designerin marta jakubowski ist fasziniert von leben und tod

Wir trafen die NEWGEN-Designerin Marta Jakubowski vor ihrer ersten eigenen Runway-Show auf der LFW und sprachen mit ihr über Krankenhäuser, Psychiatrien und über das Leben an sich.

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14 Januar 2016, 12:45pm

Geboren wurde sie in Polen, aufgewachsen ist sie in Deutschland und mittlerweile lebt sie in London. Für ihre Spring-/Summer-16-Kollektion ließ sich Marta Jakubowski von sterilen Krankenhäusern, der Uniformität in Gefängnissen und den Zwangsjacken in Psychiatrien inspirieren. Sie versteht es, aus diesen eher düsteren Themen etwas Verträumtes und Hoffnungsvolles zu kreieren. Für ihre Abschlusskollektion „Human Centipede" benutzte sie vor allem Schwarz, Weiß und Rot sowie fließende und lockere Drapierungen, mit denen sie all ihre Models durch viel Stoff verband. 

Vor zwei Saisonen wurde sie von NEWGEN aufgenommen. Die Absolventin des Royal College of Art und ihre Freundin, NEWGEN-Designerin Sadie Williams, werden im Februar auf der London Fashion Week zum ersten Mal ihre Entwürfe in eigenen Runway-Shows präsentieren. Wir wollten mehr erfahren und sprachen mit der Designerin über das Leben, den Tod, Edward mit den Scherenhänden und was junge Designer an Support schätzen.

Wie hast du gemerkt, dass dich Mode interessiert?
Da gab es nie einen bestimmten Moment. Ich bin oft mit meiner Mutter shoppen gegangen und ich durfte immer die verrücktesten Kombinationen tragen. Als Teenie habe ich gerne eingekauft. Jeden Freitag nach der Schule bin ich losgezogen, es war schon fast ein Ritual. Ich war auf der Suche nach einem neuen Partyoutfit für das Wochenende. Um dafür zu bezahlen, hatte ich schon früh einen Nebenjob.

Wieso wolltest du in London studieren? Die Studiengebühren in Deutschland sind niedriger.
Ich bin nach meinem Schulabschluss für ein Jahr nach London gegangen und hatte eine tolle Zeit dort. Ich konnte die Lernmethoden miteinander vergleichen. Vielleicht war es auch Glück, aber meine Lehrer in London waren immer sehr ehrlich. Mein Gefühl war, dass sie mich und meine Arbeiten fertig machen wollten, gleichzeitig haben sie sich aber auch wirklich dafür interessiert. Das vermisse ich am meisten: die Ehrlichkeit und die Kritik, die ich auf der Uni gewohnt war.

Beschreibe deine Designästhetik in fünf Worten.
Emotional, subtil, unangestrengt, zeitlos und lang.

Was war der beste Rat, den dir deine Lehrer im Masterstudium gaben?
„Wenn du nicht an dich selbst glaubst, wird es keiner tun" sowie „Entscheidungen zu treffen, ist das Schwierigste und unterscheidet einen guten von einem schlechten Designer".

Welchen Rat würdest du jungen Designern geben, die an ihren Portfolios arbeiten und am RCA studieren wollen?
Versuche so ehrlich wie möglich zu sein. Dein Portfolio soll deine Persönlichkeit widerspiegeln. Wenn du nicht zeichnen oder nähen kannst, dann fake es auch nicht. Finde einen anderen Weg, um deine Ideen zu kommunizieren. Es gibt nicht den einen Weg. Du musst deinen eigenen Weg gehst. Es gibt keine andere Option. 

Welchen Rat würdest du Absolventen geben, die ihr eigenes Label gründen wollen?
Tue es und versuche, Wege zu finden, damit es klappt. Kreative sind so leidenschaftlich bei der Sache, sie widmen der Aufgabe ihr ganzes Leben. Weil sie viel von ihrer Persönlichkeit einbringen, haben sie vielleicht eher Angst vorm Versagen. Das einzige Versagen ist, es nicht zu versuchen.

Wie hast du dich gefühlt, als du erfahren hast, dass du deine erste Runway-Show auf der LFW mit NEWGEN haben wirst?
Ich bin so aufgeregt und glücklich. Die letzten beiden Saisons habe ich meine Entwürfe ohne Runway-Shows mit NEWGEN präsentiert. So konnte ich mich entwickeln, die geschäftliche Seite kennenlernen und mich an das Moderad und die Showrooms gewöhnen. Für mich war es wichtig, diesen Prozess zu durchgehen. Ich habe mir wirklich viele Gedanken dazu gemacht. Aber ich kann es kaum erwarten, meine Kollektion auf dem Laufsteg zu zeigen.

Deine Frühjahr-/Sommerkollektion 2016 wurde von Krankenhäusern, Psychiatrien und Gefängnissen inspiriert. Was hat dich an diesen Orten so fasziniert?
Ich habe viel Zeit in Krankenhäusern verbracht. Meine Mutter hatte viele Behandlungen, als ich ein Kind war. Ins Krankenhaus zu gehen, war für uns das, was für andere Familie der sonntägliche Gottesdienst war. Auch wenn ich mich irgendwann daran gewöhnt hatte, war es dennoch immer eine sehr einschüchternde Erfahrung. Gleichzeitig gehört es für mich auch zu den faszinierendsten Orten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich im Park des Krankenhauses saß und die Schreie einer Person hörte, die mit dem Tod ringt, und zeitgleich schrie ein neugeborenes Baby. Krankenhäuser stehen wie kaum ein anderer Ort für den Lebenskreis.

Wie hast du das in Kleidung übersetzt?
Das ist ein Gefühl, ein Geisteszustand und etwas, worin ich Schönheit entdecke. In der Kollektion aus der letzten Saison ging es um Frauen in psychiatrischen Abteilungen - von anderen so eingeengt, aber so frei in ihren eigenen Gedanken.

Zu früheren Inspirationen von dir gehören die ebenfalls ziemlich düsteren - Edward mit den Scherenhänden oder Francesca Woodman. Was findest du so anziehend an düsteren Themen?
Ich finde sie nicht düster. Für mich gehört Edward mit den Scherenhänden zu den schönsten Liebesgeschichten. Auch Francescas Arbeiten sind schön. Diese Arbeiten sind ehrlich und sehr persönlich, und sie zeugen von Stärke, die mich am meisten fasziniert.

Was ist das Schwierigste als junger Designer in London heutzutage?
Die Mieten haben lächerliche Höhen erreicht. Es ist fast unmöglich geworden, gleichzeitig ein Zimmer und ein Atelier zu mieten. Es gibt so viele Räume, deren volles Potenzial aber nicht ausgeschöpft wird. Etwas muss sich ändern.

Was ist das Beste?
Organisationen wie NEWGEN by Topshop oder der British Fashion Council, die junge Designer mit Publicity und Mentoraten von den Besten unterstützen; das CFC, das mit Business-Support hilft; Leute aus der Branche wie Ella Dror PR oder Stavros von Machine-A, also Leute, die jungen Designern unter die Arme greifen und Zeit in sie investieren, weil sie an sie glauben. Außerdem natürlich, dass Freunde in der Nähe sind, die dasselbe durchmachen, wodurch man sich nicht so alleine fühlt.

Welche Musik hörst du im Atelier?
Das variiert. In letzter Zeit haben wir Radio gehört, weil ich mich so organisierter fühle. Abends höre ich gerne Michael Jackson und deutschen HipHop.

Welche Designer sollten wir 2016 im Auge behalten?
Sadie Williams!

Hast du Vorsätze für das neue Jahr?
Einfach glücklich zu bleiben.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Ich plane nicht!

@martajakubowski

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Credits


Text: Felicity Kinsella