Wir werfen einen Blick auf den italienischen Modenachwuchs

Eine neue Generation Designer steht bereit, die Welt zu übernehmen.

von Mattia Ruffolo
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05 Oktober 2018, 11:05am

Es gibt so viele durchaus angenehme Themen, die du mit deinen Eltern besprechen kannst. Die weltpolitische Lage, das laute Pärchen von nebenan oder die tolle Tomatensuppe im Lieblingsrestaurant. Ihnen zu gestehen, dass du "etwas mit Mode" machen möchtest, gehört leider nicht dazu. Für sie ist es ein relativ abstraktes, schwer verständliches Konzept, Kleidung zu kreieren und damit später mal Geld zu verdienen. Es führt oft zu einer Reihe hartnäckiger Missverständnisse, die nicht mehr so leicht auszuradieren sind.


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In Italien scheinen diese Missverständnisse zumindest ein kleines bisschen geringer auszufallen: Rund 600.000 Menschen arbeiten hier in der Mode-Industrie. Wie praktisch mögen sich nun all' diejenigen denken, die nicht nur an der Geschichte der Mode interessiert sind, sondern auch im Bereich des Marketings, Designs, der Soziologie und Wirtschaft.

Jung, enthusiastisch und verdammt gut vorbereitet: Schlagworte, nach denen große Marken auf ihrer Suche nach Praktikanten die Augen offenhalten. Niemand passt besser auf die Beschreibung als die Studierenden der IUAV University of Venice. Wir haben den talentierten Modenachwuchs aus Italien in ihren Klassenräumen besucht und über die Zukunft der Modeindustrie gesprochen.

Giovanni Mareschi, 22

Was sollte jeder wissen, der mit einem Modedesign Studium anfängt? Krempel deine Ärmel hoch! Die Modewelt entwickelt sich unaufhörlich weiter, deswegen musst du immer am Ball bleiben – 24 Stunden am Tag. Was motiviert dich jedes Mal aufs Neue? Eine Idee auszuarbeiten und sie umzusetzen. Eine Welt um das finale Projekt zu kreieren und zu sehen wie es Gestalt annimmt. Glaubst du, dass du hier in Italien eine Chance hast erfolgreich zu werden? Ich denke, dass es nicht so wichtig ist, wo du lebst, sondern dass du hart arbeitest und die Möglichkeiten, die sich dir bieten, zu nutzen weißt.

Anna Maria Scarparo, 23

Hast du eine Stilikone oder einen Lieblingsdesigner? Ja, Olivier Theyskens. Es ist für mich eine Inspiration, zu sehen, wie er durch seine Mode das Bild einer sinnlichen, undurchsichtigen Frau kreiert. Welche Musik hörst du, wenn du Mode erschaffst? Deep House, aber auch Pink Floyd und Red Hot Chili Peppers. Gibt es einen bestimmten Trend, den du momentan überall siehst? Python, Python und noch mehr Python.

Jacopo Nordio, 22 und Francesco Galeotti, 25

Habt ihr einen Lieblingsdesigner? Raf Simons. Was sollte jeder wissen, der Mode studieren möchte? Jacopo: Versuche so viel es geht aus den Kursen mitzunehmen, vor allem wenn es um Design, Verpflichtungen und Durchhaltevermögen geht. Francesco: Wenn es wirklich dein Traum ist, in diesem Feld zu arbeiten, musst du viele Opfer bringen, um es zu schaffen. Du wirst nie aufhören, dich selbst herauszufordern, aber am Ende ist es die Sache wert. Dann bist du bereit für die Welt – auch außerhalb der Modeblase. Eure Generation in einem Wort? Betäubt.

Marianna Serena, 23

Welchen Rat würdest du zukünftigen Studierenden geben? Sei stark, aufmerksam und bereit, Opfer zu bringen. Was würdest du niemals tragen? Gelb und Orange! Gibt es heute, in Zeiten von sozialen Netzwerken, überhaupt noch so etwas wie einen länderspezifischen Stil? Die Situation ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint: Die Stile heute sind unendlich und viral geworden.

Stefano Gallici, 21

Deine Generation in einem Wort. Langsam. Was regt deinen kreativen Prozess an? Punk-Rock-Cover, Post-Punk- und New-Wave-Platten aus den 70er und 80er Jahren, die mich seit meiner Kindheit umgeben haben – meine Eltern waren Hardcore-Fans. Aber auch die Zeit mit Freunden, Konzerte, Reisen und alles, was mit Rock'n'Roll zu tun hat. Da fängt alles an, danach tauche ich ein in Literatur, Kunst und Film. Was hörst du, wenn du designst? Sister Morphine von The Rolling Stones.

Riccardo Ballarani, 27 und Massimiliano Mucciarelli, 25

Was sollte man vor seinem Modedesign-Studium wissen? Massimilano: Stell dich auf schlaflose Nächte ein. Aber hey, Augenringe sind doch jetzt wieder en vogue. Was passiert gerade in der Kulturszene Italiens? Riccardo: Die Leichtigkeit, mit der wir uns von einem zum anderen Medium bewegen. Habt ihr Stilvorbilder? Massimiliano: Nein, aber ich fühle mich mit dem kleinen Kreis verbunden, der angefangen hat, mit Musikern zu kooperieren: Yang Li, Pan Daijing, Luigi Yamamoto, Michael Gira, Ximon Lee und Alcantara Mojo Jungle. Wo seht ihr euch in zehn Jahren? Riccardo: Ich hoffe, dass ich einer derjenigen sein werde, die keinen Grund hat, mit den Robotern zu kämpfen.

Massimo Simonetto, 25

Was ist dein Ratschlag an alle zukünftigen Modestudenten? Versuche gar nicht erst, kommerzielle Produkte zu kreieren, sondern achte stattdessen lieber darauf, dein Casting so divers wie möglich zu halten. Es sollte Menschen mit verschiedenen ethnischen Hintergründen, Trans- und nicht-binäre Leute, sowie Menschen mit Behinderung enthalten. Deine Generation in einem Wort: Queer. Was passiert gerade Relevantes in der Kulturszene Italiens? Die Leute verweigern immer öfter, sich den Regeln des cis-hetero Patriarchats zu unterwerfen. Wo siehst du dich in zehn Jahren? In einem Haus in den Bergen.

Dylan Colussi, 24

Hast du eine Stilikone oder einen Lieblingsdesigner? Walter Van Beirendonck, meine erste große Liebe und der Beweis, dass wir durch die Mode alles thematisieren können. Was haben deine Freunde alle gemeinsam? Eine Menge positive Ungeduld. Glaubst du, dass man Italien verlassen muss, um erfolgreich zu werden? Nein, ganz im Gegenteil: Heute wollen wir alle ein Stück von dem Erfolg, der in unserem Land auf uns wartet.

Giovanni Pacienza, 23

Deine Generation in einem Wort? Missverständlich. Was würdest du niemals tragen? Jogginghosen. Wo siehst du dich in zehn Jahren? Malend an meinem Schreibtisch. Was ist das Geheimnis von Erfolg? Du musst an dich glauben, dann verschwindet alles andere in den Hintergrund.

Credits


Fotos: Alessio Costantino
Editorial-Assistenz: Giorgia Imbrenda
Besonderen Dank an Maria Luisa Frisa, Mario Lupano, Gabriele Monti, Saul Marcadent, Marta Franceschini, IUAV Venice.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der italienischen Redaktion.

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