ganzes ergibt. Ich habe mir den Soundtrack immer wieder angehört. Das will ich auch mit meiner Arbeit erreichen: Die Leute sollen sich die Musik nach einer Fashionshow wieder und wieder anhören."

Weil Gaubert der Musikprophet der Mode ist, wird er nicht nur mit Platten bombardiert („Stapel um Stapel"), sondern auch mit der unvermeindlichen Frage, wer der nächste große Hit wird. Er sagt, dass diese Frage in einer Zeit, in der sich Leute „für einen Monat halten und dann wieder verschwinden", obsolet geworden ist. Sowohl in der Mode als auch in der Musik interessiert ihn Langlebigkeit, die man durch größere Statements schafft. Es geht um mehr, als nur darum, ein Produkt zu verkaufen. „Shows können Zeichen setzen, eine gesellschaftliche Überzeugung transportieren und uns klarmachen, in welchem Zeitalter wir leben. Leute entwerfen gerne schöne Mode und schaffen es, durch sie einen Punkt zu machen. Verstehst du, was ich meine? Als Dior den New Look kreierte, entwarf er diese großen, langen Röcke und benutzte gleich nach dem Krieg viel Stoff. Frauen, die diese Kleider getragen haben, wurden mit Steinen auf der Straße beworfen, weil sie Stoff vergeudeten und das Land arm war. Damit setzte Dior ein politisches Statement ‚Der Krieg ist vorbei'", sagt Gaubert. Mode sollte unser Zeitalter widerspiegeln, so wird sie begehrenswert. Jedenfalls sehe ich das so."

@michelgaubert

Credits


Text: Anders Christian Madsen 
Foto: Ryan Aguilar

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