miuccia pradas boys who like girls

Die Prada Show in Mailand war ein Statement zur immer größer werdenden Symbiose zwischen Mens- und Womanswear.

von Anders Christian Madsen
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20 Januar 2015, 8:27am

Es ist kein Wunder, dass wir Modeleute den Ruf haben, etwas seltsam zu sein. Da füllen 900 von uns das zum Nachtklub umgebaute Prada-Gebäude in Mailand und keiner tanzt. Alle sitzen und schauen sich für den Otto Normal Verbraucher wohl ziemlich normale, monotone Looks an und fahren danach schnell in die Hotelzimmer zurück, um darüber zu schreiben, was das alles nun eigentlich bedeutet hat. Indem das Haus auch die Top-Womenswear-Kritiker zur Show, welche die Beziehung zwischen Männer und Frauen und ihre jeweilige Garderobe erforscht, einlud, stellte Miuccia Prada mit ihrer Autumn / Winter 15 Männerkollektion sicher, dass sich viele Leute Gedanken über die Kleidung machen werden. Es war eine historische Entscheidung, um ihren Standpunkt klarzumachen: Wie viel Menswear in ihrer Womenswear steckt und wie sehr Pradas Männerkollektionen ihre Frauenkollektionen beeinflussen, die normalerweise immer der zweite Act ihrer modischen Inszenierungen sind. 

„Ich nenne es nicht ‚Pre-Fall'", sagt Miuccia Prada backstage über die 19 Frauen-Looks aus der Show. „Ich nenne es ‚Eine andere Sichtweise auf die nächste Saison'." In den vergangenen Seasons wurde Pre-Fall, wir bleiben trotzdem dabei, zum wichtigen Teil der Men's-Shows, weil Menswear, wie Prada so freimütig zugegeben hat, im Wesentlichen die einzige Möglichkeit für Designer von großen Marken ist, sich ungestört auf ihre Idee zu konzentrieren. „Bei den Frauen wird immer und immer mehr verlangt und man kann nie das machen, was einem am meisten am Herzen liegt." Weil Menswear nur einen kleinen Teil des Umsatzes der großen Häuser ausmacht, ist es zur Spielweise der Kreativen geworden. Hier können sich die Designer austoben - viel stärker jedenfalls, als bei Womenswear und das ganz einfach, weil Womenswear das Geld nach Hause bringt. Deshalb sind die Men's-Shows wichtiger als jemals zuvor.

„Die Gedanken sind immer abstrakt", erinnerte Prada die anwesenden Pressevertreter hinter den Kulissen, die sich nach der Show um die Designer scharren und ihren weisen Worten lauschen. „Man hat viele Modelle, geht am Ende noch einmal alles durch und letztlich mochten wir nur schwarz, blau und grau", sagte sie zu den Journalisten, die nach Antworten suchten, um die leisen, reduzierten Looks, die gerade durch den Nachtklub à la Berliner Industrielook zu Industrial Electro gelaufen sind, einen Sinn zu geben. „Ich wollte es elegant und modern. Was das heißt? Ich weiß es nicht. Sehr strikt", sagte sie. Was es war, war uniform: eine völlig klare, schnörkellose Darstellung unserer Garderobe. Für Männer: schlichtes Oberteil, schlichte Hosen, der schlichte Anzug. Für Frauen: das Alltagskleid, die kleine Jacke, der Mantel, der auch als Kleid durchgehen kann.

Für Prada dürfte es womöglich die kommerziellste Kollektion überhaupt werden und gleichzeitig auch die provokativste. Wenn es nicht Prada gewesen wäre und wir wissen, wie sehr Miucci Pradas Gedanken den Rest der Fashionwelt beeinflussen, dann hätten uns diese 50, in der Tat sehr normal wirkenden Looks, nicht sonderlich interessiert. Was Prada hier aber deutlich machen will, ist der funktionale Aspekt von Mode: Für Männer, eher praktisch veranlagt, für Frauen, eher weniger. Selbstverständlich ist das eine sehr grobe und klischeehafte Vorstellung der beiden Geschlechterrollen, aber so zusammengefasst macht die Unterscheidung im Hinblick darauf, was Frau Prada vorschlägt, dann doch Sinn: Dass Kleidungsstücke ohne weitere Bearbeitung einfach nur eine notwendige tägliche Uniform darstellen. Das einzelne Plaid-Kleid, das in der Mitte der Show aus der Flut an monotonen Looks herausstach, nannte Prada einen Fehler, ohne Zweifel gedacht, um schlauerweise die Uniformität der anderen Looks hervorzuheben. „Ich war darauf fixiert. Niemand wollte es in der Show haben. Ich sagte dann: ‚Ich mag Fehler'". 

prada.com

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Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Ash Kingston

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