sind instagram-stars die nächsten supermodels? (spoiler alert: ja)

Ein Statusbericht über die Veränderungen der Modelbranche durch Social Media.

von Ger Tierney
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19 August 2015, 11:20am

Die Modeindustrie hatte im Laufe der Zeit viele Gesichter. Was total „out" ist, kann am nächsten Tag bereits total „in" sein. In den 80ern waren es die athletischen Supermodels mit Fönfrisuren. Die 90er kämpften gegen den ganzen Glamour der 80er und zum Look der Stunde wurde der zugeknöpftere, skinny „Heroin Chic". Die 2000er brachte die elfen-haften Qualitäten einer Gemma Ward, Agyness Deyn und Lily Cole. Was wird also die 2010er Jahre definieren? Wir befinden uns mitten im Post-Internet-Zeitalter und die Antwort befindet sich auf Tumblr und Instagram.

Technologien haben einen gewaltigen Einfluss auf die Faces und Körper der Modelbranche. Es fand eine seismografische Verschiebung von nicht professionellen Models hin zum Street-Casting statt. Das war ein Resultat von Social Media und unserer veränderten Gewohnheiten, wie wir Bilder konsumieren. Social Media machte es einfacher, interessante New Face zu entdecken. Junge Fotografen wie Maisie Cousins finden ihre Motive durch ihre Social-Media-Profile: „Wenn ich meine Models auf Instagram oder Facebook caste, existiert bereits eine Art Verbindung, auch wenn diese Verbindung sehr oberflächlich sein sollte. Immerhin bedeutet es, dass sie modeln wollen. Ich würde mich nicht wohl fühlen, eine Modelagentur zu nutzen, es fühlt sich so abgehoben an. Die Mädchen dort sind oftmals so jung und die Schönheitsideale, die die Branche propagiert, fügen Frauen unglaublichen Schaden zu. Ich will nicht, dass sich jemand meine Arbeiten anschaut und sich dann schlecht fühlt. Worin liegt der Sinn von Kunst, mit der man sich nicht identifizieren kann?

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Instagram hat die kreative Bildwelt auf den Kopf gestellt. Wir werden mit Bildern unserer Freunde, die dank eines sorgfältig ausgewählten Filters glänzen, geradezu überflutet. Sie sind schön und interessant, man kann sich mit ihnen identifizieren - so sind wir auch, wir kennen die Leute, die Bilder sind einfach perfekt geplant, zusammengestellt und es hat ein paar Anläufe gebraucht, bis DAS Bild gefunden wurde. Uns ist diese Mentalität vertraut, weil wir es heutzutage interessanter finden, ein Mädchen, mit dem wir uns identifizieren können, oder einen Jungen, der der heiße Freund unseres Bruders sein könnte, in einem Editorial oder in einer Kampagne anstatt irgendein Model, das auch das Gesicht von Topshop aus dem letzten Jahr hätte sein können, zu sehen.

Instagram hat Prominente und Supermodels aus ihren Elfenbeintürmen geholt und sie zu unserem ständigen Begleiter auf unsere Smartphones gemacht. OK, Prominente werden durch Social Media nicht auf einmal normal, aber sie werden dadurch omnipräsent und das reicht allemal aus. Heutzutage ist es nichts Besonderes mehr, Cara Delevingne in einem Magazin zu sehen, weil man sie jederzeit auf seinem Handy in viel interessanteren Situationen sieht.

Die neuen Technologien haben Internet-Größen wie Cameron Dallas und Nash Grier hervorgebracht, die ihren Status ihren Videos auf Vine und YouTube, bei denen wir uns immer noch nicht sicher sind, worum es in diesen Videos überhaupt geht, zu verdanken haben. Diese Art von Internet-Stars muss nicht notwendigerweise singen, tanzen oder schauspielern können, aber diese Leute verstehen es, ihre Fans anzusprechen und die Fan-Bindung aufrechtzuerhalten. Dieses Instagram-Star-Phänomen reicht tief und breitet sich aus, weil die Modeindustrie sich anschließt. Anstatt die Straßen oder Flugzeug-Terminals nach dem next big thing abzugrasen, nutzen Model-Scouts die weniger zeitintensivere Möglichkeit, einfach auf ihren Handys zu suchen. Die Modelagentur Storm Models hat sogar eine App entwickelt, über die Model-Möchtegerne ihre Bilder in der Hoffnung, entdeckt zu werden, hochladen können.

Professionelle und etablierte Models sehen sich einem immer härter werdenden Wettbewerb gegenüber, der durch die Angebot-Nachfrage-Mentalität des Internets befeuert wird. Für zusätzlichen Druck im Kessel sorgt die Nachfrage nach den brand new faces, die noch nie irgendwo anders zu sehen waren. Wie i-D Fashion Editor Max Clark erklärt: „Jemanden zu fotografieren, der noch nie in einem Editorial zu sehen war, sorgt für Authentizität. Es mag vielleicht schräg klingen, aber ein Gefühl von Besitz über das Model/Casting zu haben, verleiht der eigenen Arbeit eine Individualität, die sehr wichtig ist. Alle Stylisten arbeiten mit denselben Werkzeugen - die Kollektionen -, aber den eigenen Casting-Pool zu erweitern, ist etwas, das einen komplett von Schranken befreien kann.

Der Präsident der New Yorker Modelagentur Silent Models, Peter Fitzpatrick schlägt zurück und wirbelt einigen Staub auf. Letzte Woche gab Business of Fashion den Start seiner neuen App Swipecast bekannt. Mithilfe dieser App können Fotografen, Castingagenten und Stylisten direkt ein Model buchen, ohne über eine Agentur gehen zu müssen. Dank der App kann ein Model bis 90 Prozent ihrer oder seiner Gage behalten, anstatt dem Branchenstandard von 70 bis 80 Prozent abgeben zu müssen. Das Potenzial ist riesig. Kunden erhalten Zugang zu mehr frischen Gesichtern und viel wichtiger auch ein bisschen mehr Kontrolle, anstatt die Mädchen buchen zu müssen, die die Agentur im Moment pusht. Zudem erhöht es auch die Chancen für unkonventionelle Models und gibt Streetcast-Models eine Plattform. Fitzpatrick möchte mit der App erreichen, dass der Schönheitsstandard, der mit den typische Models einhergeht, demokratisiert wird und Kunden eine größere Auswahl haben.

„Einer der Gründe, wieso wir Swipecast entwickelt haben, war, das Modelcasting für eine größere Zahl von Menschen mit unterschiedlichen Körpermaßen, Körperformen und ethnischen Hintergründen zu öffnen. Ich wollte mit unserer Erfahrung eine technologische Lösung für die Branche entwickeln. Mit Swipecast können Kunden mithilfe von Filtern die passenden Models für ihr Projekt finden. Außerdem werden sie in der Lage sein, die Fotos des Models auf Facebook oder Instagram anzuschauen. Wir sprachen mit vielen Fotografen und Casting Directors und eines kristallisierte sich dabei heraus: Wie sehr sie von Instagram abhängig sind, um einen Eindruck von der Persönlichkeit des Models zu erhalten. Jetzt haben Kunden ein neues Tool in der Hand und nicht nur durch Photoshop bearbeitete Fotos", erklärte Peter Fitzpatrick.

Das heißt aber nicht, dass traditionelle Modelagenturen überflüssig werden. Aber es ist toll, dass sich die Branche öffnet und verschiedene Stimmen und Optionen anbietet, wenn es darum geht, Schönheit zu präsentieren. Mit Apps wie Swipecast und Anti- oder Nischen-Agenturen, die auf der ganzen Welt aus dem Boden schießen, stehen wir am Beginn von etwas Schönem.

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Credits


Text: Ger Tierney
Fotos (im Uhrzeigersinn von oben links): Lotte Van Raalte, Rosie Matheson, Josh Osborne, Rosie Matheson, Ellie Smith, Grace Pickering.

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