die neue version von dior homme: im gespräch mit kris van assche

„Ich fühle mich jetzt mit 39 wohler, als ich es mit 16 jemals war. Viele Leute sagen, dass sie gerne noch einmal jung wären. Das finde ich überhaupt nicht erstrebenswert. Ich bin viel glücklicher und mehr im Gleichgewicht.“

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Nov. 20 2015, 1:24pm

Dieses Jahr wurde Kris van Assche 39 Jahre alt. Im Laufe unseres Gesprächs bei grünem Tee im Hotel Marignan in Paris, kurz nach seiner Spring-/Summer-16-Show für Dior Homme, erwähnt er mehrmals sein Alter. Mit Anfang 30 übernahm er die undankbare Aufgabe, die Nachfolge des Aushängeschilds der Menswear der 2000er - Hedi Slimane - anzutreten. Die Jahre haben ihn ruhiger und gelassener werden lassen. „Ich habe gerade ein Selfie mit A$AP Rocky gepostet, du wirst enttäuscht sein", antwortet er auf meine Frage nach seinem vergleichsweise braven Social-Media-Verhalten.

Erst vor ein paar Monaten gab er das Ende seines eigenen Labels KRISVANASSCHE bekannt. Darüber möchte er nicht sprechen; nur so viel, dass es zeitliche Konflikte gab. Ist er nach all den Jahren in der Modebranche immer noch glücklich? „Ja, sehr sogar. Ich habe das Gefühl, dass Dior Homme ein völlig neues Vokabular entwickelt hat, das keiner mehr infrage stellt", sagt der Designer. „Natürlich war es nicht leicht. Aber wenn es einfach gewesen wäre, dann hätte ich die Motivation verloren. Wenn man gerne Tennis spielt, soll man Tennis spielen. Aber um Wimbledon zu gewinnen, muss man hart arbeiten." Sein Dior-Mann ist vielleicht am besten als Spätzünder zu beschreiben. Über mehrere Saison im Schatten seines Vorgängers gefangen, bis er endlich erwachsen wurde: der softe, kultivierte, romantische junge Gentleman mit seinem Stilmix aus Uptown und Downtown.

„Er hat sich wahnsinnig verändert", sagt er über seinen Dior-Mann. „Hedi ist jetzt bei Saint Laurent. Wenn man beide SS-16-Shows miteinander vergleicht, wird deutlich, wie sehr sich der Dior-Mann verändert hat. Das ist so, was ich mir unter einer angemessenen Herrenkollektion eines französischen Haute-Couture-Hauses vorstelle. Genau da habe ich vor neun Jahren angesetzt. Für mich musste Dior Homme nicht in der Nische bleiben. Die Kollektion musste wachsen und sich zu etwas anderes entwickeln können. Sie ist ja auch gewachsen." Um sich von Kris van Assches Können einen Eindruck zu verschaffen, muss man sich nur das Lächeln auf dem Gesicht von Dior CEO Sidney Toledano jede Saison anschauen, wenn er backstage geht, um seinen Goldjungen zu begrüßen.

Aber der Dior Menswear-Designer hat sich nicht auf seinen Lorbeeren ausgeruht, besonders wenn es um seine Shows geht. Für die AW-15-Show wurden Frackträger von einem Sinfonieorchester begleitet, das Koudlams „The Landsc Apes" spielte. Die Show fügte den ohnehin durchchoreografierten Dior Homme-Shows eine neue Facette hinzu, und gewährte einen tieferen Einblick in die Gedankenwelt des Designers. „Ich bin schon immer Anhänger von Tradition gewesen", sagt er über die formalen Kleider. „Ich konzentriere mich auf die Frage, was Dior Homme in der heutigen Welt repräsentieren soll. Da Dior ein Haute-Couture-Haus ist, sollte diese Antwort eine gewisse Grandezza haben. Ich konnte es kaum glauben, dass die Leute wirklich Fräcke gekauft haben. Ich dachte, die würden nur gekauft, um mir eine Freude zu machen, aber nein, sie verkauften sich wirklich gut. Gerade ging eine neue Bestellung ein."

Dieses Gefühl von Erhabenheit speist sich aus seiner Herkunft. Er hatte ein inniges Verhältnis zu seiner Großmutter, eine Adlige aus der belgischen Oberschicht, deren Familie ihren ganzen Reichtum verlor, als sie jung war. „Bei ihr galten viele Regeln: wie man sich am Tisch zu nehmen hat, wie man den Tisch deckt und wie das Blumenarrangement auszusehen hat", erinnert sich der belgische Designer. „Und sie versuchte, nach diesen Regeln zu leben, auch wenn sie nicht mehr über den Reichtum verfügte, der mit diesen Regeln verbunden ist. Sie bekam dann meinen Vater, der dagegen rebellierte. Er konnte einfach nicht verstehen, wieso diese Regeln noch existierten, aber nicht der Status, der damit einhergeht. Mein Vater ist sehr bodenständig und ich glaube, dass er noch nie in seinem Leben einen Smoking getragen hat. Von meiner Großmutter habe ich ein Auge und die Liebe für schöne Details und den Sinn für Tradition geerbt - das macht doch den Unterschied im Leben aus."

Kris van Assche geht Einzelheiten aus seinem Privatleben äußerst sparsam um und steht den Medien reserviert gegenüber. „Wenn man zehn Jahre lang immer wieder dieselben Fragen gestellt bekommt, nervt es irgendwann. Man wiederholt ständig seinen Lebenslauf. ‚Wie war die Kindheit? Wie war die Zeit auf der Akademie? Wie war die Anfangszeit in Paris?' Das ist zwanzig Jahre her, es ist genug. Meine Beziehung zu den Medien war anfangs nicht die einfachste. Aber wenn die Antworten dazu dienen, die Arbeiten besser verstehen zu können, dann ist es wenigstens interessant."

Die Diskretion, die mittlerweile mit den Namen Kris van Assche verbunden wird, war dem Teenager Anfang der 90er im ländlichen Flandern noch nicht so vorherzusehen. „Es ist schon lustig. Ich werde jetzt aus dem Nähkästchen plaudern. Als Junge waren meine großen Vorbilder Jean Paul Gaultier und Thierry Mugler, diese großen, extravaganten Persönlichkeiten der Mode. Letztlich bin ich aber eher wie die zurückhaltenden belgischen Designer. Ich war in meiner Jugend ein großer Madonna-Fan. Ich bin so weit von diesen Typen entfernt, wie man nur sein kann, deshalb bin ich ein Bewunderer von ihnen. Ich hinterfrage es mittlerweile nicht mehr. Ich werde nie so sein wie Madonna, das habe ich akzeptiert."

Nachdem Raf Simons die Nachfolge von John Galliano als Chefdesigner der Dior-Damenkollektionen antrat, arbeitete Kris van Assche neben einem dieser zurückhaltenden belgischen Designer. „Die Herrenkollektion war schon immer sehr unabhängig von den Damenkollektionen. Es gab immer einen großen Unterschied in den Designs. Mittlerweile ist er jedoch vielleicht ein wenig kleiner geworden. Ich denke nicht wirklich darüber nach. Wir arbeiten in unterschiedlichen Gebäuden, wir haben unterschiedliche Teams. Ich bewundere Raf und ich respektiere ihn sehr dafür, was er macht." Trägt er Raf Simons' Menswear? „Nein, aber ich hatte auch mein eigenes Label und ich hatte genug Kleidung. Mein Freund trägt aber Raf."

Das ist der neue Kris van Assche: so höflich wie immer, aber mit einer neu gefundenen Lebhaftigkeit und Ungezwungenheit, die vor neun oder fünf Jahren so noch nicht da war. Vielleicht liegt es daran, dass er sein gleichnamiges Label eingestellt hat, was er nebenbei unabhängig führte, oder vielleicht liegt es auch am Alter und der damit verbundenen Gelassenheit und Reife. „Ich bekomme mit, wie die Zeit vergeht und dass man das Leben genießen muss", erklärt der Designer abschließend. „Ich fühle mich jetzt mit 39 wohler, als ich es mit 16 jemals war. Viele Leute sagen, dass sie gerne noch einmal jung wären. Das finde ich überhaupt nicht erstrebenswert. Ich bin viel glücklicher und mehr im Gleichgewicht."

Zum Zeitpunkt des Interviews war Raf Simons noch Chefdesigner der Dior-Damenkollektionen.

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Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Willy Vanderperre 
Fashion Director: Alastair McKimm
Grooming: Sofie Van Bouwel at Touch by Dominique Models Agency verwendete Chanel
Nägel: Eva de Keersmaker 
Licht: Romain Dubus
Digitaltechnik: Henri Coutant at Dtouch
Fotoassistenz: Jorre Janssens, Sander Muylaert
Stylingassistenz: Lauren Davis, Katelyn Gray, Sydney Rose Thomas, Inge Theylaert
Produktion: Isabelle Verreyke, Willy Cuylits, Dieter Blonde, Mira Schouten at Mindbox
Producer: Floriane Desperier at 4oktober
Models: Benno at Tomorrow is Another Day, Jolan de Bouw at Hakim Model Management, Ruben Pol at 16Men, Tim Schumacher at Premium Models, Yasko
Kleidung:  Dior Homme Spring/Summer 16