Wenn Aktmalerei versucht, soziale Probleme aufzudecken

Mal sind sie unbekleidet, dann nehmen sie Drogen: Kim Hyunji porträtiert ihre Freunde in den ganz privaten Momenten.

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21 März 2019, 11:03am

In ihren einmaligen Gemälden offenbart Kim Hyunji die Körper und Seelen ihrer Freunde und Bekannten. Ihre Subjekte sind häufig nackt, werden inmitten intimer Augenblicke festgehalten, wenn sie denken, sie seien für sich. Dabei enthüllen sie mehr von sich, als es ihr Instagram-Feed je könnte. Überlebensgroß und verträumt blicken sie von der Leinwand. Es ist diese Art von unverfälschter Einsicht in die Psyche einer Generation, die nur ein Gleichgesinnter einfangen kann.

i-D hat sich mit der in Korea geborenen Künstlerin getroffen, um über Körperbilder, Nacktheit und Social Media zu sprechen.

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Lekhena, 2019

Deine Arbeit ist so atmosphärisch. Wie hast du gelernt, so zu malen?
Ich wurde stark von meiner Mutter und Großmutter beeinflusst, die selbst Künstlerinnen waren. Mit dem Malen habe ich aber schon früh angefangen. Schon als Kind gefiel es mir, die Dinge zu zeichnen, die mich umgaben: Bananenschalen, Menschen auf der Straße oder meine Mitschüler. Den Kern, aber auch die Ähnlichkeiten zwischen Individuen, hat mich immer fasziniert.

Erst als ich nach Australien gezogen bin, habe ich begonnen, auch andere zu porträtieren und nicht nur mich. Ich habe meine Freunde gemalt, um meine technischen Fähigkeiten zu verbessern. Gleichzeitig wurde ich stark von der Diversität in Australien beeinflusst – das komplette Gegenteil zu Korea. Bei Porträts kann schon der kleinste, unbedeutendste Pinselstrich den gesamten Gesichtsausdruck, das komplette Gefühl verändern. Es ist eine Herausforderung, die jeweilige Persönlichkeit in ein Gemälde zu übersetzen. Genau das liebe ich an diesem Medium so sehr.

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Atong With Her Self Portrait, 2019
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Self Portrait, 2019

Oft sind deine Freunde in sehr privaten Momenten zu sehen – wenn sie Drogen nehmen oder nackt sind. Was reizt dich genau an diesen Situationen?
Jedes meiner Werke ist sehr selbstreflektiert. Es ist mir wichtig, dass die Realität aufgedeckt und die relevanten Probleme unserer Generation thematisiert werden. Wir brauchen eine bessere und konstruktivere Kommunikation zwischen den verschiedenen Generationen und den unterschiedlichen Communitys. Ich hoffe, dass meine Arbeit dazu beitragen kann. Eine gemeinsame Erfahrung mit den Zuschauern zu teilen und womöglich gewisse Gefühle durch meine Kunst auszulösen – das ist mein Ziel.

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Clair, 2017

Deine Bilder scheinen unsere allgegenwärtige Selfie-Kultur zu reflektieren. Wie haben wir uns durch Social Media verändert?
Die einfache Zugänglichkeit hat die Art verändert, wie wir unsere Beziehungen zu anderen wahrnehmen. Wie wir uns selbst betrachten, wie wir unser Ich definieren und Erinnerungen abrufen. Social Media hat uns oberflächlicher und verletzlicher gemacht. Gleichzeitig tragen sie zum Aufbau einer hyper-verbundenen Gesellschaft bei. Das hat uns dabei geholfen, unsere Sicht auf Gleichberechtigung und Awareness zu teilen, Kontakt zu anderen Gruppen aufzubauen und an Informationen zu gelangen. Du kannst die Auswirkungen des Internets auf unsere Leben nicht ignorieren, meine Kunst ist natürlich auch davon beeinflusst.

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Frances Cannon, 2017

Worum geht es in deiner aktuellen Reihe?
Als Künstlerin, die sowohl eine Frau, als auch eine Person of Color ist, habe ich Inspiration aus meinen eigenen Erfahrungen mit Gender-Diskriminierung und Unprofessionalität innerhalb der Kunstszene in Australien gezogen. Wenn ich Nacktbilder von mir und anderen Frauen fertige, möchte ich auf unsere Wahrnehmung von weiblicher Nacktheit hinweisen. Außerdem wollte ich Diversität fördern – in Ethnie und Körperform – und das Schönheitsideal des weißen, weiblichen Körpers zerrütten, das noch immer die Medien dominiert. Ich habe sie gefragt, ihre Posen selbst auszusuchen – Posen, die ihre eigenen Erfahrungen reflektieren. Wie es ist, wenn du dich mit einer femininen Erscheinung durch unsere heutige Gesellschaft navigierst. Und ich wollte Gender-Vorurteile hervorheben, deswegen habe ich in meiner letzten Ausstellung auch Malereien von nackten Männern neben meine aktuelle Werken gehängt.

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Lexi Laphor (Femmeasfuck), 2017

Was machst du, wenn du nicht malst?
Ich besuche momentan eine Englisch-Schule und ziehe in ein paar Monaten nach Sydney, um zu studieren. Ich möchte meine kreative Arbeit erweitern und dafür Make-up nutzen. In meiner Freizeit versuche ich, mehr Bücher zu lesen, meistens chille ich aber einfach mit meinen Freunden oder meinem Laptop.

@kimkimkimxx

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Anthony Lister, 2018

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der australischen Redaktion.