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Glass Skin ist der neueste Beauty-Trend aus Südkorea, der gerade das Internet erobert

Auch in Zeiten von Natural Beauty wollen einige Frauen wie porenfreie Porzellanpuppen aussehen.

Hannah Ongley

Screenshot von YouTube aus dem Video "Dewy Glowing Skin: How to achieve moisturized looking skin | mybeautymimi" von BECCA mybeautymimi

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

Seitdem es Make-up gibt, wird regelmäßig und meistens von Männern darüber gewitzelt, dass Frauen, die Make-up tragen, eigentlich eine Maske tragen würden. Vor zwei Jahren ging das Foto der damals 20-jährigen Studentin Ashley VanPevenage viral, nachdem es zu einem verletzenden Meme umfunktioniert worden war. "Deswegen solltest du mit einer Bitch beim ersten Date schwimmen gehen", lautete die dazugehörige Überschrift des Bildes, auf dem VanPevenage ohne und dann mit fertigem Make-up zu sehen war, das sie eigentlich gemacht hatte, um zu zeigen, wie viel Selbstvertrauen Make-up Menschen mit chronischer Akne zurückgeben kann.

Die Vorstellung von Make-up als Maske kann manchmal aber auch ermächtigend sein. Im Jahr 2017, in dem viele Politiker die reproduktiven Rechte infrage stellen und sich mit Geschichten über sexuelle Belästigung brüsten, wird ein blendender Highlighter von manchen als eine Art weibliches Schutzschild gesehen. Künstlerinnen wie Petra Collins hingegen haben sich von der Maske verabschiedet und fordern in allen Medien eine natürliche Ästhetik.


Auch auf i-D: Aktivistin Grace Neutral war für uns in dem asiatischen Land unterwegs


Beim neuesten Beauty-Trend aus Südkorea geht es darum, seine Haut so aussehen zu lassen, als könnte sie jeden Augenblick zerbrechen. Die sogenannte "Glass Skin" sieht aus, als hätte man einen Instagram-Filter über seine Haut gelegt. Tatsächlich dauert es aber Wochen oder gar Monate, um diesen Effekt zu erreichen. Die Koreaner selbst sind eher gespalten, was die Verbreitung des Begriffs in Ost-Asien angeht. Seinen Ursprung hat das Phänomen aber ganz klar in der koreanischen Internetwelt. Unter dem Instagram-Hashtag #GlassSkin findet man zur Zeit um die 500 Fotos von Produkten und Selfies. Hinter dem neuen Trend steht eine langsame Hautpflege, bei der die Produkte gelayered werden. So entsteht ein Hautbild, das keine Unreinheiten aufweist und strahlend, weich, frisch und jugendlich wirkt. Diese Prozedur soll einem so eine Befriedigung verschaffen, wie ein neues iPhone, das noch keinerlei Kratzer auf dem Bildschirm hat.


"Es ist ein Zeichen für Jugendlichkeit und eine der gefragtesten Eigenschaften bei koreanischen Frauen", sagte Alicia Yoon, Gründerin der koreanischen Beauty-Seite Peach & Lily, vor Kurzem in einem Interview mit Refinery 29. "Es kann jedoch schwierig sein, diese Kombination aus ultra-glatter Struktur und dem strahlenden Teint allein durch Kosmetikprodukte zu erreichen."

Wie die meisten südkoreanischen Schönheitsideale erfordert auch die Glass Skin einen Lebensstil, bei dem die Hautpflege oberste Priorität hat. Yoon nennt die 10 Schritte der südkoreanischen Beauty-Routine Schwachsinn. Für die Glass Skin braucht es keinen Concealer oder Foundation, sondern eine etwas umfassendere Pflege als nur Reinigungstücher. "Um diese frische Textur zu erreichen, muss man auf zwei Dinge achten", erklärt Yoon. "Erstens muss man regelmäßig ein Peeling benutzen, um die Haut gewissermaßen glatt zu polieren. Zweitens muss man in ein gutes feuchtigkeitsspendendes Serum investieren, das für das glasähnliche Erscheinungsbild sorgt."

Die Produkte sollte man dick auftragen, nicht abwaschen und die ganze Prozedur wiederholen. Danach folgt eine Creme mit Lichtschutzfaktor. Einige der Frauen, die die Glass Skin anstreben, schwören auf die Methode der 7 Toner, die ziemlich selbsterklärend ist. "Indem man seinen Toner mehrere Male auf das Gesicht aufträgt, kann die Haut mehr feuchtigkeitsspendende Inhaltsstoffe absorbieren, wodurch man eine hydratisierte und gesunde Haut bekommt", rät Young-Ji Park, Gründerin der koreanischen Beauty-Marke Purpletale. Purpletale ist für ihre vergleichsweise kürzere Methode der "5 Schritte zu toller Haut" bekannt. Doch mehr Pflegeschritte bedeuten nicht automatisch mehr Feuchtigkeit. Bei der Glass Skin geht es vielmehr darum, die Haut optimal mit Feuchtigkeit zu versorgen, nicht aber darum, sie vollkommen zu übersättigen.

Glass Skin ist aber nicht der einzige Trend, dessen ultimatives Ziel ein makelloses Puppengesicht ist. Instagram-Stars wie Lil Miquela und Koti Rose haben mehrfach erhitzte Debatten über Schönheits-OPs und Photoshop ausgelöst, weil sie auf ihren Fotos einfach ein bisschen zu perfekt aussehen. Miquela, ein CGI-Instagram-Model aus Kalifornien, wurde vor Kurzem von der Washington Post als "das größte Geheimnis auf Instagram" betitelt.

"In der westlichen Kultur hegen wir eine ständige Angst vor der Echtheit – vor allem in Social Media, wo es oft weniger darum geht, sein Leben zu dokumentieren, als darum, die perfekte Illusion davon zu erschaffen", hieß es in der Washington Post. "Es ist erstaunlich, wie viele neue Apps und soziale Netzwerke gerade entstehen, die sich gegen diesen Trend auflehnen. Endlich gibt es einen Ort, wo man man selbst sein kann, wo niemand performt oder idealisiert, wo alles 'authentisch 'ist. Glass Skin steht weder diesem Trend noch der Forderung nach Authentizität entgegen, steht aber in einem angespannten Verhältnis dazu. Hier soll natürliche Schönheit so aussehen, als wäre sie gar nicht natürlich.

"Porzellan" ist schon seit langer Zeit der goldene Standard perfekter Haut in Südkorea, wie die Buzzfeed-Autorin Scaachi Koul vor Kurzem in einem Artikel über die kodierte rassistische Sprache von Hautpflege-Werbung aufgezeigt hat. Doch hier geht es weniger um Kolonialismus, sondern vielmehr um Klassen-Snobismus. Menschen aus der Arbeiterschicht waren nun mal gebräunt, weil sie ihre Arbeiten größtenteils draußen verrichteten. Das Streben nach Glass Skin ist aber, wenn man es nicht übertreibt, ein kleiner und harmloser Luxus, den man sich gönnt. "Neben dem Medikament Accutane war der Wechsel zu einer koreanischen Pflege-Routine das einzige, das mir je gegen meine Akne geholfen hat", heißt es in einem Kommentar. "Meine Haut ist wie verwandelt und es ist einfach eine schöne kleine Pflege-Routine, mit der man sich selbst jeden Tag etwas Gutes tut."