Die wahren Nebenwirkungen des Pumpens

Ist die Abhängigkeit von Proteinpulver genauso schlimm wie eine Essstörung?

von Scottee Scottee
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21 September 2015, 8:20am

Der Festivalsommer ist vorbei und eines war diesen Sommer auf den Festivals unübersehbar: Wie schnell junge Männer sich ausgezogen haben, um stolz ihre neuen Brustmuskeln präsentieren zu können. Die Teenager rennen alle ins Fitnessstudio und pumpen, hübschen sich auf und präsentieren stolz auf Instagram die Ergebnisse – aber zu welchem Preis?

Als ich neulich auf Heimatbesuch bei meinen Eltern war, habe ich im Küchenschrank einen großen Topf Proteinpulver gefunden. Mein Vater verzog das Gesicht und sagte: "Das gehört deinem Bruder". Mein Bruder Danial ist wie jeder 17-Jährige. Er hört Rap, geht gerne Burger essen und ihm ist sein Aussehen wichtig. Auf meine Frage hin, wieso er Proteinersatzprodukte zu sich nimmt, war seine Antwort: "Ich möchte einfach Muskeln aufbauen." Aus Sorge, dass er sich nicht wirklich bewusst ist, was wirklich dahinter steckt (Gruppenzwang), habe ich ihn per E-Mail weiterbefragt. Seine Antwort: "Junge Männer stehen unter einem unheimlichen Druck, ins Fitnessstudio gehen zu müssen, um muskulöser zu werden. Die Medien sind der Katalysator dafür. Bildern von sehr muskulösen Männern in Fitnesszeitschriften bestimmen, was man unter dem Aussehen eines echten Manns (was auch immer das heißen soll) versteht. Es sind aber nicht nur die Fotos von Männern, ständig werde ich mit Titelseiten bombardiert, auf denen das Aussehen von weiblichen Stars hinterfragt wird, und das trägt auch zu meiner verzerrten Wahrnehmung, was attraktiv ist und was nicht, bei." Ich war mir gar nicht bewusst, dass sich mein kleiner Bruder sehr im Klaren darüber ist, wieso er zu den Shakes greift.


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Man kann sich heutzutage im Internet Proteinpulver in jeder erdenklichen Größe bequem nach Hause oder ins Büro liefern lassen. Es gibt mittlerweile Läden, die sich auf Proteinpulver und andere Nahrungsergänzungsmittel spezialisiert haben. In diesen schlecht beleuchteten Shops mit der Muskelmoni hinterm Tresen und zu lauter Avicii-Musik werden die Bottiche verkauft, deren Inhalte angeblich für eine "bessere anabolische Aktivitiät" sorgen; die einem dabei helfen, „den Körper zu erreichen, den man sich wünscht". Diese Pumper-Mixturen versprechen "Wirkung", "Stärke" und "Kraft" und sprechen in ihrer Aufmachung junge Leute an. Man kann nicht übersehen, wieso mein kleiner Bruder sich so von ihnen angezogen fühlt. Offensichtlich lassen sich die Unsicherheit von Teenagern mit einem Löffel und einem Shake lösen.

Eine US-Studie aus dem Jahr 2012, an der um die 3000 Teenagern in Minneapolis teilnahmen, fand heraus, dass fast Zweidrittel der Befragten ihre Essgewohnheiten zugunsten des Aufbaus von Muskelmasse verändert haben, 35 Prozent der Jungs nehmen Proteinpulver und sechs Prozent nehmen sogar Anabolika. Danial ist offensichtlich nicht der einzige, der den perfekten Körper haben will, noch bevor das Körperwachstum abgeschlossen ist.

Ich habe den Fitnessexperten Martin Whitelock von MW5 Fitness gefragt, wieso Pumpen bei den Unter-30-Jährigen so beliebt geworden ist. "Die Mehrheit der Leute will besser aussehen. Durch das Internet - und besonders Instagram - haben junge Leute Zugang zu so viel Fehlinformation, die meistens von unqualifizierten Anabolika-Nutzern gegeben werden. Den Leuten werden schlechte Ratschläge gegeben und schnelle Lösungen versprochen, um Geld zu scheffeln."

Was hat das alles mit mir zu tun? Wieso interessiere ich – ein fetter Künstler mit einer Vorliebe für Sandwiches – mich so sehr dafür, was junge Männer mit ihren Körpern machen? Natürlich muss man sagen, dass die Auswirkungen dieser freizugänglichen Produkte auf den Körper meines Bruders noch nicht erforscht sind. Besonders da es momentan keine rechtliche Definition von Molke (oder auch engl. whey), dem Hauptbestandteil der meisten Pumper-Shakes, gibt. Die Auswirkungen dieser Produkte auf die Psyche sind auch noch vollkommen unerforscht. Ich schreibe über dieses Thema, weil Fat-Shaming wieder ganz oben auf der Agenda steht und es verbreiteter ist als jemals zuvor. Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Anstieg von Pumpen und dem Anstieg der Dickenphobie?

Frage irgendeine dicke Person, wie junge Männer mit ihnen umgehen und sie werden dir Geschichten erzählen, wie diese jungen Männer ihre Augen verdrehen, den Platz in der U-Bahn oder im Bus wechseln, wie sie heruntergemacht werden, wie heimlich Fotos gemacht werden, wie sie verbal beleidigt werden und wie sie in einige Fällen sogar körperlich angegriffen werden. Natürlich beteiligen sich auch Frauen am Fat-Shaming, das beste Beispiel ist die englische Fernsehpersönlichkeit Katie Hopkins, die die Anführerin der Fat-Shaming-Bewegung ist. Aber 90 Prozent des Drecks, der mir entgegengeschleudert wird, kommt von durchtrainierten, aufgepumpten Männern unter 30.

Es ist klar, dass unsere Welt immer mehr von Bildern besessen ist. Wir machen ständig Selfies, wir filtern unsere Leben, wir versuchen den Alterungsprozess aufzuhalten und wir optimieren unsere Körper mit Operationen und Nahrungsergänzungsmitteln. Wer trägt dafür die Verantwortung? Wir machen es uns zu einfach, wenn wir nur Social Media dafür verantwortlich machen – wie wir das heutzutage ja gerne tun. Es ist leichter eine App zu beschuldigen, als das wahre Problem vor unseren Augen anzusprechen – Dysmorphophobie, die Störung der Wahrnehmung des eigenen Körpers.

Wir wissen alle, wie wichtig eine gesunde Einstellung zum Essen ist. Ich habe die Befürchtung, dass wir die Augen vor der Realität einer Generation verschließen, die echte Nahrung mit Pulver ersetzt, nur weil sie sich unzulänglich fühlen.

Und natürlich wird es da draußen unter euch Lesern auch ein paar geben, die denken, dass sie diese Shakes verantwortlich zu sich nehmen. Was passiert aber, wenn ihr die Kontrolle verliert? Danial erinnerte sich an einen Vorfall: "Ein Freund von mir kaufte sich ein Mittel zum Gewichtsverlust und hatte einen Krampfanfall, als er nach der Einnahme der Pillen und eines Shakes Alkohol trank."

Die Wahrheit ist, dass die Proteinpulver-Sucht genauso ungesund und gefährlich ist wie die Ausbreitung der Fettleibigkeit. Der einzige Unterschied? Pumpen ist gesellschaftlich akzeptierter.

Wie es mein Bruder wunderbar zusammengefasst hat: "Irgendwann hat es sich in den Köpfen der jungen Männer festgesetzt, dass schlaksig oder übergewichtig sein, nicht erwünscht ist – was total ungesund ist. Als Konsequenz daraus findet man viele junge Männer in den Fitnessstudios, die das vielleicht gar nicht wollen, aber die das Gefühl haben, dass tun zu müssen, um akzeptiert zu werden. Ist es nicht traurig, dass wir uns Proteinshakes hinterkippen müssen, um uns akzeptiert zu fühlen?".

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Foto: via Flickr

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