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So real wurde deine Instagram-Sucht noch nie in einem Film dargestellt

"Ingrid Goes West" ist eine verstörende Geschichte über unsere Obsessionen im Social-Media-Zeitalter.

von Clementine de Pressigny
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16 November 2017, 3:55pm

Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video "Ingrid Goes West Trailer #1 (2017) | von Movieclips Trailers

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Das Poster für den Gewinnerfilm des Sundance Festivals Ingrid Goes West sieht aus wie eine Reklame eines Tourismusbüros, nur der Blick von Schauspielerin Aubrey Plaza verrät, dass es in dem Film alles andere als verträumt zugeht. Zu sehen war Aubrey bereits in der Fernsehserie Parks and Recreation. Darin spielte sie eine wenig hilfreiche Assistentin, die mittlerweile zu einem beliebten Meme-Motiv geworden ist. "Für die Serie hatte ich extra Training für das Spiel mit meinen Augen, viel Augenrollen und subtile Blicke in die Kamera." Eye Acting – scheint eine neues, großes Ding zu sein.


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Aubreys Vorliebe für scharfzüngige Comedy kommt im neuen Film Ingrid Goes West noch stärker zur Geltung. Sie spielt darin die Hauptrolle der Instagram-süchtigen Ingrid, deren kiffender Vermieter von dem fantastischen O'Shea Jackson gespielt wird. Aber auch die typische 0815-Influencerin (Elizabeth Olsen) darf in diesem Film nicht fehlen.

Ingrid Goes West ist lustig, keine Frage, aber nicht auf die typische Haha-Weise, sondern auf eine subtilere und düstere. In dem Film geht es um den alltäglichen Horror auf Instagram. Er führt uns vor Augen, wie sehr heutzutage alles durch einen Valencia-Filter gesehen wird. Aus allen Erlebnissen werden Live-Stories und gefilterte, mit Hashtag versehene, visuelle Klischees, die angeblich zeigen, was für ein tolles Leben die Protagonisten führen. Als wir Ingrid im Film zum ersten Mal begegnen, lässt sie gerade ihrer Wut auf ein Mädchen freien Lauf, von dem sie dank Instagram besessen ist. Es wird klar, dass sie ein paar ernsthafte Probleme hat, auch wenn nicht ausgeführt wird, welche das genau sind. Zwar sind Ingrids Handlungen extrem, trotzdem wird sich jeder von uns zu einem gewissen Teil darin wiederfinden können – #IamIngrid. "Sie ist eine Antiheldin und macht extreme und fragwürdige Dinge", sagt Aubrey. "Aber man kann sich mit ihr identifizieren."

Im Kern handelt Ingrid Goes West von einem allzu menschlichen Bedürfnis: sich mit anderen zu verbinden und zu vergleichen – besonders mit Leuten, die es scheinbar zu etwas gebracht haben. Beides kann durch Instagram verstärkt und sogar ausgebeutet werden. "Darin liegt etwas Universelles, der Wunsch sich mit Mitmenschen verbunden zu fühlen. Oder das Gefühl, unverstanden oder nicht gut genug zu sein", so die Schauspielerin.

Nachdem unschönen Ende ihrer ersten Instagram-Obsession findet Ingrid eine neue Influencerin – Taylor Sloane, gespielt von Elizabeth Olsen –, die das perfekt kuratierte Branded-Sponsored-Life lebt. Auch wenn dieses, natürlich, nicht wirklich echt ist. Das angebliche Lieblingsbuch von Norman Mailer? Nie gelesen. Die schreckliche Kunst ihres Ehemanns? Verkauft sich nicht. Und ihre Neigung, alles ganz toll zu finden? Klingt einfach nur falsch. Passend dazu das Zitat von Joan Didion, das Taylor unter einen ihrer Instagram-Posts setzt: "We tell ourselves stories to live." Menschen haben sich ihrer Selbst schon immer dadurch vergewissert, welche Geschichten sie anderen erzählen. Heute geschieht das immer öfter über Instagram-Stories und Posts. Der Erfolg bemisst sich über die Anzahl der Kommentare, Likes und Klicks. "Es wirkt so, als ob jeder eine falsche Geschichte davon erzählt, wer er ist und was er machen", sagt Aubrey. "Instagram ist zu einer Droge für Menschen geworden. Die Likes, Follower und hohen Zahlen sorgen für die Ausschüttung von Serotonin, es ist wie eine Selbstmedikation. Man verspürt keine wirkliche Freude dabei. Instagram spricht eben nur zufällig den Teil im Gehirn an, der die Glückshormone steuert."

Natürlich gibt es eine Welt jenseits von Instagram, aber auch diese geht immer mehr in der virtuellen Welt auf. So finden wir unsere Freunde durch soziale Netzwerke, stalken unsere Ex-Freunde und solche, die es werden sollen, und planen unseren nächsten Urlaub darüber. Oft entscheidet unser Social-Media-Auftritt auch, ob wir einen Job bekommen oder nicht. Die Irrealität der sozialen Netzwerke wird immer mehr Teil unserer Realität, auch im Alltag. Unter diesen Umständen nicht abhängig zu werden, ist schwer.

Aber Ingrid Goes West handelt von mehr als einer Social-Media-Abhängigkeit, es geht darum, ein erstrebenswertes Leben zu finden. Ingrid scrollt, schaut auf ihr trauriges und unfotogenes Essen und pausiert, wenn sie ein kunstvoll inszeniertes Foto von einem Avocado-Toast sieht. Beim Zähneputzen aktualisiert sie immer wieder ihren Feed und wartet auf neue Likes. Man kann kaum hinsehen, so sehr trifft der Film die Realität.

Erfolgreiche Schauspieler sind dagegen übrigens auch nicht immun: "Der Film war für mich interessant, weil ich davor kein öffentliches Instagram-Profil hatte, sondern ein privates, das ich kaum gepflegt habe", sagt Aubrey. "Aber ich habe mir angewöhnt, Instagram zu checken, weil ich es während der Dreharbeiten musste. Und hing sogar noch weiter an der App, als die Kameras längst aus waren. Ich saß da, habe gescrollt und gescrollt. Es hat sich in mein Hirn eingebrannt. Nach den Dreharbeiten habe ich mir ein öffentliches Instagram-Profil zugelegt, man wird da reingezogen."

Wir werden das Ende nicht spoilern, nur so viel steht fest: Es bleibt offen. "Ich glaube, dass der Film die Leute nachdenken lassen sollen. Das Ende ist ein großes Fragezeichen. Die Macher wollten das so", sagt Aubrey. "Im Film geht es letztlich darum, wie die sozialen Netzwerke junge Menschen und die Kultur beeinflussen."

Über was macht sich Aubrey Plaza neben Social Media noch Sorgen? "Ich habe am meisten Angst davor, dass ich älter werde und etwas ganz anderes mache, als ich davor gemacht habe. Ich versuche, mein Glück nicht von meiner Karriere abhängig zu machen. Ich möchte mutige Entscheidungen treffen. Solange ich das mache, geht es mir gut. Ich würde einerseits gerne nicht älter werden – andererseits kann es ein Teil von mir kaum abwarten."

Und falls es mit der großen Schauspielkarriere nichts werden sollte, kann sie immer noch Eye-Acting-Lehrerin werden.