wer bist du, wenn du 28 tage lang 24/7 das leben eines anderen geführt hast?

Mark Farid hinterfragt in seinen Kunstaktionen Identität, Privatsphäre und ihr Gegenteil. Aus Anlass seines neuen Projekts „Seeing-I“ schreibt seine frühere Mitschülerin Lily Bonesso über die Herausforderungen, die sich einstellen, wenn man für nur...

von i-D Team
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09 Dezember 2014, 10:05pm

Mit Mark zu skypen hat mich an eine alte Angewohnheit von ihm erinnert: Er spielt ständig mit seinem Afro herum. Ohne diesen Tick wäre er nicht derselbe. Durch sein aktuelles Projekt Seeing-I wird es entweder stärker oder er hört damit auf. Mark will  für 28 Tage eine Virtual-Reality-Brille aufsetzen. Alles, was er in dieser Zeit sieht und hört, hat zuvor eine fremde Person erlebt. Allgemein wird angenommen, dass wir nach drei Wochen Angewohnheiten ablegen oder annehmen. Dieses totale Versinken im Leben eines Anderen wird mit Sicherheit ernsthafte Veränderungen bei meinem alten Mitschüler verursachen.

Aus dem Projekt wird am Ende eine Dokumentation, die erforscht, welche Auswirkungen dieses Experiment auf den Menschen und seine Beziehung zu Technologie hat. Bei dem Projekt geht es nicht nur um große Themen, sondern auch um Intimes; persönliche Autonomie und Identität. Mark könnte so sehr am Leben dieses Anderen teilhaben, dass er am Ende der Meinung ist, dass es seins ist. Er könnte dessen Gewohnheiten übernehmen oder sich so fühlen, als ob er tatsächlich Sex mit dessen Freundin hatte. Wenn unsere Identität das Konstrukt unserer Erfahrungen ist, dann könnte Marks Ich, dadurch dass er durch einen Anderen lebt, zusammenbrechen.

Marks Kunst war schon immer ein konzeptioneller Mindfuck. Seine letzten Projekte haben oft die Grenze dessen überschritten, womit die meisten Leute zurechtkommen. Vor Kurzem hat Mark einen Paparazzi gestalkt und die Ergebnisse, inklusive SMS und Fotos, ihm dann privat gezeigt. Er ist damit durchgekommen, weil er sechs Monate (die Frist, damit er für seine Handlungen rechtlich nicht mehr belangt werden konnte) gewartet hat, bevor er sein Projekt gezeigt hat. Außerdem hat er die „A Satire On Corporate Art"-Ausstellung kuratiert. Kurz vor Ausstellungseröffnung hat er die Kunstwerke abgehangen, weil „Corporate Art nur ein Platzhalter und eigentlich überflüssig ist." Und dennoch wurde ein Werk verkauft, die Message hätte nicht besser transportiert werden können. Für sein Projekt Profile Picture hatte er eine Maschine entwickelt, die dem Besucher beim Betreten der Galerie alle Facebookeinträge, neben anderen Daten, auf einem Zettel ausgedruckt hat. Mark besteht aber darauf, dass „es eine rote Linie gibt, denn jedes Projekt ist einzigartig. Bei Profile Picture habe ich zum Beispiel die Maschine so programmiert, dass die Daten sofort wieder gelöscht werden, damit sie kein anderer ansehen konnte."

Marks Herangehensweise mag distanziert wirken, aber er erklärte mir wie wichtig ihm Objektivität ist: „Ich mache Kunst, um wichtige gesellschaftliche Fragen aufzuwerfen. Wie kann man einen Standpunkt vertreten, ohne um Objektivität bemüht zu sein? Subjektivität bedeutet, Kompromisse eingehen zu müssen, und ich möchte so wenig Kompromisse wie möglich eingehen." Der permanente Balanceakt zwischen Subjektivität und Objektivität ist eine von Marks Hauptsorgen bei Seeing-I. Durch die Größe und Kosten des Projekts musste er damit öffentlich rausgehen, aber das Projekt soll trotzdem unbefangen sein und ohne die Unterstützung von Unternehmen auskommen: „Eine Produktionsfirma vom britischen Channel 4 wollte mir die Idee abkaufen, aber dann hätten sie auch die kreative Kontrolle darüber bekommen. Wenn es um mein Privatleben geht, das ich aufgebe, dann kann ich nicht zulassen, dass sie das letzte Wort haben. Wenn ich mir einen runterhole, was ich wahrscheinlich tun werde, dann würden sie Kontrolle darüber haben, ob es gezeigt wird. So intim wird es. Gespräche mit meinem Psychologen. Das ist Aufgabe der Privatsphäre XXL. Ich gebe gerne einen Teil meiner Anonymität auf, in Bezug auf wer ich bin, aber sie sollen nicht wissen wer ich wirklich bin." 

Er hatte schon länger über Virtual Reality nachgedacht, aber Auslöser war der Trailer zum Film We Live in Public über und mit Josh Harris. „Den habe ich mir ganz angeguckt und der Film hat mich noch mehr umgehauen." Der wichtigste Input von Harris für das Projekt kam später, als er mit Mark per E-Mail Kontakt aufnahm. „Der erste Ratschlag von Josh Harris war: ‚Nimm die Therapiesitzungen beim Psychologen von Anfang bis Ende auf'. Was die Leute bei We Live in Public vom Stuhl gehauen hat: Wie sich Leute Zugang zu unseren Köpfen verschaffen und uns kontrollieren. Versuch diesen Aspekt so stark wie möglich hervorzuheben. Das war der beste Rat, den ich bekommen habe, weil das nämlich das Wichtigste ist: Leute davon abzuhalten, in meinen Kopf zu gelangen, und erst nachdem er es gesagt hatte, wurde es mir bewusst. Ich stimme nicht zu, dass wir mithilfe von Sprache in die Köpfe voneinander gelangen. Ich denke, dass das schrecklich ist und zu einfach gemacht wird."

Es ist sehr bezeichnend, wenn für jemanden wie Mark, der so offen und gradlinig sein kann, „Anonymität das wichtigste und einzige Recht ist, was wir in der heutigen Gesellschaft haben" und seine größte Sorge bei dem Projekt, „dass er sich verändert und die Beziehung zu seiner Freundin eine andere wird." Um seinen Standpunkt aber zu verdeutlichen und dafür auf Bequemlichkeit zu verzichten, ist nichts Neues für Mark. Als ich ihn gefragt habe, ob er irgendwelche Vorbehalte gegen das Projekt an sich hat, war seine Antwort: „Nein, ich finde es lächerlich, dass Leute so etwas nicht schon die ganze Zeit machen. Wenn es etwas ist, an das du wirklich glaubst, dann tu es, teste es aus. Ich mach es einfach und mit den Folgen beschäftige ich mich später."

Mehr über das Projekt erfährst du auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter. Bis zum 17. Dezember kannst du das Projekt noch finanziell unterstützen.

http://www.seeing-i.co.uk/

Credits


Text: Lily Bonesso
Foto: freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Mark Farid

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