Billie Eilish beweist, dass man mit 15 die besten Songs über Herzschmerz schreibt

Der Popstar weiß nicht nur, wie man eine Trennung am besten verarbeitet, sondern bricht auch mit Gender-Klischees. Wir stellen dir die junge Musikerin genauer vor.

von Georgie Wright; Fotos von via Label
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Nov. 8 2017, 9:37am

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

"Wo sind die Avocados?", fragt Billie Eilish beim Interview. Das ist nicht das Getue einer jungen Pop-Diva, die in einem 10-minütigen Interview ein Brunch-Update fordert. Die Sängerin erinnert sich vielmehr an eine Geschichte, als sie noch nicht vegan oder glutenfrei gelebt hat, sondern Grilled Cheese Sandwiches gegessen und sich über die fehlenden Avocados bei sich zu Hause in Los Angeles beschwert hat. Durch diese Frage ging ihr ein Licht auf: "Bäm! Das sollte mein neuer Instagram-Name werden", erinnert sie sich. "Ich habe so lachen müssen, weil es eigentlich echt dumm ist, aber dann habe ich ihn genommen."


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Die Avocados, ihr Instagram-Name, die Abscheu gegen glutenhaltige und tierische Produkte könnten genauso gut Teil eines Starter-Pack-Memes für Millenials sein. Das sind die Symbole und Klischees, die gerne gegen junge Leute ins Feld geführt werden, um zu zeigen, wie verantwortungslos wir doch sind. Billie ist das genaue Gegenteil von einem Klischee. Sie hat sich daran gewöhnt, wegen ihres Alters unfair behandelt zu werden, obwohl ihr Debüt Ocean Eyes viral ging, die Nachfolge-EP D on't smile at me von Kritikern hochgelobt wurde und ihre Text unglaublich intelligent und brutal ehrlich sind.

"Es ist unvermeidlich, dass dich Leute aufgrund deines Alters beurteilen", sagt sie nachdenklich. "Die Leute denken: 'Wie kannst du einen Song über Liebe und Trennungen schreiben? Über Depression und darüber, dass man nicht man selbst sein will? Du bist doch erst 15! Du weißt noch nicht mal, wie sich das anfühlt'", sagt Billie. "Wissen die eigentlich, wie man sich mit 15 gefühlt hat?".

Und kannst du dich noch erinnern? Ernsthaft. Schließ' kurz deine Augen und denk' zurück an die Zeit, als deine Gefühlswelt ein einziges Chaos mit Pickeln war. Fünfzehn: Das Alter, in dem eine Partyeinladung, die wieder zurückgezogen wird, zu einem emotionalen Breakdown führen kann und in dem sich eine Trennung so anfühlt, als ob eine Wasserstoffbombe neben deinem Bein explodiert. Wenn man Songs über die intensiven Höhen und Tiefen von Gefühlen schreiben will, dann scheint 15 ein sehr gutes Alter zu sein.

Billie steht für diese ungeschliffene Echtheit. Sie hat den Typen in ihrem Song My Boy auf dem Konzert in L.A. beim Namen genannt. "Ich hatte gehört, dass dieser Boy kommen sollte und dachte mir nur ' Natürlich wird er kommen'", sagt sie sarkastisch. "Er ist die unzuverlässigste Person auf der Welt. Aber ich habe den Song performt und seinen Namen geschrien. Alle sind durchgedreht. Meine Freunde haben dann gesagt: 'Er war nicht da' – Natürlich war er das nicht."

Und auch ihre anderen Songs sind von derselben Ehrlichkeit durchzogen, auch wenn sie andere Gefühle ansprechen. Jeder steht für eine andere Stimmung. Zynisch und eine Badass-Bitch? Copycat ist der Song für dich. Eine vertonte Interpretation des Augenrollens in Richtung deines Ex? My Boy ist der richtige. Du denkst voller Wehmut an deinen Crush? Dann hör dir Ocean Eyes an. Die Songs unterscheiden sich nicht nur in ihren Emotionen, sondern auch in ihrem Sound: Einflüsse aus Jazz, R'n'B, HipHop und Handy-Klingeltönen – alles ist dabei.

Wir haben sie vor ihrem Konzert in London zu einem kurzen Interview getroffen, um zu erfahren, warum es wichtig ist, sich selbst treu zu bleiben, auch mal traurig zu sein und warum sich Neujahrsvorsätze zu machen wirklich unnötig ist.

Du fängst in jedem deiner Songs eine andere, ganz spezielle Emotion ein. Wie müssen wir uns deinen Songwriting-Prozess vorstellen?
Der ist immer anders. Manchmal habe ich eine Melodie im Kopf, oder Akkorde, Worte, mit denen ich mich identifizieren kann, oder einfach einen Beat, den ich cool finde. Jeder Song hört sich anders an und das ist es auch, was ich gerade daran mag. Wenn du einen Musiker gut findet, willst du logischerweise mehr Songs der gleichen Art hören, ich möchte aber den Spieß umdrehen und Musik für Leute machen, die eine Musikrichtung mögen und dann wieder einen Song schreiben, der ganz andere Musikfans erreicht. Ich hasse das Wort Genre, warum kann ich nicht alle bedienen? Ich möchte nicht in eine Schublade gesteckt werden. Das ist so langweilig.

Es gibt immer mehr junge Musikerinnen, die ihr Image und ihren Sound selbst kontrollieren. Verändert sich gerade etwas in der Musikindustrie oder liegt es daran, dass es jetzt die Tools dafür gibt, sein eigenes Ding zu machen?
Ich glaube, dass es das Zweite ist. Die Industrie wird sich nicht verändern und ich denke auch nicht, dass sie es hat. In einem Artikel stand mal "unladylike lady artists" – das spricht für sich. Warum muss man immer alles gleich in Kategorien einordnen? Das ist die gleiche Einstellung wie zu sagen 'Ich esse nur noch das und das nicht mehr.' Das ist so nervig.

Wirst du in eine bestimmte Richtung gedrängt, damit du dich auf eine gewisse Art und Weise verhältst oder benimmst?
Ich war noch nie der Typ, der sich von anderen Leute hat sagen lassen, was er machen soll. Es ist nicht so, dass ich die Meinungen von anderen nicht schätze, aber was bringt es, wenn ich sowieso schon weiß, was ich will? Ich werde mir nie von einer anderen Person sagen lassen, was ich tragen, sagen oder machen soll.

In deinen Songs geht es oft um die dunkleren Emotionen. Inspirieren sie dich mehr als Positives?
Ich fühle sie einfach mehr. Ich kenne das Konzept Glücklich-Sein gar nicht. Ich habe oft Depressionen. Viele haben das, wollen aber lieber nicht dran denken oder es auch gar nicht wissen. Ich werde einfach nicht zulassen, dass ich total traurig werde und nichts davon ahne. Ich bin einfach von der Sorte: 'Ich bin deprimiert. Jetzt akzeptiere ich das und versuche weiterzumachen'.

Hilft dir das Songwriting dabei?
Natürlich, aber dadurch verschwinden die Gefühle nicht. Manche denken, dass mich das Songwriting auf eine Art und Weise heilt, aber das stimmt nicht. Mich kotzt es richtig an, wenn die Leute sagen 'Das wird kein Hit, weil es so traurig ist. Wir brauchen einen Song, der schreit: Ich bin die Beste! Ja!.' Wer fühlt sich bitte die ganze Zeit so? Ich schreibe darüber, wie ich mich fühle und nicht darüber, wie ich denke, dass ich mich fühlen sollte.