Aurea

Mit starken Bildern von gesichtslosen, nackten Frauen gegen Rassismus und Sexismus

Die Dokumentarfotografin Kacy Johnson widmet ihr Langzeitprojekt "Female" den Frauen auf dieser Welt und fotografiert dafür nur ihre Rücken.

von Kristin Huggins; Fotos von Kacy Johnson
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23 Januar 2017, 12:25pm

Aurea

Female ist das Projekt der New Yorker Fotografin Kacy Johnson. Was einem sofort daran auffällt: Sie fotografiert jede Frau von hinten und zeigt nicht die Gesichter. Ihre Fotos sind natürlich. In Makeln entdeckt sie Schönheit. Sonnenbrände, Leberflecke, Speckröllchen und Narben und in den Abdrücken, die zu enge BHs hinterlassen, sind schön. "Brasilianische Medien haben über mich berichtet", erzählt uns Kacy im Gespräch, "und die Überschrift des Artikels lautete ‚Sie fotografiert Frauen und benutzt kein Photoshop'." Darum geht es Kacey jedoch gar nicht, denn Natürlichkeit und Authentizität sind für sie selbstverständlich: "Ich mag das Echte und das Unverfälschte daran."


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Für Female fotografiert sie jede Person, die sich als Frau identifiziert. Cis- und Transgender-Frauen, alle Hautfarben, jedes Alter und jede Figur. Jede Aufnahme entsteht nackt, von hinten, vor einem neutralen Hintergrund. Die Models schreiben ihre eigenen Bildunterschriften. "Es gibt keine Castings", stellt Kacy klar. "Ich vertraue darauf, dass die richtigen Frauen zu mir kommen. Das einzige worauf ich achte: dass sie sich als Frau identifizieren." Bisher sind die meisten Frauen, die die Fotografin vor der Linse hatte, Brasilianerinnen, doch ständig kommen neue hinzu. Doch wozu das Ganze eigentlich? Die Fotos sollen die gesellschaftliche Perspektive auf Frauen ändern und sie so zeigen, wie Frauen eben sind. Dass sie Frauen sind und das unabhängig von Geschlecht, Alter und Körperfigur.

Elis

Um die Einzigartigkeit jeder Frau zu zeigen, verzichtet sie auf ihren spontanen fotografischen Ansatz und geht systematischer vor: die ideale Pose, ein immer gleicher Hintergrund und die selben Lichteinstellungen bei jedem Shoot. "Das Interessante daran, Frauen von hinten zu fotografieren, ist der Fakt, dass die meisten Frauen gar nicht wissen, wie ihr eigener Rücken aussieht. Wir sitzen vor dem Spiegel und schauen unsere Gesichter an oder unsere Bäuche, aber nicht unsere Rücken. Ich schicke die Fotos auch nicht sofort an die Frauen. Ich warte ein paar Tage oder Wochen und sende sie dann per E-Mail. Mir gefällt, was dann passiert." Manchmal haben die fotografierten Frauen Probleme mit den unretuschierten Bildern von sich selbst: "Sich damit zu arrangieren, wie man aussieht – gerade, wenn man sich selbst noch nie so gesehen hat –, ist schwierig."

Die New Yorkerin bezieht sich dabei auf die Autorin Naomi Wolf: "Problematisch ist doch, dass die Mehrheit denkt, dass es selbstverständlich ist, dass Frauen von anderen begehrt werden wollen. Das sollte meiner Meinung nach, aber eine Wahl für jede Frau sein". Frauen darauf zu reduzieren, mache sie zu den Anderen und halte sie davon ab, mehr Raum in dieser Welt einzunehmen. Ihre Fotos sind überzeugende Beweise dafür, dass Frauen diesen Raum für sich beanspruchen können, ohne dass sie schön sein müssen oder die Leute glücklich machen müssen. Das halte Frauen davon ab, für die Veränderungen auf der Welt zu kämpfen, die sie erreichen wollen. "Ich versuche einfach nur, diesen Gedanken bei den Frauen zu wecken. Dass sie zu ihrer ganzen Identität stehen, weil sie nun mal so sind, wie sie sind. Und das ist ein großer Schritt für viele Frauen", sagt uns die Fotografin.

Carolina

Auf die Idee zu Female kam sie während eines Aufenthalts in Brasilien. 2012 war sie für drei Monate Praktikantin beim Dokumentarfotografen Julio Bittencourt und ist während dieser Zeit viel umhergereist. "Das Land ist unglaublich vielfältig. So viele Ethnien, so viele Religionen und das Essen. Alles, was man sich Fotograf sucht, findet man dort." Ein Jahr später kehrte sie nach Sao Paulo zurück und blieb für zwei Jahre, weil sie sich dort so wohl gefühlt hat. Besonders das breite Spektrum an schönen Frauen habe ihr gefallen und sie entschied sich dafür, ihre Fotoserie der Frauen als Geschichte einer Community zu erzählen. "So viele Frauen werden von den Medien ignoriert. Wann sieht man schon mal eine Frau über 30?", fragt sie.

Modefotografie kam für sie nicht infrage. "Das ist doch immer das Gleiche: Man versucht, die attraktivste Frau zu finden, um die immer gleiche Geschichte zu erzählen. Das fühlt sich doch nicht authentisch an", erklärt Kacy Johnson. Bei einem Shooting für eine Independent-Publikation hat sie plötzlich gemerkt, dass sie eine Pause von der Modebranche braucht. "Alles hatte sich verzögert. Der Hairstylist und der Make-up-Artist waren zu spät, aber das Model war schon da." Sie war 19 Jahre alt und kommt aus einem kleinen Land aus Europa. „Ich bin eine Porträtkünstlerin", erzählt uns die Fotografin weiter. "Ich mag es, mir Leute anzuschauen und diese intime Verbindung dabei einzufangen. Ich habe mich mit dem Model unterhalten und eine Verbindung mit ihr gespürt. Dann dachte ich mir nur: 'Wow, ich kreiere gerade Kunst mit dieser Person'. Dann waren endlich alle da und wir konnten mit dem Shooting anfangen. Ich halte die Kamera auf ihr Gesicht und plötzlich ändert sich ihr Gesichtsausdruck. Klar, sie ist Model, das ist ihr Job, aber ihr Gesichtsausdruck und ihre Haltung haben sich geändert, das war eine Performance. Natürlich war das richtig für sie, es ist wie gesagt ihr Job, aber für mich, in diesem Moment, hat sich das nicht mehr echt angefühlt", erinnert sie sich an diesen wichtigen Moment.

Nanci

Ihr Projekt Female ist auf keinen Fall zu Ende. Vor knapp einem Jahr war sie wieder in den Favelas in Sao Paulo unterwegs und hat junge Frauen fotografiert. Sie möchte mit ihrem Projekt auf jedem Kontinent reisen, denn "in dem Land haben die Frauen eine andere Realität" und dies führe zu einer kollektiven Erzählung, die weltweite Erfahrungen von den unterschiedlichsten Frauen widerspiegelen. Für sie seien alle Frauen miteinander verbunden und teilen dieselben Qualitäten, genau das ist ihre Stärke. Die New-Age-Theorie kennt dieses Konzept als "Göttliche Weiblichkeit".

"Die Welt wurde zu einem Ort", sagt sie, "an dem Frauen klein gemacht werden und nicht ihr ganzes Potenzial ausschöpfen können. Ich möchte als Künstlerin etwas schaffen, mit dem ich diese Welt verändern kann. Wir glauben so oft, dass man den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen muss und verliert dabei so viel", sagt sie zum Abschluss. Sie hoffe, dass sie mit dem Projekt ein für alle Mal beweisen kann, dass alle profitieren, wenn Frauen der Raum gegeben wird, ihre ganze Weiblichkeit auszuleben.

Cida

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