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triff die nachrichtenjournalisten, die unsere sicht auf die welt verändern

Im Zeitalter von Internetrollen, Hass-E-Mails, Todesdrohungen gegen Journalisten und Charlie Hebdo ist die Verfasserzeile wichtiger denn je. Wir präsentieren die Gesichter und Stimmen, die jungen Leuten überall auf ganzen Welt die Weltpolitik, die...

von i-D Team
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28 August 2015, 12:50pm

Julia Macfarlane, 25, Fernsehjournalistin der BBC

Was wolltest du werden, als du kleiner warst?
David Attenborough. Als ich dann etwas älter wurde, las ich Rory Stewarts Buch über die Durchquerung Afghanistans zu Fuß während der amerikanischen Invasion. Das hat mein Interesse an meiner Umwelt verändert und ich wollte wissen, wie afghanische Mädchen meines waren.

Wie ist es, für die BBC zu arbeiten?
Grandios. Ich bin als Expat in Asien aufgewachsen, wo meine Eltern den BBC World Service gehört haben. Die BBC war eine Nachrichtenquelle, der man vertraut hat, und sie war eine Verbindung nach Hause. Es war immer mein oberstes Ziel, dort eines Tages zu arbeiten. Als ich dann dieses Jahr für die Bulletins der britischen Hauptnachrichtensendungen BBC News at Six und BBC News at Ten auf BBC One anfing zu arbeiten, war ich überglücklich. Die Bulletins sind der Top-Output von BBC News und es ist einfach unglaublich, mit den Senior Editor und Korrespondenten tagtäglich zusammenzuarbeiten. Ich bin mit den News-Anchor Huw Edwards und Fiona Bruce aufgewachsen und jetzt Teil des Teams zu sein, ist unbeschreiblich.

Wer ist dein Vorbild?
Da gibt es so viele. Ich bin ständig von inspirierenden Leuten umgeben. Es gibt Journalisten bei BBC Singhala, die Mordversuche überlebt haben. Korrespondenten von BBC Persia wurden aus ihrem Heimatland ausgewiesen, nur weil sie darüber berichtet haben, was in ihrem Land passiert. Jeremy Bowen, der so viel über die Geschichte und die Mechanismen des Nahen Ostens weiß, und härter als die meisten Leute arbeitet, die ich kenne, mit seiner ebenso furchtlosen und unerschütterlichen Producerin Cara Swift. Fred Scott und Darren Conway sind Kamerakünstler und ihre Aufnahmen sind nie langweilig. Ihnen nachzueifern ist in etwa so gewinnbringend wie der Versuch eines Babys, Van Gogh zu imitieren.

Was ist das Härteste an deinem Job?
Wenn du für die BBC arbeitest, hast du eine bestimmte Verantwortung. Es ist Vergnügen und ein Privileg zugleich. Am Anfang kannst du schon eingeschüchtert sein, wenn du daran denkst, was du alles falsch machen kannst.

Erinnerst du dich an die erste Geschichte, über die du berichtet hast?
Meine erste eigenen TV- und Radioberichte für die BBC waren über die syrische Flüchtlingskatastrophe im Libanon. An diesem Tag wurde berichtet, dass der Millionste Flüchtling die Grenze überquerte. Ich berichtete darüber, wie sich tausende Flüchtlinge aus Angst nicht registrieren, also war die Flüchtlingszahl viel höher. Ich hatte wochenlang versucht, an Flüchtlinge heranzukommen, die vor der Registrierung zu viel Angst hatten, um an Hilfe zu kommen, und sie ins Fernsehen zu bringen und mir darüber zu erzählen. Das war ein hartes Stück Arbeit! Glücklicherweise hatte ich es irgendwie hinbekommen. Es war eine tolle Erfahrung, diese Schicksale der Welt durch die nationalen und internationalen Kanäle der BBC zu präsentieren.

Bei welcher Geschichte warst du persönlich am meisten involviert?
Letzten Sommer habe ich die meiste Zeit im Newsroom damit verbracht, den Nahostkonflikt für die BBC News-Website von London aus zu betreuen. Wann immer etwas im Levante passiert, bin ich interessiert. Ich kann nicht still in meiner sicheren Londoner Wohnung herumsitzen, während ich zusehen musste, was mit den Leuten vor Ort passiert. Es war schwierig, da nur Zuschauer zu sein. Mein Einsatz in Gaza war mein erster Auftrag als Angestellte (davor war ich freie Mitarbeiterin), also habe ich mich selbst unter Druck gesetzt, aber alle haben mich wirklich gut unterstützt. Ich bin ohne Crew angereist, Videos habe ich selbst gedreht, außerdem habe ich auch die Berichte fürs Internet und Radio verfasst. Das Schwierigste war es, mit den verschiedenen Formaten zu jonglieren und dabei die Grundlagen einer guten Geschichte zu berücksichtigen. Ich bin stolz auf die Geschichten, die ich während dieser Zeit produziert habe. Aber mein erster Einsatz es war eine Herausforderung.

Hattest du jemals Angst in deinem Job?
Die BBC nimmt Sicherheit sehr ernst - manchmal zu ernst -, deswegen nennen einige Journalisten die BBC „Tantchen" („Auntie"). Bevor ich gehen konnte, muss ich ein einwöchiges Survialtraining in feindlichen Umgebungen absolvieren. Im Vergleich zu meinen Kollegen habe ich eine Messerspitze an Terror erlebt, aber ich hatte auch meine interessanten Momente. In Beirut geriet ich in einen Aufstand mit Tränengas, was aber mehr eine Adrenalinerfahrung war. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich wirklich in Gefahr befinde. Letzten Sommer explodierte um die Ecke von mir eine Selbstmordbombe, was surreal war. Der Ernst der Lage wurde mir erst bewusst, als ich meine Geschichte in der Radiosendung From Our Own Correspondent erzählte.

Wer ist die interessanteste Person, die du im letzten Jahr getroffen hast?
Nach meinem Gaza-Trip ging ich für ein paar Monate nach Israel, um die andere Seite des Zaunes zu sehen. Ich habe eine Siedlerfamilie getroffen, die gegenüber von Palästinensern wohnen, die für die Attacke auf die Synagoge in Jerusalem im November verantwortlich waren, und habe mir ihre Geschichte angehört. Sie sind höfliche und friedfertige Menschen, die in Frieden mit ihren Nachbarn leben wollen. Zu Hause wurde mir klar, dass diese komplexen Konflikte nicht nach dem Schaukelprinzip funktionieren, wo man beide Seiten miteinander vergleicht, sondern man muss jede Seite in ihrer Weise berücksichtigen und nachvollziehen, sich in ihre Lage zu versetzen und ihnen die Chance geben, ihre jeweilige Perspektive zu teilen. Man braucht immer Kontext, aber es ist wichtig, dass man versucht, die Dinge aus ihrer Perspektive zu betrachten.

Was ist die schrägste Geschichte, über die du berichtet hast?
Es ist eher eine schräge Erfahrung als eine schräge Geschichte. Bevor ich zur BBC kam, filmte ich verdeckt mit einem Team von freien Mitarbeitern in einem Palästinenser-Camp in Tripolis. Nachdem ein Camp-Spion die Camp-Polizei verständigte, wurde die Hälfte des Teams enttarnt (Die libanesische Armee darf das Camp nicht betreten). Sie wurden verhaftet und verhört, aber mein Kollege und ich verstecken uns den Tag über in einem sicheren Versteck. Am Abend wurde das Ende des Ramadan gefeiert. Sobald es dunkel wurde, krochen wir aus unserem Versteck und feierten mit einer Großfamilie ein großes Fest bis in die Morgenstunden; wir haben Schisha geraucht und Geschichten ausgetauscht. Die Nacht entwickelte sich zu einer der besten Nächte, die ich hatte, auch wenn sie damit begann, dass ich Angst vor Gefangenschaft und dem Verlust des Materials hatte.

Was ist die Bedeutung von Journalismus?
Ich will nicht melodramatisch klingen, aber ich finde, dass es kaum etwas Wichtigeres als Journalismus gibt, womit man sein Leben verbringen kann. Er ist der Eckpfeiler einer freien Gesellschaft. Wir haben eine Verpflichtung der Öffentlichkeit gegenüber, über Ereignisse und die nackte Wahrheit zu berichten, sowie Druck, Einschüchterung und andere Einflüsse von außen zu widerstehen und darüber zu berichten, was mit der Wahrheit und Genauigkeit passiert. Es gibt das Zitat, dass es keine Gesellschaft ohne freie Presse gibt. Dem stimme ich vollständig zu.

Henry Langston, 26, Vice News-Redakteur

Wolltest du Journalist werden oder bist du so reingerutscht?
Ich bin mehr oder weniger reingerutscht. Angefangen habe ich als Fotograf und habe Demonstrationen in Großbritannien begleitet, dann habe ich jedoch schnell gemerkt, dass ich mit Fotos nicht die ganze Geschichte erzählen kann, also habe ich im Fotojournalismus eine neue Heimat gefunden. Dadurch kann ich die Öffentlichkeit viel besser informieren, aber ich wollte es anders machen. Ich wollte für Gleichaltrige schreiben, und Vice war und ist das perfekte Medium dafür.

Wer ist dein Vorbild?
Ich schaue immer noch zu Don McCullin auf, einfach weil er einfach der beste Kriegsfotograf aller Zeiten war. So ein kluger Operator und seine Arbeiten stehen über denen seiner Kollegen und zeitgenössischer Konfliktfotografen. Ich habe auch tiefen Respekt vor meinen Kollegen, die über den Konflikt in der Ukraine berichten: Fotografen, Autoren und andere Journalisten. Es gibt ein paar exzellente, mutige und bahnbrechende Berichte über diesen Konflikt und viel kam von jüngeren Journalisten.

Was ist das Härteste an deinem Job?
Wenn du über Konflikte berichtest, siehst du viele brutale und herzzerreißende Dinge, was immer schwierig ist. Das Schwierigste aber ist, wenn man Zivilisten trifft, deren Leben von einem Konflikt komplett überschattet werden und die diesem Schicksal ausgeliefert sind; dass das alles ist, was sie kennen, und was sie für einige Zeit kennenlernen werden. Du triffst während deiner Arbeit auf Leute, die das so akzeptieren. Sie reagieren mit einem Schulterzucken auf die Verwüstung ihrer Nachbarschaft, als ob es normal wäre.

Wodurch hast du dir einen Namen gemacht?
Definitiv mit meinen Arbeiten aus der Ukraine: die längeren Filme über den Verlauf der Revolution bist zu kürzeren Berichten über den Krieg im Osten des Landes. Einige dieser Berichte hatten über eine Million Views und davon war die Mehrheit des Publikums unter 25 Jahre, was toll ist. Das ist eine Zielgruppe, die die Mainstream-Sender nur schwer erreichen.

Worüber hast du als erstes berichtet?
Ich habe über die Festnahme des früheren bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic, der 15 Jahre auf der Flucht war, weil er in Verbindung mit dem Massaker in Srebrenica gesucht wurde. Ich war zufällig zu der Zeit in Belgrad und arbeitete an einem Fotografieprojekt für die Uni, als er festgenommen wurde. Noch am gleichen Tag versammelten sich Zehntausende seiner Unterstützer in den Belgrader Straßen. Die Versammlungen dauerten die ganze Woche an. Das Ganze gipfelte in seiner Auslieferung nach Den Haag ein paar Tage später, während seine Unterstützer im Zentrum von Belgrad mit der Polizei aneinandergerieten. Einige meiner Fotos wurden auf der Website der BBC veröffentlicht und da wusste ich, dass ich das machen möchte.

Bei welcher Geschichte warst du persönlich am meisten involviert?
Die über die Ukraine. Ich habe mittlerweile so viel darüber berichtet, das es mich nicht mehr loslässt. Es ist großartiges Land mit tollen, mutigen Leuten. Die Welt hat die Ukraine im Stich gelassen und die Propaganda hat es sehr schwierig gemacht, dass die Leute eine klare Vorstellung davon bekommen können, was da wirklich passiert. Ich denke, dass unsere Berichterstattung da geholfen hat.

Hattest du jemals Angst in deinem Job?
Die ganze Zeit. Dieses Jahr habe ich über Ereignisse in der Ukraine, Gaza und Irak berichtet und alle hatten ihre Schreckensmomente: vom Dauerbeschuss im Osten der Ukraine bis zu Feuergefechten im Irak. Das Schlimmste aber ist, wenn du in einem Gebiet eingeschlossen bist, das unter Artilleriebeschuss steht. Die Ungewissheit ist ziemlich nervenaufreibend. Ich kann meistens wieder gehen, aber die meisten Zivilisten in diesen Gebieten können nirgendwo anders hingehen. Ich bin jedes Mal wieder aufs Neue davon überrascht, wie sich Menschen in diesen Situationen arrangieren und damit klarkommen.

Aws Al-Jezairy, 25, Vice News-Korrespondentin

Wolltest du Journalistin werden oder bist du so reingerutscht?
Ich war definitiv an Jobs in den Medien interessiert. Ich habe Fotojournalismus studiert, dann aber in meinem Abschlussjahr festgestellt, dass Fotos von Leidenden nicht mehr dieselbe Wirkung auf Betrachter haben, was eine gefährliche Entwicklung ist. Deshalb habe ich angefangen, mich für Videojournalismus zu interessieren. Die Kunst des Geschichtenerzählens hat so viel Kraft, wenn man es richtig macht. Mich hat moderieren nicht interessiert, ich wollte immer als Filmmacherin unterwegs sein. Aber die Erfahrung ist unschätzbar. Meine Eltern arbeiten beide in derselben Branche, mein Vater war Journalist und Chefredakteur einer irakischen Nachrichtenagentur und meine Mutter ist Nachrichtenproduzentin. Ich würde nicht sagen, dass ich deswegen denselben Weg eingeschlagen habe. Ich hatte das Ziel, mir selbst einen Job zu verschaffen und nicht über meine Eltern. Das habe ich geschafft.

Wer ist dein Vorbild?
Louis Theroux. Es kann in unserer Branche sehr machohaft und egozentrisch zu gehen. Ich habe das Gefühl, dass er unprätentiös an Sachen herangeht.

Was ist das Härteste an deinem Job?
Die Verantwortung. Es kann beängstigend sein, zu wissen, dass du verantwortlich dafür bist, die Geschichten anderer Menschen auf die beste und ehrlichste Weise zu erzählen und dass das möglicherweise beziehungsweise hoffentlich zu einem besseren Leben für sie führt.

Worüber hast du als erstes berichtet?
Über die Proteste gegen sexuelle Gewalt in Ägypten als Reaktion auf die schreckliche Gruppenvergewaltigung einer Frau auf dem Tahrir-Platz.

Bei welcher Geschichte warst du persönlich am meisten involviert?
Ich habe über ein syrisches Flüchtlingslager in der Türkei berichtet. Unter dem Besuch in einem dieser Lager habe ich mir einiges vorgestellt, ich bin selbst eine in Syrien geborene Irakerin. Obwohl wir mit Bildern vom Leid entwurzelter Syrer und Iraker überschwemmt werden, hat mich nichts auf die Wirklichkeit vor Ort vorbereiten können. Ich habe mich schuldig gefühlt, dass ich dort nicht mehr Zeit verbracht habe oder mehr geholfen habe. Ich weiß, dass es ein erster Schritt ist, ihre Geschichte journalistisch mit anderen zu teilen. Aber das hat mir keine Erleichterung verschafft. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich dem Ganzen gerecht geworden bin. Obwohl manche die Berichterstattung darüber zu viel finden, würde ich es trotzdem wieder machen wollen, dann aber richtig.

Hattest du jemals Angst in deinem Job?
Am meisten hatte ich Angst, als ich einen Mann traf, der Gerüchten zufolge ein Schmuggler für den IS an der türkischen Grenze war. Ich war so paranoid und habe alles interpretiert, was er gesagt oder getan hat; besonders nachdem ich gehört hatte, dass Schmuggler öfter mal bei Entführungen helfen. Ich hatte meinen Kameramann bei mir und ich habe die ganze Zeit verzweifelt versucht, einen Weg zu finden, ihm zu sagen: „Lass uns von hier verschwinden, mir ist das nicht geheuer". Aber ich konnte nicht.

Was war die lustigste Geschichte?
Zusammen mit Charlet durch die Wüste in Kuwait zu düsen, während im Auto auch noch ein Gepard saß.

Worum geht es im Journalismus?
Menschlichkeit.

Louise Callaghan, 24, Auslandskorrespondentin der Sunday Times.

Wolltest du Journalistin werden oder bist du so reingerutscht?
Ich wollte Journalistin werden. Sobald ich realisiert hatte, dass ich dafür bezahlt werden kann, laut zu sein, schien alles andere im Vergleich dazu unattraktiv.

Was wolltest du werden, als du kleiner warst?
Entweder Löwin oder Spionin.

Wer ist dein Vorbild?
Ron Burgundy. Auch Courtney Weaver, die Russlandkorrespondentin der FT. Sie macht so Dinge wie: Sie hängt in Bars der Osturkaine rum und erhält Beweise dafür, dass russische Soldaten dorthin entsandt werden, um zu kämpfen. Und natürlich noch andere ernsthafte Geschichten. Lauren Collings vom New Yorker kann gleichzeitig lustig und engagiert sein, zum Beispiel wenn sie über total lächerliche Dinge wie ein zwölfseitiges Profil über IKEA schreibt. Das ist verdammt beeindruckend. Es waren die Artikel von Korrespondentinnen der Sunday Times, wie Nicci Smith, Hala Jaber, Christina Lamb und Marie Colvin, die mich zum Journalismus gebracht haben.

Was ist das Härteste an deinem Job?
Leute zu erreichen. Im Durchschnitt nimmt nur jeder Zehnte das Telefon sofort ab, wenn ich anrufe. Letzte Woche hat drei Tage keiner abgenommen. Das ist nervenaufreibend, wenn man eine Deadline einhalten muss.

Welches Thema hatte dein letzter Artikel?
Ich wurde nach Dänemark geschickt, um über die Nachwirkungen der Terroranschläge in Kopenhagen zu berichten. Ich habe Kontakt mit Lars Vilks herstellen können, der schwedische Künstler, der das eigentliche Ziel der Anschläge war. Er gab mir das erste Interview mit einer britischen Zeitung seit den Anschlägen.

Bei welcher Geschichte warst du persönlich am meisten involviert?
Ich bin letztes Jahr nach Calais gefahren, um über die Migranten zu berichten, die dort ausharren und darauf warten, nach Großbritannien zu gelangen. Es war bizarr in einem Wald in Nordfrankreich zu laufen und dort auf tausend Leute im Regen zu treffen. Ich habe mich für Großbritannien dafür geschämt, dass das Thema zu der Zeit vollständig ignoriert wurde.

Wer ist die interessanteste Person, die du im letzten Jahr interviewt hast?
Ich hatte ein sehr schräges Interview über einen Instant-Messenger mit einem niederländischen Dschihadisten, der in Syrien gekämpft hat, und das Thema war die Beziehung mit seiner Ex-Frau. Er sagte, dass sie einvernehmlich getrennt hatten und er hoffe, dass sie glücklich sei. Es war bizarr, diese relativ normale Unterhaltung mit einem fundamentalistischen Mörder zu führen, einschließlich Emojis.

Milène Larsson, 31, Vice-Korrespondentin und -Producerin

Wolltest du Journalistin werden oder bist du so reingerutscht?
Ich habe eine Medienschule in Stockholm besucht, aber wenn es um Journalismus geht, dann bin ich eher so reingerutscht. Als ich jünger war, habe ich mir mehr für Musik und Kunst interessiert. Ich war für eine Weile Mitglied in Bands und dachte, dass ich Grafikdesign machen würde. Dann habe ich mit dem Schreiben angefangen und konnte nicht mehr aufhören. Ich habe mir nicht vorstellen können, Nachrichtenkorrespondentin zu werden und Filme zu machen. Wahrscheinlich dachte ich, dass ich es nicht kann.

Was wolltest du werden, als du kleiner warst?
Ich wollte Archäologin werden, weil ich vernarrt in Geschichte war. In der sechsten Klasse habe ich das Runenalphabet gelernt und meine Mutter überzeugt, dass wir nach Finnland fahren, um die Burg zu besuchen, in der Königin Katarina Månsdotter unter Hausarrest stand.

Wer ist dein Vorbild?
Ich bewundere meine talentierten, freiberuflichen Freunde, die als Fotojournalisten arbeiten: Andoni Lubaki, Olga Kravets and Karlos Zurutuza. Sie nehmen enorme Risiken für die Berichterstattung auf sich; oft auch für längere Zeit unter schwierigen Bedingungen und für wenig Entschädigung. Mich beeindrucken auch Websiten wie openDemocracy, die Ungerechtigkeit mit schmalem Budget aufdecken.

Was ist das Härteste an deinem Job?
Ich produziere, führe Regie, berichte und moderiere. Die Schwierigkeit liegt darin, bei allem konzentriert zu sein; sicherzustellen, dass man das bekommt, was man will; dass man aktuell ist; dass das Team glücklich ist; dass die Informationen stimmen und dass man es auf interessante Weise vor der Kamera präsentiert. Ganz gleich, wie gut man es vorher plant, oft findest du dich in stressigen und unbekannten Situationen wieder; tagelang hat man wenig Schlaf. Konzentriert und alarmiert zu sein und gleichzeitig vor der Kamera entspannt zu sein, ist das Schwierigste. Auf der Haben-Seite habe ich jedoch, dass ich die Welt auf eine Art sehe, wie es nur wenige können und das ist ein Privileg.

Bei welcher Geschichte warst du persönlich am meisten involviert?
Am meisten hat mich mein aktuellstes Projekt beeinflusst: Europe or Die. Eine Serie, bei der ich die Außengrenzen der EU bereise, um mehr über die fragwürdigen Grenzpraktiken und die Einwanderungspolitik der EU sowie die humanitäre Krise vor deren Türschwelle zu erfahren. Dabei bin ich auf viel Leid, Menschenrechtsverletzungen und hoffnungslose Situationen gestoßen und habe viele getroffen, die - obwohl sie um die vielen tausend Toten auf hoher See wissen - Risiken auf den „Todesbooten", wie sie die nennen, bewusst in Kauf für die Chance auf ein besseres Leben in Europa nehmen.

Hattest du jemals Angst in deinem Job?
Als ich den Film Bangkok Rising über die Proteste in Thailand letztes Jahr, die zum militärischen Coup führte, machte, bin ich in einige haarige Situationen gekommen. Es wurden Feuerwerke in die Mengen geschossen und wir sind zweimal unter Schusswechsel gekommen. Die Nacht, in der wir das Camp der radikalsten Fraktion der Protestbewegung besuchten, war am gefährlichsten. Als wir mit dem Interview mit deren Anführer fertig waren, hörten wir einen lauten Knall. Wir waren in der Mitte der Menge und niemand konnte sich bewegen, weil das Gebiet einzäunt war und die Angreifer von außen auf uns schossen. Es gab nichts, wo man sich hätte verkriechen können, also legten wir uns auf den Boden und warteten. Ich rief meinen Freund an, der mich beruhigen sollte, weil ich wusste, dass sich meine Mutter zu Tote fürchten würde, wenn ich sie anrufen würde. Das Merkwürdigste war aber, dass - nachdem die Schüsse vorüber waren -, die Menge aufstand und anfing zu singen und zu tanzen, als ob nichts passiert wäre.

Wer ist die interessanteste Person, die du im letzten Jahr interviewt hast?
Kurz nach den Pariser Terroranschlägen habe ich den überlebenden Charlie-Hebdo-Cartoonisten Luz interviewt. Er lud uns in seine Wohnung ein, um mit uns über die Ereignisse und die Fehlinterpretationen, die im medialen Sturm danach entstanden, zu sprechen. Er war offensichtlich in einem Trauerzustand und ich wusste, dass ich ihm schwierige Fragen stellen muss. Es war ergreifend zu sehen, weil er alle Fragen sehr ehrlich beantwortet hat und trotzdem wurde gleichzeitig die Trauer um seine toten Freunde und die Absurdität des Umstands, dass auf einmal die ganze Welt Charlie - bis vor Kurzem noch ein kleines Anarcho-Satireblatt - war, deutlich.

Was war die lustigste Geschichte?
Ich verbrachte zehn Tage auf der kleinen indonesischen Insel Sumba, die mehr oder weniger von der modernen Zivilisation vergessen wurde - bis vor ein paar Jahrzehnten. Es ist ein magischer Ort mit Schamanen, die uns „Ratus" und Wildpferde genannt haben. Ich mag Pferde. Wir waren vor Ort, um über Pasola - ihr jährliches Blutopferritual - zu berichten. Teil dessen ist es, die Ankunft der heiligen Seewürmer (die während der Festivitäten auch gegessen werden) zeitlich abzupassen. Die verschiedenen Clane kämpfen dann mit Speeren auf Pferden gegen einander bis Blut auf den Boden fließt, um für eine gute Ernte zu sorgen.

Worum geht es im Journalismus?
Leute darüber zu informieren und dafür zu interessieren, was in der Welt passiert. Wenn den Leuten Informationen auf eine mitreißende Art und Weise vermittelt werden, dann bilden sie sich hoffentlich ihre eigene Meinung und vielleicht führt das zu positiver Veränderung oder Widerstand.

Aisha Gani, 25, Korrespondentin beim Guardian

Wolltest du Journalistin werden oder bist du so reingerutscht?
Ich wollte.

Was wolltest du werden, als du kleiner warst?
Als ich sieben war, wollte ich Meeresbiologin werden. Als Teenager wollte ich dann Fußballkommentatorin werden.

Wer ist dein Vorbild?
Lyse Doucet, die internationale Chefkorrespondentin der BBC.

Was ist das Härteste an deinem Job?
Mit traumatisierten Opfern oder Zeugen zu sprechen.

Wie fängst du an, einen Artikel zu schreiben? Welchen Ansatz hast du dabei?
Ich frage mich zu allererst: Um was geht's? Wen interessiert das überhaupt? Dann versuche ich via Twitter und Telefonate soviel Perspektiven wie möglich zu bekommen. Ich denke auch über das geeignete Format nach: eine schriftliche Erzählung? Ist ein Fotoessay oder Video besser? Oder nicht doch vielleicht eine Sammlung von eingebetteten Tweets?

Worüber war dein erster Artikel oder Video?
Mein erster publizierter Artikel in einer überregionalen Tageszeitung war über die Nike-Gusiness-Sneaker für den St. Patrick's Day, die dämlicherweise „Black and Tans" genannt wurden. „Black and Tans" war der Spitzname der Royal Irish Constabulary Reserve Force, eine gewalttätige, paramilitärische Gruppe der Briten in Irland während des irischen Unabhängigkeitskrieges Anfang des 20. Jahrhunderts. Das war ziemlich unsensibel. Da wurde beim Branding offenbar nicht sauber recherchiert. Das war einer der meistgelesenen Artikel an dem Tag.

Bei welcher Geschichte warst du persönlich am meisten involviert?
Ich habe über drei britische Schülerinnen berichtet, die nach Syrien gereist sein sollen. Ich bin am ersten Montag nach den Halbjahresferien zu deren Schule gefahren und wartete dort seit 8 Uhr morgens auf Reaktionen von Eltern, die schockiert waren und sagten, dass ihre Kinder Angst hätten. Es gab auch Kameraleute und Übertragungswagen vor der Schule. Diese Geschichte hatte einen Einfluss auf mich, besonders als junge Britin bangladeschischer Herkunft. Ich dachte die ganze Zeit: Dass sind doch nur Teenagerinnen, irgendwas muss richtig schief gelaufen sein. Die Kommentatoren waren schnell im Urteilen: Dschihadisten-Bräute und Satansbrut. Tatsächlich wussten wir sehr wenig und haben trotzdem gleich Schlussfolgerungen gezogen, ohne mit Freunden oder Familie der Mädchen zu sprechen.

Hattest du jemals Angst in deinem Job?
Bis jetzt noch nicht. London ist mein Zuhause und mein Arbeitsplatz. Aber bei jedem Terroranschlag habe ich Angst. Da denke ich jedes Mal: Wie wird das wieder auf Muslime zurückfallen, die nichts damit zu tun hatten? Für was soll ich mich dieses Mal entschuldigen?

Wer ist die interessanteste Person, die du im letzten Jahr getroffen hast?
Den palästinensischen Bauern Dawud. Er verlor 250 Olivenbäume, die von israelischen Siedlern aus der West Bank in Price-Tag-Anschlägen niedergebrannt wurden. Dennoch sagte er mir, dass er wieder junge Olivenbäume anpflanzen wird, die fast zehn Jahre brauchen, um Früchte zu tragen, weil er Hoffnung hat. „Wenn ich nicht der Meinung wäre, dass ich auch noch in zehn Jahren hier bin und mein Land und meine Olivenbäume habe, dann würde ich sie nicht pflanzen, oder?". Ich werde das nie vergessen.

Was ist die schrägste Geschichte, über die du berichtet hast?
Das angebliche Geisterschiff, das von Kannibal-Ratten gekapert wurde, und sich auf dem Weg nach Großbritannien befindet. Sorry, ich habe den Mythos entlarvt.

Worum geht es im Journalismus?
Den Leuten etwas Neues zu berichten und eine Geschichte zu erzählen. Ein Wesenszug dieser Zunft ist auch das In-Frage-Stellen und korrekte Fakten in einen Kontext einzubetten. Doch es gibt dort draußen Grazwurzel-Journalisten. Wenn man nicht gerade Meister im Verifizieren ist, wird es unglaublich schwer, über Ereignisse auf glaubwürdige und authentische Art und Weise zu berichten. Zu recht auch.

Hast du eine persönliche Agenda?
Nicht zu urteilen. Zeit mit Leuten zu verbringen, mit denen man sich normalerweise nicht identifiziert. Es ist eigentlich einfach.

Credits


Text: Sarah Raphael
Fotos: Harry Carr
Styling: Bojana Kozarevic
Haare: Louis Ghewy für The Book Agency mit Moroccan Oil.
Make-up: Natsumi Narita mit M.A.C.-Produkten
Setdesign: William Farr.
Fotoassistenz: Andrew D Moores.
Make-up-Assistenz: Naomi Nishida.