bei den londoner menswear-schauen dominieren politische botschaften

Nach den ersten Tagen der Männermodewoche in London wird deutlich, dass die Designer auf die gegenwärtige politische Großwetterlage und den Zustand der Modeindustrie mit Formalismus und militärischen Referenzen reagieren.

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11 Januar 2016, 4:50pm

Jason Lloyd Evans

Nach der ganzen Untergangsstimmung, die in der Modebranche seit letztem Oktober grassiert, und der gnadenlosen Inanspruchnahme durch den Sechs-Monats-Show-Zyklus haben die Designer nun die Chance, ihre Kreationen selbst sprechen zu lassen. Nach den ersten Tagen der Londoner Männermodewoche für die Saison Herbst/Winter 2016 war die Botschaft deutlich: die Designer werden nicht kampflos untergehen. Diese Haltung spiegelte sich in militärischen Elementen in vielen Kollektionen wider, umgesetzt in Armee- und Kriegssymbolik, genauso aber auch durch bestimmte Symbole für Schutz und Frieden, eben die immanente Widersprüchlichkeit von militärischen Abzeichen. Über die Modegrenzen hinaus gedacht, stehen die Militärreferenzen für eine Welt, deren Zukunft alles anderes als sicher ist und eine Welt, in der sich besonders in Europa Radikalismus ausbreitet und in der Aktivisten und reaktionäre Gruppen um die politische Zukunft des Kontinents kämpfen.

Matthew Miller

Matthew Miller, der bisher für feinstes Schneiderhandwerk und luxuriöse und hochwertige Materialien bekannt war, verkündete schon vor der Show, dass wir eine Neuinterpretation von Eleganz erwarten durften. Für Autumn / Winter 2016 präsentierte das Label Gürtel um die Hüften, Bomberjacken und zerfetzte Armbänder, von denen die Abzeichen abgerissen wurden. Das warf die Frage auf, wofür Matthew Miller diese Saison steht? Von Millers politischem Weltbild ausgehend, liegt man wohl nicht falsch, wenn man behauptet, dass er die Kreationen nicht für den Grenzschutz gemacht hat. „Sie können ein Zeichen der Rebellion sein. Es kommt auf den Kontext an, in dem sie verwendet werden", erklärt der Designer. „Vielleicht ist es Militärpolizei, die Miliz trägt dazu noch Armbänder. Es gibt viele Referenzen, meine Entwürfe sich aber definitiv mehr von der Miliz inspiriert." Die Mäntel mit wunderschönen Caravaggio-Prints zollten dem kontroversen Maler aus dem 16. Jahrhundert Tribut, dem alles scheißegal gewesen sei.

Matthew Miller

„Er wurde aus seinem Heimatland verwiesen und ins Exil geschickt. Er war ein Spieler, ein Trinker, ein Mörder und er starb jung", sagte Miller. „Die Art, wie du dich fühlst, hängt davon ab, wie du deine Persönlichkeit ausdrückst. Du kannst das nicht verstecken." Für den Designer sind die Prints eindrucksvolle Referenzen, die als Zeichen für Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und den Willen, mit seinen Entwürfen etwas auszusagen anstatt bloße textile Hüllen zu sein, fungieren. Die Kollektion des Briten ist zwar kein direktes politisches Statement, aber sie fungiert vielmehr als ein Aufruf, etwas zu tun - global und lokal. 

Bei Casely-Hayford spielten lange Mäntel, die Dekonstruktion von Ausgehuniformen sind, eine wichtige Rolle. Diese wurden mit Prints und Armeeaufnähern verziert und von knalligen, goldfarbenen Stickereien mit Militärmustern unterbrochen, was für eine Neuinterpretation von Werten stehen soll. Kann viel Bling Bling und Spaß für Krieg stehen?

Casely-Hayford

Valentino und Haider Ackermann thematisierten in ihren Damenkollektionen im September und Oktober die aktuelle Flüchtlingskrise in Europa und setzten ein Zeichen für die Idee von internationaler Solidarität. Drei Monate später präsentierte Lou Dalton ihre eigene Interpretation. Ihre Herrenkollektion wurde von den Shetlandinseln und dem Shetland Bus inspiriert, eine Widerstandsgruppe, die im Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge aus dem von Deutschland besetzten Norwegen mit Fischerbooten auf die Shetlandinseln rettete. Die Parallelen zur aktuellen politischen Lage waren unübersehbar, genauso wie Daltons Botschaft: „Die Fischer haben Armeeangehörige und norwegische Flüchtlinge in Sicherheit gebracht. Ich habe mich in alles verliebt, was mit den Fischern zu tun hat", sagt die Designerin. „Sie umgibt eine Aura des Dreckigen und des Öligen." Daltons Uniformen sind mehr Workwear, der ein militärischer Charakter verliehen wurde, als armeetaugliche Kleidung. Zivilisten nehmen die Sache selbst in die Hand. Die kuschelige Teddybear-Hose ist hier besonders zu erwähnen.

Lou Dalton

„Das liegt an der Auseinandersetzung, die gerade in der Modewelt stattfindet", sagt Sam Cottin nach der Agi & Sam-Show, in der nüchterne, formalisierte, zweckmäßige Pieces präsentiert wurden. „Es fing alles mit Raf an", erklärt er weiter und meint damit den Weggang von Raf Simons bei Dior und den Druck, den die Industrie auf die Designer ausübt. „Jeder macht zur gleichen Zeit das Gleiche durch. Wir wollten uns einen Moment nehmen, um darüber zu reflektieren, was wir bereits getan haben, worin unsere Stärken liegen und dann darauf aufzubauen, anstatt mit Vermutungen zu arbeiten, was die Leute wollen."

Agi & Sam

Die Kollektion von Agi & Sam war bescheiden, authentisch und geprägt von einer hochwertigen Verarbeitung und der Perfektion der Pieces, aber nicht von der Neuerfindung des Rades. Und dennoch war sie auch mehr als das. „Wir haben mit unserer Kollektion versucht, die äußeren Bedingungen widerzuspiegeln", erklärte Agi Mdumulla. „Jeder erlebt so viele Turbulenzen in seinem Leben, ob es sich dabei um die Politik oder die Nachrichten handelt. Du schlägst die Zeitung auf und alles, was wir lesen, ist Elend und Verderben. Die Kollektion ist eine Reaktion darauf. 2015 war ein intensives Jahr und es gibt viele Einschränkungen und Spannungen. Die Kollektion ist unser Versuch, alles näher zusammenzubringen und sich gleichzeitig dem Osten und Westen zuzuwenden und diese beiden Welten miteinander kombinieren zu wollen." So findet man in der Kollektion einerseits Kaftan-lange Tops und Schlaghosen und andererseits armeegrüne Mäntel mit vielen Taschen, die auch gut und gerne aus einem Berliner Secondhand-Laden stammen könnten, der sich auf Ostblock-Mode spezialisiert hat.

Sibling

Bei der neuen Kollektion von Sibling drehte sich zwar auch alles um einen Kampf, aber keinen der mit Krieg zu tun hat. Für Cozette McCreery und Sid Bryan war Boxen diese Saison ganz groß, genauer gesagt das berühmte Bild von Jean-Michel Basquiat und Andy Warhol in Boxhandschuhen, wie sie mit gekreuzten Armen für Pazifismus stehen. 85 goldene, handgefertigte Militärabzeichen waren auf dem Laufsteg zu sehen, mit penibel angebrachten Swarovski-Kristallen. Das war ein Friedenskorps nach guter Sibling-Tradition, der Soundtrack mit „Under Pressure" und „Another One Bites the Dust" mischte dem ansonsten lupenreinen Optimismus jedoch ein paar ernste Untertöne unter. Erst im letzten Sommer starb Bryans Ehemann und Sibling-Mitbegründer Joe Bates. Backstage wurde Bryan gefragt, ob die Stimmung der Kollektion etwas mit der Situation kurz vor einem Boxkampf zu tun habe. „Vielleicht nach einem Kampf", antwortete er. „Es sollte alles schwarz und dunkelblau werden. Aber das konnte ich nicht machen. Die Kollektion entwickelte sich so."

Astrid Andersen

Bei einer anderen Designerin im Rahmen der London Collections: Men schlugen sich die militärischen Referenzen in zeremonielleren und dekorativeren Formen nieder. Astrid Andersen verabschiedete sich von ihren orientalischen Einflüssen, die über mehrere Saisons ihre Entwürfe kennzeichneten, und ließ sich von ihrer Intuition leiten. „Die Silhouette basierte auf einer Denimjacke, aber als wir sie dann in Neopren übersetzt hatten, fühlte sie sich plötzlich ziemlich formal an. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass es zu meiner Ästhetik passt. Das Beste ist doch, wenn ich eine Silhouette entdecke, die sich natürlich für mich anfühlt, aber immer noch eine Weiterentwicklung darstellt. Sie ist formeller, aber es ist Neopren, also ist trotzdem noch alles möglich", sagte die Designerin. Ihre Interpretation von formeller Kleidung bewegt sich zwar immer noch im Sportswear-Kontext, aber ihre spezielle Schnittführung macht die Entwürfe so besonders.

Coach

Das Motto bei Astrid Anderson könnte Intuition lauten. So wie auch bei vielen ihrer Designerkollegen, die alle eine Botschaft hatten: Folge immer Deiner Intuition! Unterlegt wurde das durch einen brillanten Soundtrack, nämlich Janet Jacksons The Velvet Rope. „It's my belief that we all have a need to feel special", sagt die amerikanische im Intro des Songs. „This need can bring out the best of us, yet the worst of us." Anderson drückte die Bedeutung des Albums so aus: „Dieses Album hatte jedem, der es in den späten 90ern kaufte, etwas Persönliches zu sagen." Bei Coach interpretierte Creative Director Stuart Vevers die Nostalgie etwas anders. „Mein Ansatz ist es, mir anzuschauen, was jüngere Generationen bewegt. Für mich liegt das diese Saison nicht im Formellen , sondern im Unbeschwerten", sagte er nach der Coach-Show. Der Designer präsentierte mit fantastischen Teddybear-Mänteln, Schaffelljacken und Lederjacken, die er um 70er-Einflüsse ergänzte, die neuesten Kreationen des amerikanischen Labels.

Coach

Im Gegensatz zu vielen anderen Labels, die am Samstag im Rahmen der London Collections: Men ihre neue Kollektion für Herbst / Winter 2016 präsentiert haben, ging es bei Coach nicht so Angst geladen zu. Aber Coach ist kein europäisches Label und ist der gegenwärtigen Situation nicht so ausgesetzt wie die meisten der Londoner Designer. „Das als amerikanisches Label zu interpretieren, macht Spaß", sagte Designer Vevers über die Gelassenheit in der Kollektion. „Das war keine Armee von Leuten mit denselben Maßen oder derselben Einstellung. Es geht nicht zum Präzision. Ich habe 20 Jahre in der europäischen Welt der Luxuslabels verbracht. Das ist jetzt für mich die Möglichkeit, etwas Anderes zu machen. Ein amerikanisches Label sollte auch anders sein."

Mehr über die London Collections: Men erfährst du hier.

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Backstagefotos: Jason Lloyd Evans
Catwalkfotos: Mitchell Sams