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Der schmale Grat zwischen Egoismus und Self-Care

Wir ziehen uns zurück und sagen Freunden ab unter dem Vorwand, uns selbst etwas Gutes zu tun – eine Analyse.

von Cristiana Bedei
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12 November 2018, 1:47pm

Foto: über i-D UK

Auch wenn unsere Kultur besessen von Wellness-Ritualen scheint, fällt es manchmal schwer, zu verstehen, was Self-Care eigentlich bedeutet. Wie viel Geld darf man wirklich für überteuerte Duftkerzen ausgeben? Solltest du echt das Abendessen mit deinen Freunden absagen? Und wie wichtig ist dir das Schaumbad tatsächlich? Das Konzept, unser Wohlbefinden an oberste Stelle zu setzen, gab es schon immer, aber geht es mittlerweile zu weit mit unserer "Me-Time" (und all den anderen schönen englischen Wörtern dafür)?

Wir alle leben in einem Netzwerk, voll von Menschen, die uns etwas bedeuten. "Es ist wichtig, dass du auf die Bedürfnisse der anderen reagierst, aber das kannst du nur, wenn du deine eigenen gestillt hast", erklärt Psychologin Emma Short. Wenn du nämlich zu viele Dinge auf einmal machst oder super gestresst bist, wirst du automatisch weniger intuitiv und hilfsbereit sein, weil du mit dir selbst zu kämpfen hast.


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"Ein Teil von Self-Care beinhaltet auch, deinem eigenen Urteil zu trauen, wenn es um die Balance zwischen deinem eigenen Wohlergehen und der Verantwortung gegenüber deinen Freunden kommt – und das muss erst erlernt werden", so Short weiter. Und es ist vollkommen okay, deinen Alltag, um dein Befinden herum zu planen. Wenn du beispielsweise eine Einladung für ein Event hast, dass du am Mittwoch nicht verpassen willst, versuchst du, den Montag und Dienstag langsamer anzugehen und deine To-Do-Liste bis dahin abzuklappern. Aber das bedeutet eben auch, "Nein" zu anderen Dingen zu sagen. Denn eine Kerze an beiden Seiten anzuzünden, ist bekanntlich eine schlechte Idee ... "Work hard, play hard lautet unser Motto. Das setzt uns unter enormen Druck, umso wichtiger erscheint es, sich vor diesem Druck zu schützen – genau das ist Self-Care", laut der Psychologin.

"Heute sind wir davon besessen, ständig etwas zu tun zu haben. Zuzugeben, dass du dich nicht gut fühlst und eine Pause brauchst, findet hier keinen Platz."

"Jeder von uns hat irgendwann mal einen oder zwei Tage krank gemacht. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig Self-Care eigentlich ist. Für manche fühlt sich das jedoch ziemlich beschämend an", sagt Kat Horrocks, Podcast-Host von Put Yourself First. "Heute sind wir davon besessen, ständig etwas zu tun zu haben. Zuzugeben, dass du dich nicht gut fühlst und eine Pause brauchst, findet hier keinen Platz", fügt sie hinzu. Horrocks hat Self-Care-Tipps und Inspirationen zu einem großen Bestandteil ihres Lebens gemacht. Sie hilft Frauen dabei, mehr Zeit für sich selbst freizuschaufeln. "Ich glaube, dass du tief in deinem Inneren weißt, wenn du wirklich mal eine Pause einlegen und einen Schritt zurückgehen solltest. Höre auf dein Bauchgefühl", so Horrocks weiter.

Wie alles andere auch, braucht es Zeit, dieses Gefühl zu schulen. "Vielleicht fragst du dich im ersten Schritt, was du diese Woche für dich selbst getan hast", schlägt Dr. Short vor. "[Self-care] verändert sich über die Zeit hinweg. Du solltest also immer den Moment betrachten und nicht in der Vergangenheit herumirren."

Für Linda Lao, 26-jährige Ex-Tänzerin und Cheerleader-Coach aus London, geht es vor allem um die Motivation dahinter: "Manchmal frage ich mich, warum ich etwas mache. Das würde ich als Self-Care bezeichnen. Geht es zum Beispiel wirklich um meine Gesundheit und Freude oder mache ich etwas, um mich abzulenken oder um vor einem Problem davonzulaufen?" Wenn du schonmal einen deiner Freunde geghostet hast oder dich gerade einfach nicht mit einer bestimmten Sache beschäftigen wolltest, kannst du Laos Ansatz vermutlich gut nachvollziehen.

"Es braucht viele Netflix-Abende, bevor du verstehst, dass Self-Care keine Gebrauchsanweisung kennt, die für alle gilt."

Leider ist es nicht immer so einfach, zu merken, ob es gerade Zeit für eine Pause ist – und ja, es hilft, dir eine Maske zu machen, während du darüber nachdenkst. "In der Vergangenheit habe ich oft ein Treffen mit Freunden abgesagt, weil ich nicht in der richtigen Stimmung dafür war", erklärt Lao weiter. "Dabei wäre es gesünder gewesen, die Person zu treffen und darüber zu reden. Sich mit jemandem auszutauschen, löst Probleme immer schneller, als alleine damit fertig zu werden."

Man lernt dazu. Zugegeben, es ist nicht einfach, dich selbst an erste Stelle zu setzen und gleichzeitig die Erwartungen der anderen zu erfüllen. Es braucht viele Netflix-Abende, bevor du verstehst, dass Self-Care keine Gebrauchsanweisung kennt, die für alle gilt.

"Ich konnte meine Verhaltensmuster schon immer gut deuten, deswegen fühlt es sich so an, als wäre mir Self-Care schon immer ein Begriff gewesen, auch wenn ich es nie so genannt habe", so Lao weiter. Ihr Self-Care-Prinzip beinhaltet auch, auf sich selbst aufzupassen – und im Umkehrschluss auf andere. "Ich gebe mein Bestes, um meine eigenen Gefühle zu deuten und auf sie aufzupassen, damit ich sie nicht auf andere projiziere oder sie an ihnen auslasse."

Long story short: Sich um dich selbst zu kümmern, um für andere da zu sein, ist so ziemlich das Gegenteil von Egoismus. Wenn das bedeutet, dass du Treffen absagen musst, dann ist das eben so. Am Ende geht es nicht darum, was du machst, sondern worauf du damit hinaus willst.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.