Das Problem mit Schwulen, die heterolike sein wollen

Wird die Schwulenszene zunehmend homogener und nehmen die Vorurteile zu?

von Amrou Al-Kadhi
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12 Oktober 2015, 7:45am

"Nur heterolike, bitte!" Dieser Satz stammt aus keiner Kampagne der CDU, sondern liest sich traurigerweise zuhauf in Profilen auf schwulen Dating-Portalen wie Grindr, Gayromeo etc. Tatsächlich ist es so, dass ich diesen verwirrenden und beleidigenden Satz jedes Mal lese, wenn ich online unterwegs auf der Suche nach Mr. Right aka jemandem, mit dem ich rummachen kann, bin. Die Sicherheit, mit der man sich mit seinem Onlineprofil durch das Internet bewegt, offenbart oft die wahren Ansichten von Personen und das gilt erst recht für Grindr. Auf der Website douchebagsofgrindr.com kann man sich selbst davon überzeugen. Viele schwule Männer scheinen es ablehnen, andere Männer, die nicht heterolike – auch straight acting genannt – sind, zu daten oder mit ihnen in Verbindung gebracht zu werden. Auf solchen Plattformen wird Hetero-Männlichkeit nicht nur zelebriert, sondern jede queere Identität wird zur Zielscheibe homophoben Cybermobbings. "Keine Tunten, bitte!", "Keine gebrochenen Handgelenke und Handtaschen". Nett. Auf einer Plattform für schwule Männer.

Heterosexuell in den Augen der anderen zu erscheinen, ist zur Vorliebe von vielen schwulen Männern geworden. Daran gekoppelt ist in der Schwulenszene der Trend zu einer durchtrainierten Männlichkeit. Viele Schwulenclubs setzen auf eine hypermaskuline Ästhetik, die nicht ironisch oder als Parodie gemeint ist, wie zum Beispiel die Londoner Party "Room Service", die sich manchmal mehr wie ein Spielplatz für Männer, die um den athletischsten Körper wetteifern, anfühlt. Auch wenn Dragqueens willkommen sind, heißt das noch lange nicht, dass Vielfalt oder ein breites Spektrum an unterschiedlichen Identitäten gefeiert wird. Das führt zu einer monotonen Atmosphäre: Die Dragqueens repräsentieren ein weibliches Ideal und die oberkörperfreien Männer stehen für eine verquere Vorstellung von antiker griechischer Männlichkeit.


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Die Beliebtheit von den schwulen Circuit Partys ist ein weiterer Beweis für die schwule Idealisierung von Männlichkeit. Beispielhaft steht dafür die "WE"-Party, eine Nacht für Jocks und maskuline Schwule. Die Muskelmänner strömen zu Tausenden zu den Partys der Macher. Ein "WE Party"-Poster ziert der Spruch: "Du glaubst, du siehst wie ein griechischer Gott aus? Wir suchen dich!" Viele griechische Götter waren betrunken, mollig oder androgyn, aber egal, die Hauptsache: WE.

Auch wenn nicht jeder schwule Muscle-Worshipper unbedingt heterolike sein möchte, so steht die Gleichzeitigkeit beider Phänomene für einen größeren Trend innerhalb der Schwulenszene – archaische Vorstellungen von Männlichkeit dominieren. Wieso passiert das jetzt? Zuerst sollten wir uns Gedanken über den heteroliken, schwulen Mann machen. Wenn wir uns das Verhalten schwuler Männer in der Vergangenheit anschauen, dann stellen wir fest, dass es in den vergangenen Jahrzehnten ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl innerhalb der schwulen Community gab. Besonders in den 70ern und 80ern hielt die Community stärker zusammen und war von einer größeren Vielfalt in ihrem Kampf gegen Unterdrückung gekennzeichnet. Die öffentliche Haltung gegenüber LGBT-Bürgern zwang Schwule dazu, ihre eigenen Räume zu besetzen und zu schaffen, die sie als queer etablierten und die eine Alternative darstellten; die Castro in San Francisco, Soho in London oder das Schöneberger Schwulenviertel rund um den Nollendorfplatz in Berlin; Orte, die zum Schatten ihrer selbst verkommen sind.

Zwar sollten wir uns über die Dinge, die schwulen Männern jetzt offen stehen, wie unser Recht auf eine Partnerschaft mit gesetzlichem Segen, Kinder aufzuziehen und einflussreiche Positionen zu besetzen, freuen. Aber meine Sorge ist, dass viele schwule Männer heteronormative Vorstellungen über Erfolg übernehmen. Während die schwule Community in der Vergangenheit stolz den queeren Banner in ihrem Kampf für Vielfalt und Gleichheit vor sich hertrug, wird dieses nach außen hin gezeigte queere Verhalten von vielen schwulen Männern in der heutigen Ich-bin-schwul-und-das-ist-auch-gut-so-Welt als veraltet angesehen. Mit anderen Worten: Wieso kann jetzt, da es normal ist, schwul zu sein, nicht jeder heterolike sein?

Der Psychologe Alan Downs, Autor von The Velvet Rage, schrieb über die Ablehnung, die schwule Männer beim Erwachsenwerden erfahren - auf dem Spielplatz, auf der Straße und zu Hause. Dieses Gefühl der Ablehnung führe zu einem instinktiven Bedürfnis danach, dieses frühe Gefühl von Versagen ausgleichen zu müssen, oft bis hin zu schädlichen, inneren Zwängen. Die Möglichkeit für schwule Männer, Teil des heterosexuellen Regimes durch Greifbares dazuzugehören, hat ohne Zweifel diesen Zwang für viele vergrößert.

Es besteht kein Zweifel, dass die Darstellung von schwulen Männern durch eine heteronormative Linse verzerrt wurde, was ein schwules Publikum anspricht. Nimm zum Beispiel die Glorifizierung der Beziehung zwischen dem olympischen Posterboy Tom Daley und dem Oscar-Gewinner Dustin Lance. Zwar ist es ein Fortschritt, dass eine schwule Beziehung in den Mainstreammedien gefeiert wird. Das wird aber auf eine Art und Weise getan, die eher an FSK 0 erinnert: ein heterolikes, Disney-siertes Schwulenpaar (beide attraktiv, weiß, maskulin), das anderen schwulen Männern eine ziemlich unerreichbare Vorstellung von Erfolg vermittelt. Ein Indiz dafür, wie unangepasstes Verhalten von queeren Communitys in der Mainstream-Darstellung fehlt, ist Roland Emmerichs grauenhafter Film Stonewall. Der deutsche Regisseur sagte dazu, dass der Film eine heterolike, männliche Hauptrolle brauchte, um einen Film über Minderheiten einem Mainstreampublikum zugänglicher zu machen.

Als stolzer Drag-Performer und als Person, die großen Gefallen daran findet, queer zu sein, bin ich der Meinung, dass jeder frei entscheiden können sollte, wie er sein möchte. Es ist lächerlich zu fordern, dass sich jeder schwule Mann selbst als queer definieren soll, auch wenn er das gar nicht will. Ich finde es aber verheerend, dass Homophobie selbst unter Schwulen weit verbreitet ist. Diese Geschichtsvergessenheit schwuler Männer erweist den Leuten, die so hart für unsere heutige Freiheit gekämpft haben, einen schrecklichen Bärendienst. Dieser Zwang – oder das Ideal –, heterolike aufzutreten, schließt nicht nur nicht-maskulin wirkende schwule Männer aus, sondern alle, die sich dem nicht beugen. Für viele ist das gar keine Option und das sollte auch kein Problem sein. Denn wir sind fabelhaft, genauso wie wir sind.

Credits


Text: Amrou Al-Kadhi mit Material von Michael Sader
Foto via Flickr

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