kann raf simons die amerikanische mode revolutionieren?

Anfang des Monats wurde offiziell bekannt gegeben, dass Raf Simons der neue Kreativchef von Calvin Klein wird. Von der Couture zur Streetwear - Wir werfen einen Blick zurück auf seine vergangenen Kollektionen und fragen uns, was sein neuer Job für die...

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Aug. 15 2016, 1:10pm

Raf Simons spring/summer 17

Anfang August wurde offiziell bestätigt was Modejournalisten schon länger prophezeit haben: Raf Simons wird Kreativchef bei Calvin Klein. Und obwohl lange darüber gerätselt und getuschelt wurde, schien die Entscheidung des Belgiers doch für manche überraschend gewesen zu sein. Doch wenn man genauer hinschaut, gab es bereits davor, in seinen Kollektionen, erste Anzeichen dafür:

Rafs letzte Kollektion für sein eigenes Label, die er im Juni auf der Pitti Uomo in Florenz präsentierte, strotze nur so vor Prints des amerikanischen Fotografen Robert Mapplethorpe. Auf einem T-Shirt war der Rumpf eines Mannes, auf einer Jacke ein steifer Penis und auf einer Lederweste Mapplethorpes oberkörperfreies Selbstporträt zu sehen. Der Designer selbst hat die Kollektion mit einer Ausstellung verglichen.

Du fragst dich, was Robert Mapplethorpe mit Calvin Klein zu tun hat? Eine gute Frage. Robert Mapplethorpe ist der Inbegriff eines amerikanischen Künstlers. Seine Arbeiten werden immer wieder neu interpretiert. Genauso wie Calvin Klein zum Inbegriff eines amerikanischen Modedesigners wurde. Was die beiden aber verbindet, ist nicht nur ihr Heimatsland, sondern ihre Faszination—ja, sogar Obsession—für den männlichen Körper.

Man muss sich nur die sinnlich erotischen Aktaufnahmen von Robert Mapplethorpe anschauen. Bei ihm wird Maskulinität zu etwas Dekorativem. Maskulinität ist nichts weiter als ein performativer Akt—etwas, das für die Kamera an- und ausgeknipst werden kann. Es ist die gleiche Vorstellung, mit der Calvin Klein schon immer gespielt hat. Man muss sich nur die bekannten Kampagnen ins Gedächtnis rufen, in denen der männliche Körper den Blicken ausgesetzt wird, dem Frauen schon seit jeher unterliegen. Die Fotos von Markus Schenkenberg, wie er nackt und nass unter der Dusche mit einer Jeans in der Hand steht, oder die von Mark Wahlberg, wie er sich in seinen Schritt fasst, sind legendär.

Für Fenton Bailey, der die HBO-Dokumentation Mapplethorpe: Look At the Pictures produziert hat, verdankt Calvin Kleins Ästhetik viel dem kreativen Schaffen von Robert Mapplethorpe: „Ohne seine männlichen Aktfotos hätte Calvin Klein nie die Kampagne mit Mark Wahlberg gemacht. Ohne ihn wären wir heute nicht da, wo wir sind", sagt uns der Produzent. „Indem Mapplethorpe diese sexuell expliziten Selbstporträts geschossen, sie zur Kunst erklärt und sie dem Publikum vor die Nase gehalten hat, hat er einen großen Schritt in Richtung Normalisierung derartiger Motive getan. Er war ein Störenfried."

Raf Simons Spring/Summer 99

Was Raf und den zukünftigen Look von Calvin Klein angeht, kann zum jetzigen Zeitpunkt nur spekuliert werden. Ob der belgische Designer in seiner letzten Kollektion bereits angedeutet hat, wie er sich seine Entwürfe zukünftig vorstellt, ist nicht wichtig. Was Raf Simons und Robert Mapplethorpe eint, ist der Männlichkeits-Diskurs, der sich in der amerikanischen Menswear schon länger abspielt. Zum Beispiel bei Ralph Lauren und Tommy Hilfiger mit ihrem sportlichen Preppy-Style oder aber die homoerotische, muskulöse Bilderwelt von Bruce Weber für das Label Abercrombie and Fitch. Dieser Diskurs findet sich sogar im Minimalismus bei Helmut Lang wieder, von dem Simons stark beeinflusst wurde. Die Entwürfe des österreichischen Designers war ein Zusammenspiel aus Herren- und Damenmode.

Dass Raf sich mit dem Thema Männlichkeit im Laufe seiner Karriere beschäftigt hat, hat er immer wieder bewiesen. In einer seiner ersten Kollektionen, Teenage Summer Camp, für die Saison Frühjahr/Sommer 1999, stellte er Jungs mit ihrer jugendlichen Naivität in den Mittelpunkt. In seinen späteren Kollektionen stellte er die Männlichkeitsvorstellungen verschiedener Subkulturen in den Mittelpunkt seiner Kollektionen: das sexuelle, alle Regeln sprengende Großbritannien der Post-Punk-Zeit, David Bowies Androgynität des Thin White Dukes und Kraftwerks industriell geprägte Maskulinität.

Aus dem i-D Archiv: Lies hier unser Interview mit Raf Simons aus dem Jahr 2002, als er von Jil Sander zu Dior wechselte.

In der Herbst-/Winterkollektion 2016, die erste Kollektion nach seinem Weggang bei Dior, hat er sich dem amerikanischen Mann als Inspirationsquelle zugewandt. Die Liste der Referenzen wurde den Journalisten vor der Modenschau ausgehändigt, sodass er backstage auf jegliche Nachfragen danach nur knapp antwortete: „Habe ich sie Ihnen nicht bereits gesagt?". Auf der Liste standen Dinge wie Detroit, Tulsa, Twin Peaks, Elm Street und einige andere mehr. In dieser Kollektion wurde der männliche Körper weitergedacht und eingehüllt. Riesige Football-Pullover, an den Ecken fransig, Oversized-Jacken mit Puffärmeln. Damit wollte er die gegenwärtige Verfassung der USA darstellen. Ein Land, das nach außen längst nicht mehr den glänzenden American Dream repräsentiert.

Raf ist jetzt der Kreativchef von Calvin Klein, einem amerikanischem Unternehmen, das 8 Milliarden Dollar wert ist. Es dürfte sich damit um seine bis dato wichtigste Position handeln. Er ersetzt Italo Zuchelli, Francisco Costa und Kevin Carrigan, die jeweils bisher für Menswear, Womenswear und Jeans verantwortlich waren. Simons wird außerdem für die Parfüm-Sparte und auch für die Werbekampagnen zuständig sein. Mit anderen Worten: Er wird bei Calvin Klein seine kreative Vision überall umsetzen können. Etwas, das ihm bei Dior verwehrt wurde und ein Fakt, der ihn frustriert hat.

Es dürfte sich auch um seine bisher einflussreichste Position handeln. Die amerikanische Modebranche hat es nicht geschafft, sich einen eigenständigen Namen im internationalen Schauenkalender aufzubauen. Paris und Mailand haben den Reichtum und die Macht der Modehäuser und der Modekonglomerate im Rücken, London steht für seine Kreativität. Amerika hat es nicht geschafft, einen Designer hervorzubringen, der die Gegenwart definiert. Marc Jacobs kommt dem noch am nächsten, ebenso wie Alexander Wang. Aber bei keinem der beiden sind die Menswear-Kollektionen genauso gut wie ihre Womenswear-Kollektionen. Raf bringt das Können und die Macht mit, der amerikanischen Menswear—und Womenswear—den dringend benötigten Aufschwung zu verleihen.

Raf Simons Autumn/Winter 16

Man kann nur hoffen, dass Raf seine subversiven Ideen, die seine Arbeiten schon so lange beeinflusst haben, auf den amerikanischen Markt übertragen kann. Aber damit ist er nicht alleine. Während die großen amerikanischen Modehäuser stagnieren (jüngstes Beispiel ist DKNY: LVMH verkaufte das New Yorker Label, nachdem die Umsätze gesunken sind), gibt es einige junge, amerikanische Labels, die für spannende Kollektionen sorgen. Und diese Designer werden von ähnlichen Sachen wie Raf inspiriert.

Das bekannteste Beispiel dafür ist das Label Hood By Air. In den Modeschauen wird Vielfalt in all seinen Formen zelebriert: Models mit unterschiedlicher Hautfarbe, Figuren und Körperformen. Bei den Designs wird das Label von der queeren Untergrund-Szene beeinflusst, so fand die letzte Modenschau im Keller einer Pariser Schwulensauna statt. Das Label interpretiert Maskulinität auf eine spielerische und dennoch männliche Art und Weise neu. Feministische Elemente treffen auf maskuline Mode. Zum Beispiel in Form von roten Overknee-Stiefeln, die die männlichen Models getragen haben. Die Absätze ließen sie gefährlich und furchteinflößend, und alles andere als fragil erscheinen. Zwar präsentiert das Label seine neuesten Designs in Paris, aber das Amerikanische ist trotzdem unverkennbar.

Aber auch noch weniger bekannte Labels wie Gypsy Sport oder Devon Halfnight LeFlufy sorgten während der letzten New Yorker Männermodewoche mit ihrer Interpretation von amerikanischer Menswear für Aufsehen. Die Besucher bei Devon Halfnight LeFlufy wurden Zeugen einer schrägen Virtual-Reality-Welt, in der abstrakte Bilder aus den dunklen Ecken des Internets ihren Weg als Prints in die Kollektion fanden, und mit Bondage-Geschirr kombiniert wurden. Gypsy Sport setzte sich in seiner Frühjahr-/Sommerkollektion mit dem amerikanischsten aller Outfits auseinander: Football. Mit Spitze und Fransen hat uns das Label gezeigt, was und wie Herrenmode alles sein kann. Davor präsentierte Gypsy Sport seine letzte Kollektion im Rahmen einer Guerrila-Show im Washington Square Park. In New York ist plötzlich wieder eine Spannung zu spüren, die dort lange nicht mehr wahrzunehmen war.

Der Rest, der auf der New York Fashion Week Men's gezeigten Kollektionen, beschäftigte sich weiterhin mit dem allseits bekannten Thema Sportswear.
Und genau das wird Rafs Herausforderung: Kann er die amerikanische Menswear wieder zum Leben erwecken oder nicht? Vielleicht. Wahrscheinlich. Was er aber auf jeden Fall verändern wird, ist die Richtung, die sie einschlagen wird. Und wie das aussehen wird, mit einem milliardenschweren Modeunternehmen im Rücken, werden wir bald sehen.

Credits


Text: Jack Sunnucks