Das Top-Model Kati Nescher spricht über Alter, Kate Moss und Kalifornien

Sie ist groß, dunkel und verträumt, hat Wangenknochen, die ein Filetsteak entzweischneiden könnten. Das russischstämmige, in Deutschland aufgewachsene Model versetzte die Fashion-Welt in helle Aufregung, als sie in ihrer zweiten Saison ganze 63 Shows...

von Tish Weinstock
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28 Oktober 2014, 2:57pm

Top T by Alexander Wang. Diamond 'Arpeggia' necklace De Beers. Sterling silver scissor necklace Mateo Bijoux. Platinum and diamond mesh bracelet Lucie Campbell. White gold diamond 'Love' bracelets Cartier. Silver zip bracelet Eddie Borgo.

Anstatt ihr die Tour zu vermiesen, macht Neschers Alter sie umso attraktiver und letztlich einzigartig. Außerdem macht es sie auch zu einer großartigen Mutter für Theo, den großen, schlanken und - wer hätte es geahnt! - wahnsinnig süßen Vierjährigen, der seiner Mutter zufolge als Sechsjähriger durchgehen könnte. Seitdem sie 2011 bei DNA Models unterschrieb, hat Kati zahlreiche Titelblätter der Vogue geziert, ist von Marni bis Marc Jacobs für alle großen Namen gelaufen und hat in Kampagnen von Louis Vuitton, Nina Ricci und Valentino mitgewirkt. Wenn sie nicht den Catwalk entlangschnurrt, die österreichischen Alpen mit dem Snowboard abfährt oder große Capuccini mit ihren verträumten Model-Freundinnen trinkt, saugt sie andächtig Naturszenerien in sich auf und fühlt sich grenzenlos befreit. Wer würde nicht mir ihr kommen wollen? 

Was sind deine Pläne für 2014?
Ich möchte, dass mein Sohn nach New York zieht. Außerdem will ich ein neues Projekt starten und nicht mehr nur als Model arbeiten. Ich habe da über einige Dinge nachgedacht. Zum Beispiel möchte ich mich stärker auf Ballett und Snowboarden konzentrieren.

Zwei grundunterschiedliche Dinge.
Ich weiß, aber so bin ich. Ich mag sowohl Ballett als auch Snowboarden. Ich mag viele verschiedene Sachen.

Hast du noch andere Pläne?
Ich möchte mich mit mehr Natur umgeben. Die Arbeit liebe ich aber ebenso sehr. Sonst fällt mir kaum etwas ein. Obwohl, ich würde gerne schreiben! Unglücklicherweise schreibe ich aber nur auf Russisch.

Du hast Ballett und Schauspiel studiert als du jünger warst. Denkst du, das war für deine Performance als Model hilfreich?
Na ja, ich war Balletttänzerin, als ich ein kleines Mädchen war. Jetzt möchte ich es eher als Lockerungsübung betreiben oder als Sportart. Als Model ist es gut zu wissen, wie du dich bewegst, Ballett bleibt für mich jedoch ein Hobby. Ich sehe mich als Model: Jemand, der die Rolle eines anderen besetzt. Das genieße ich sehr.

Nervt es dich eigentlich, dass die Leute immer auf dein Alter zu sprechen kommen, du älter als die meisten Models bist und zu einem Zeitpunkt angefangen hast, zu welchem die meisten Models in den Ruhestand gehen?
Na ja, ich bin gerade 30 geworden. 30 ist das beste Alter überhaupt, weil die Zwanziger vorbei sind. In deinen Zwanzigern denkst du, du seist erwachsen, bist es aber nicht und fängst gerade erst an, alles herauszufinden. Jetzt fühle ich mich, als hätte ich mehr Erfahrung als zuvor. Aber nein, es nervt mich nicht, wenn die Leute nach meinem Alter fragen. Es ist mein Alleinstellungsmerkmal und das macht mich total glücklich. Ich denke, es ist viel interessanter, wenn du siehst, wie alt die Top-Models sind und dass sie immer noch ganz oben stehen.

Kate Moss ist 40.
Genau! Ich wünschte mir, wir würden immer noch in den Neunzigern leben, mit all den Top-Models. Heutzutage haben wir nur Schauspielerinnen und Celebrities.

Ich habe gelesen, dass du gesagt hast, beim Modeln ginge es nicht um das Alter, sondern die Persönlichkeit. Denkst du, es ist möglich, zu viel Persönlichkeit zu haben und damit die Kleider in den Schatten zu stellen?
Hmm. Gute Frage. Zu viel Persönlichkeit bei Models… Na ja, Kate Moss wurde eine Ikone gerade weil sie eine starke Persönlichkeit war, bei ihr drehte es sich nicht nur um die Kleidung. In den ersten Calvin Klein-Kampagnen ging es eher darum, sie mit den Klamotten zusammenzubringen. Außerdem denke ich, dass wenn du eine Story - ob nun ein Editorial oder eine Kampagne - machst, dort so viele Menschen involviert sind, dass es am Ende vielmehr ums Teamwork geht. Aber ja, ich glaube schon, dass es für ein Model wichtig ist, eine Persönlichkeit zu haben. Dann kannst du sie ändern und ihr eine andere Rolle zuweisen. Natürlich geht es aber nicht allein um Persönlichkeit. Zumal sich auch eine Persönlichkeit ändern kann. Ich erinnere mich an meine Anfangszeit, die lediglich etwas mehr als zwei Jahre zurückliegt - damals war ich ganz anders. Seitdem habe ich viele Dinge an mir selbst entdeckt, neue Looks ausprobiert. Ich liebe es zwar immer noch, Schwarz zu tragen, versuche aber gerade, das ein wenig zu reduzieren und in eine andere Richtung zu gehen. Dafür bin ich der Mode sehr dankbar: Sie hat mir geholfen, mich selbst zu entdecken und mich mit meiner Persönlichkeit spielen lassen. Das wünsche ich auch allen anderen Models.

Wie war es eigentlich für dich, 2011 erst deinen Vertrag mit DNA zu unterschreiben, dann das Finale der Marni-Show zu bestreiten und dann in Paris für so gut wie jeden zu laufen? Alles in einem Jahr!
Ja, das war verrückt. Und viel, viel Arbeit. Ich musste aber herausfinden, wie die Branche funktioniert, jeden sehen und treffen. Ich bin froh darüber, es getan zu haben und zu wissen, wie es sich anfühlt. Ich habe viel dadurch gelernt. Egal womit, wenn du von vorne anfängst, musst du hart arbeiten und solltest vermutlich beide Seiten des Erfolgs kennenlernen. Sehen, was passiert und was dich danach noch erwarten könnte.

Was war der schönste Moment deiner Model-Karriere?
Ich reise sehr gerne, weswegen ich es liebe, verschiedene Orte und Gesichter kennenzulernen. Es gab so viele schöne Momente, unter anderem eine Geschichte, die ich in den Hamptons gemacht habe. Mit Hedi Slimane und natürlich auch Sarah Richardson zu arbeiten war ebenfalls großartig.

Was machst du eigentlich, wenn du mal nicht arbeitest?
An meinen freien Tagen fliege ich nach Kalifornien, um den Ozean zu sehen oder einfach in der Natur zu sein, sowas. All diese Dinge, in denen ich mich grenzenlos befreit fühle, interessante Menschen kennenlerne und nie genau weiß, was als nächstes passieren wird.

Credits


Text: Tish Weinstock
Fotos: Richard Bush
Fashion Director: Sarah Richardson
Haare: Martin Cullen für Streeters
Make-up: Mathias van Hooff für Julian Watson Agency
Nägel: Sophy Robson at Streeters
Fotoassistenz: Peter Carter, Edd Horder, James Donovan
Stylingassistenz: Alice Lefons, Cristina Firpo
Customising: Jeanette Reza, Sarah Richardson
Retouching: Andy Greig für Love Retouch
Model: Kati Nescher at Viva London

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