Eine Anleitung für Frauen, die Mitte zwanzig und single sind

Wie du doch noch zum fortschrittlichen, feministischen und unabhängigen Leben gelangst, das du immer wolltest.

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14 September 2015, 3:05pm

Zuallererst: Das ist kein Ratgeber, der dir sagt, was du tun sollst, wenn du 25 Jahre alt und Single bist. Ratgeber sind cool und nützlich, denn wie sollten Frauen sonst wissen, wie sie für maximales Volumen ihren Mascara falsch herum unter Wasser auftragen sollen. Das hier ist aber keiner dieser Ratgeber. Wenn ich qualifiziert wäre, wohl überlegte Ratschläge darüber zu erteilen, wie du mit 25 Jahren glücklich Single bist – was ich ganz offensichtlich nicht bin –, dann würde ich sie schon längst befolgen und wäre damit beschäftigt, in der Herbstsonne Sorbet mit einem Stewart-Lee-Double zu essen, anstatt meinen eigenen Atem in der Hand zu riechen und darüber zu schreiben, wie schwer es ist, Sexpartner zu finden. 25 zu sein, ist wie eine Art zweite Pubertät, aber ohne die Schamhaarverwandlung, sondern mit dem Übergang von der Verschwommenes-und-geheimnisvolles-Profilbild-Phase zur Deine-Freunden-anflehen-die-Bikinibilder-auf-Instagram-zu-posten-Phase. Wie schon gesagt, das ist kein Ratgeber. Sehe diesen Artikel stattdessen als eine Aneinanderreihung von wertvollen Lektionen, diesen total bescheuerten Lebensabschnitt – aka deine Zwanziger - alleine durchzustehen. Ich habe gehört, dass es ab 30 ganz toll sein soll.


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Du bist dir gegenüber weniger wertend als gegenüber anderen
Glücklicherweise wirst du mit 25 wahrscheinlich aufgehört haben, dich kapitalistischer Gotteslästerung schuldig zu fühlen, weil du nicht alle Haare an deinem Körper entfernst. Stattdessen wirst du dich mit flacher werdenden Brüsten und einem breiter werdenden Becken arrangieren. Das mag vielleicht ein wenig deprimierend klingen, aber das ist es überhaupt nicht. Meine Beinhaare sind ungefähr einen Zentimeter lang und der Teil meines Gehirns, der sich darum immer Sorgen gemacht hat, scheint sich komplett aufgelöst zu haben. Du nimmst die Probleme wahr, wenn du anfängst, andere Leute wahrzunehmen, die diese Probleme wahrnehmen. Weil wir Frauen im Allgemeinen so erzogen werden, dass wir unsere Körper als Wertanlage betrachten sollen, verstärkt sich diese Wahrnehmung, sobald wir uns stark genug fühlen, die Zwänge der Objektivierung zu durchbrechen, für das uns einige, weniger aufgeklärte Zeitgenossen verurteilen. Deshalb glotze ich mittlerweile jeden in der S-Bahn an, von dem ich denke, dass er meine behaarten Waden bemerkt hat. Ich glotze sie aus dem Winkel an, wie sie auch ihr iPhone halten und ich bin bereit, jederzeit in eine Schimpftirade über unfaire Schönheitsideale zu verfallen, während sie einfach ihrem Alltag nachgehen und dabei meine beleidigten Beine und mein wachsendes Fell vergessen. Davon rede ich die ganze Zeit: 25 zu sein, bedeutet, im Gefühlschaos zu leben. Tu dir einen Gefallen und geh ins Bett.

Du spielst mit der Idee, für immer alleine zu sein
Die Chancen stehen gut, dass du mit 25 schon ein paar Mal durch die Beziehungsmühle gedreht wurdest und du fühlst dich, ehrlich gesagt, ein wenig über-mahlt und du hast keine Lust, in absehbarer Zeit wieder durchgemahlen zu werden. Und wie du so in dein verantwortungsfreies Leben ohne Liebe hineinsinkst, wirst du wieder den Wert eines ganzen Bettes nur für dich allein erkennen und es wieder wertschätzen, dass vier bis sieben Abendessen in der Woche aus Süßkartoffeln bestehen. Ja, du darfst denselben Jogginganzug auch noch einen zwölften Tag tragen und, nein, ich werde keinem sagen, dass du Tee über dein Kopfkissen geschüttet hast; ich bin du und du bist ich und mein einziges Lebensziel besteht darin, deine Geheimnisse zu bewahren. Du fängst an, mit dir selber zu reden und du entwickelst Gewohnheiten, die einfach nicht dazu gemacht sind, dass andere dabei sind (die Opferung von Vögeln, in Menstruationsblut zu baden, deine Fußnägel mit einem Clipper zu schneiden und die abgeschnitten Nägel in einem kleinen Säckchen im Nachttisch aufzubewahren); und denkst dir "Ja, vielleicht werde ich für immer alleine sein und das wird OK sein. Halt nicht, wenn ich betrunken bin".

Du entwickelst völlig abwegige Vorstellungen von deinem zukünftigen Partner
Die andere Sache ist, wenn du 25 und Single bist: Dir wird bewusst, dass die nächste Person, die du aufrichtig total toll findest, theoretisch jemand sein kann, mit dem du einen gewissen Lebensabschnitt verbringen wirst und mit dem du möglicherweise sogar Nachwuchs zeugen wirst. Je mehr Zeit du alleine in deinem nach Tee riechenden Bett verbringst, desto bunter wirst du dir ausmalen, wie diese geheimnisvolle, majestätische Kreatur sein wird, und desto mehr wirst du dir ausmalen, wie sehr diese Person Stewart Lee ähnelt (und ja, er schon wieder). Wenn ich dir sagen müsste, wie oft mir schon geraten wurde, meine Ansprüche herunterzuschrauben, dann würde ich dir sagen, drei Mal. Ja, drei. Eigentlich nicht so oft. Aber genug, um mich unverstanden zu fühlen. Ist es zu viel verlangt, dass mein zukünftiger Partner manchmal Overalls trägen soll; Sneaker versteht, aber sie nicht die ganze Zeit tragen muss; mich hoffnungslos liebt, aber mich auch oft in Ruhe lässt; nicht zu oft in meinem Bett schläft, aber mich total vermisst, wenn er es nicht tut; und schöne Arme wie ein Kaktus hat, aber ohne die Stacheln bitte. Ist das zu viel verlangt? Mal im Ernst. Ich meine, man muss nur mal daran denken, was ich zu bieten habe.

Du begreifst, dass du etwas ganz gut können solltest.
Obwohl meine Mutter einen Großteil meiner Kindheit damit verbracht hat, mir beizubringen, wie ich einen reichen Ehemann finde, habe ich nach all den Jahren der Suche nur Spinner gefunden. Ärgerlicherweise wird so mein Plan, einen Milliardär zu heiraten, mit dem Arbeiten aufhören (lol) und die zweite Hälfte meiner Zwanziger in Florenz als Poetin zu verbringen, immer unwahrscheinlicher. Jeder weiß, dass das Durchschnittsalter einer Milliardärsgattin bei 22 Jahren liegt – mit 25 sprechen wir nur von einem Millionär und selbst die könnte nur in Anlagen stecken. Ausgestattet mit diesem Wissen, ist jetzt die Zeit gekommen, um dir ein bisschen Zeit zu nehmen und mal darüber nachzudenken, was du tun wirst, wenn du tatsächlich das angeblich gewünschte fortschrittliche, feministische, unabhängige Leben leben musst. Das sind gute Neuigkeiten. Nein, wirklich.