Warum Filter-Künstler_innen unter den neuen Regeln von Instagram leiden

Die neuen "Anti-Plastic-Surgery"-Maßnahmen erschweren die Arbeit vieler Kreativer. Hier sprechen sie über ihre Erfahrungen und Sorgen.

von Hatti Rex
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12 Dezember 2019, 8:39am

Foto: über i-D UK

Während die meisten Menschen aus der Internet-Welt die neuesten Richtlinien von Instagram willkommen hießen – endlich keine sichtbaren Likes mehr –, gab es besonders eine Änderung, die nicht bei allen gut ankommt. Die Entfernung von allen AR-Filtern, die aussehen, als hätte man sich einer Schönheitsoperation unterzogen. Diese Maßnahme sollte für ein besseres Selbstwertgefühl unter den User_innen sorgen. Stattdessen hat sie jedoch besonders in der Spark-AR-Community, ein Online-Netzwerk junger Filter-Künstler_innen, negative Folgen mit sich gebracht ...

Als die neuen Richtlinien in Kraft gesetzt und Botox-, Lip-Filler- und Nasenkorrektur-Filter abgeschafft wurden, hat es nämlich jene Menschen getroffen, die überhaupt nichts mit solcher Chirurgie zu tun haben. So musste beispielsweise der verrückte Clown-Filter von Marc Wakefield, einer der ersten und am meisten benutzten Filter der Seite, dran glauben. Er verschwand ohne Ankündigung oder Erklärung für eine kurze Zeit von Instagram, bevor er durch die Spark-AR-Community wieder zurück ins Internet fand. Sein Erschaffer vermutet hinter dem Fiasko einen Glitch.

Ob es nun tatsächlich ein Glitch war oder nicht, fest steht, dass es zahlreiche ungewöhnliche Aktivitäten gibt, die die neuen Regeln mit sich gebracht haben. VR- und AR-Schöpfer Spencer Burnham erzählte i-D, dass er Probleme damit hatte, eine seiner Linsen veröffentlichen zu dürfen, weil Instagram die darin enthaltene Kombination aus einem Pfeffer- und einem Feuer-Emoji als "Hassrede" einsortierte. Einige Filter von Steven Budovski wurden sogar gesperrt, bevor die neuen Richtlinien überhaupt bekanntgegeben wurden.

Doch der wohl enttäuschendste Fall ist jener von Howie Kim, ein Künstler, dessen Arbeiten sich um die Stereotype rund um Millennials drehen. Alle zehn seiner Filter wurden gesperrt. "Meine Filter basieren auf meinen eigenen Illustrationen", sagt Kim. "Einer von ihnen vergrößert minimal die Augen und verzerrt die Nasen und Gesichter der User_innen, um sie ein kleines bisschen schmaler wirken zu lassen." Er stimmt zu, dass sich es sich dabei wohl um eine Verschönerung handelt, "aber zu sagen, dass sie plastische Chirurgie promoten, ist ein bisschen weit hergeholt". Außerdem fügt er hinzu, "dass es nie seine Absicht war, dass sich User_innen verunsichert fühlen könnten."

"Ich nutze 'Face Distortion' als Werkzeug, um die Gesichter der User_innen zu übertreiben, um das Gesicht eines Insekts nachzuahmen: übertrieben große Augen und ein winziges, verzerrtes Gesicht. In diesem speziellen Fall bin ich absolut davon überzeugt, dass es weder plastische Chirurgie promotet, noch in irgendeiner Weise damit in Verbindung steht."

Am anderen Endes des Spektrums steht Florencia Solari. Sie ist die Schöpferin des viralen "vedete++ effect", der den Gesichtern der User_innen einen unnatürlichen Schönheits-OP-Look mit einem Neon-Glow verpasst. Inspiriert wurde sie dazu von ihrer Liebe zu Science-Fiction. Der Filter erreichte 19,6 Millionen Impressions in den ersten zweieinhalb Wochen. Auch wenn er immer noch verwendet werden kann, verfasste Florencia einen vernichtenden Artikel, der Instagram dafür angeht, den letzten Funken kreative Freiheit im Internet auszulöschen.

"Instagram platzt nur so vor FaceTune und Photoshop. Die meisten der großen Influencer_innen bearbeiten ihre Bilder und viele von ihnen haben sich auch einer Schönheits-OP unterzogen", sagt Florencia. "Es macht also überhaupt keinen Sinn, es auf Filter-Künstler_innen abzusehen." Zwei der Influencer_innen mit den höchsten Follower-Zahlen sind Kim Kardashian und Kylie Jenner – beide haben im letzten Monat die 150 Millionen Follower geknackt und lieben Schönheits-OPs und Filter. "Schönheits-Filter wurden bekannt, weil sie widerspiegeln, um was es in der Mainstream-Kultur heute geht", fügt die Künstlerin hinzu. "Am Ende imitiert Kunst das Leben. Und viele Menschen sind einfach nur neugierig, wie sie mit einem anderen Gesicht aussehen würden, sie erforschen verschiedene Online-Persona. Es ist reine Fantasie."

"Eingriffe gab es schon lange vor den Filtern. Sogar schon vor Social Media. Anstatt verletzlichen User_innen zu helfen, Stärke und Selbstvertrauen aufzubauen, indem man ihnen Werkzeuge an die Hand legt, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen, steckt man sie in die Opferrolle. Zur selben Zeit werden alle anderen dafür bloßgestellt, wenn sie die Filter einfach nur zum Spaß benutzen möchten."

Auch der von Bratz-Puppen inspirierte Filter von Jeferson Araujo wurde gelöscht. Er stimmt zu, dass es ein gewissen Sinn für idealisierte Schönheitsstandards in den bekannten y2k Puppen gab. "Weil sie voluminöse Lippen, eine schmale Nase und große Augen hatten. Aber weißt du, es ging um den Charakter, daran gab es nichts Reales."

Einige der Künstler_innen, mit denen wir gesprochen haben, merkten an, dass die Selfie-Kamera automatisch dein Gesicht verfälscht – abhängig von der Perspektive und der Entfernung zur Linse. Selfie-Kameras haben eine Linse von 18 bis 28 Millimeter. Je näher du gehst, desto verzerrter erscheint dein Gesicht. AR-Designer_innen nutzen ihre Masken oft dafür, genau das zu korrigieren. So wie beispielsweise Paige Piskin, die sich selbst als 'Digital Cosplayer' identifiziert und ein aktives Mitglied der Spark-AR-Community ist. Sie hat einen eigenen Filter kreiert, der genau dieses Problem löst. "Ich habe viele Artikel gelesen, die behaupteten, dass plastische Chirurgie in den letzten Jahren boomte, weil die Leute in ihren Selfies besser aussehen wollten", heißt es in ihrer Caption. "Aber wenn du die Kamera auf deinem Handy öffnest, siehst du nicht, wie du wirklich aussiehst." Auch nicht ohne Filter!

Zumindest scheint Instagram einige der Probleme ihrer neuen Richtlinien genauer zu untersuchen. Als wir um ein Statement baten, erklärte uns der Pressesprecher, dass "die Auswirkungen positive Erfahrungen für die User_innen mit sich tragen sollen. Während wir die Maßnahmen neu untersuchen, werden wir 1) alle Effekte von unserer Plattform nehmen, die in Zusammenhang mit plastischer Chirurgie stehen 2) neue Effekte dieser Art nicht freigeben und 3) aktuelle Effekte entfernen, wenn sie uns gemeldet wurden. Sobald die neuen Richtlinien in Kraft treten, werden wir ausstehende oder gesperrte Effekte nochmals auswerten."

Niemand kann leugnen, dass mehr getan werden muss, um verletzliche User_innen zu schützen. Doch wenn über-kuratierte, durchgefilterte Influencer_innen Instagram regieren, wäre es vielleicht sinnvoller, nach den Gründen zu suchen, warum Menschen sich überhaupt unters Messer legen, anstatt Instagram-Filter zu beschuldigen, die dich vorübergehend in Shrek oder eine Bratz-Puppe verwandeln.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kolleg_innen aus der UK-Redaktion.

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