Was es bedeutet, Teil der LGBT-Community in Polen zu sein

"Du weißt nie, ob du nur ein Werkzeug bist, um eine Wahl zu gewinnen – oder ob sie versuchen werden, die Gesetzgebung zu ändern, um unsere Existenz illegal zu machen."

von Kamila Rymajdo
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21 Oktober 2019, 9:19am

Am 20. Juli veranstaltete die polnische Stadt Białystok ihre erste Pride. Die Veranstaltung sorgte weltweit für Aufsehen – aus völlig falschen Gründen. Dem Ruf der Stadt als konservative Hochburg nachkommend, wurde die LGBT-Community von gewalttätigen Gegenprotestant_innen verfolgt.

Was auf der Pride von Białystok geschah, ist erschreckend und längst kein Einzelfall. Seit die populistische, rechtsgerichtete Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) 2015 die Parlamentswahlen gewann, wird die polnische LGBT-Gemeinschaft zunehmend belagert. Sie dient als Sündenbock, um die Popularität der Regierung zu stärken, deren Politik sich darauf konzentriert, die Idee der "traditionellen polnischen Familie" zu bewahren. Und auch bei den Wahlen im Oktober baute PiS ihre absolute Mehrheit aus. Selbst die polnische rechtsgesinnte Wochenzeitung Gazeta Polska begann, Aufkleber mit der Aufschrift "LGBT-freie Zone" zu verteilen. Die polnische LGBT-Gemeinschaft wehrt sich, mobilisiert und organisiert weitere Pride-Märsche im ganzen Land. Sie sammelt Spenden für LGBT-Organisationen und macht sich selbst sichtbar, etwa durch die Viralkampagne #jestemLGBT (Ich bin LGBT).

Wir haben Mitglieder der polnischen LGBT-Community in Warschau getroffen, um über das aktuelle politische Klima, ihre Hoffnungen und Ängste für die Zukunft zu sprechen.

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Foto: Heather Glazzard

Anton, 27

Wie würdest du jemandem Polen beschreiben, der noch nie da war?
Es ist ein gespaltenes Land. Polen ist einerseits konservativ, katholisch und andererseits offen dafür, ein westeuropäisches Land zu sein. Es gibt enorme Spannungen zwischen dem fortschrittlichen und dem traditionellen Teil – und die Politiker wissen das geschickt auszunutzen.

Wie war es, in der LGBT-Community in Polen aufzuwachsen?
Ich bin unter liberalen Menschen aufgewachsen. Erst als Trans-Mensch wurde mir klar, dass es in Polen viel Homofeindlichkeit gibt, vor allem gesetzlich. Wenn du trans bist und eine Hormonbehandlung durchführen möchtest, musst du einen endlosen Diagnoseprozess durchlaufen, bei dem dich sogenannten Spezialist_innen mit Fragen löchern. Und wenn du dein Geschlecht legal ändern willst, musst du deine Eltern verklagen, weil sie das Geschlecht bei der Geburt falsch bestimmt haben – es ist wirklich schlimm.

Du warst auf der Pride von Białystok und hast auch darüber berichtet. Was ist passiert?
Die Gegendemonstrierenden griffen uns verbal und physisch an. Sie schrien: 'Schwuchtel, verpiss dich' und 'Du bist hier nicht willkommen'. Ich habe ein Live-Streaming gestartet; sie haben versucht mich aufzuhalten. Die Regierung betitelt uns als destruktive Ideologie, sie entmenschlicht uns. Du weißt nie, ob du nur ein Werkzeug bist, um eine Wahl zu gewinnen – oder ob sie versuchen werden, die Gesetzgebung zu ändern, um unsere Existenz illegal zu machen.

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Foto: Heather Glazzard

Nastie, 20

Wie war es, in der LGBT-Community in Polen aufzuwachsen?
Stressig. Ich wollte mich immer vor den Leuten verstecken, besonders vor meiner Familie. Mein Vater wollte, dass ich zum Militär gehe. Das war dumm, weil ich ein zierliches, schwules Kind war. Ich glaube, er wollte mich abhärten. Aber es hat nicht funktioniert, ich bin jetzt eine Drag Queen.

Hast du jemals Gewalt aufgrund deiner sexuellen Orientierung erlebt?
Einmal ging ich raus, um Milch zu kaufen. Zwei Typen kamen auf mich zu, obwohl ich ein großes Sweatshirt trug. Ich sah überhaupt nicht schwul aus, trotzdem nannten sie mich 'Schwuchtel' und einer schlug mir ins Gesicht. Ich bin nach Hause gerannt und habe mich weinend in meinem Bett versteckt.

Wie sieht die Zukunft der LGBT-Kultur in Polen aus?
Es passiert etwas. Es gibt viele Aktivist_innen und viele Künstler_innen. Eine meiner Freundinnen ist Drag Queen und bei einer Mainstream-Modelagentur unter Vertrag, so erkennen auch die Leute außerhalb unserer Blase unser Talent an.

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Foto: Heather Glazzard

Martyna, 26

Erzähl uns, wie du aufgewachsen bist.
Ich war 11 Jahre alt, als ich gemerkt habe, dass ich queer bin. Damals, in den 90ern, gab es in Polen kaum Informationen oder Offenheit zu dem Thema. Ich war daher wirklich verwirrt und verängstigt. Vor etwa drei Jahren habe ich dann eine Community gefunden, aber es war schwer. Es gibt noch eine Menge Homofeindlichkeit in der Schule und am Arbeitsplatz. Es ist nicht einfach, sich zu outen, besonders wenn man nicht-binär ist.

Wie reagiert die LGBT-Gemeinschaft auf die Propaganda der Regierungspartei?
Es gibt viele Proteste und Informationsveranstaltungen. Die virale Kampagne Ich bin LGBT war auch sehr hilfreich. Sie zeigt Gesicht, du erkennst echte Menschen hinter diesen vier Buchstaben. Das ist wichtig, denn was uns fehlt, ist Repräsentation in Medien, Filmen, Fernsehsendungen und in Büchern. Polen ist wie ein toter Winkel.

Wie sieht die Zukunft der LGBT-Kultur in Polen aus?
Mehr Menschen werden sich outen. Es wird auch Veränderungen in der Sprache geben. Weil wir im Polnischen keine nicht-binären Wörter haben, müssen wir sie selbst kreieren. Es ist eine große Chance, etwas Neues und Eigenes zu erschaffen.

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Foto: Heather Glazzard

Adam, 22

Warst du schockiert darüber, was auf der Pride in Białystok passiert ist?
Ich lebe in einer Blase. Oft vergesse ich all die schlechten Dinge, die um mich herum passieren – ich denke, das ist bei vielen LGBT-Personen der Fall. Wenn wir von so etwas wie Białystok hören, platzt unsere Blase plötzlich und wir leben wieder in diesem dämonischen Land, in dem schlimme Dinge passieren.

Findest du, dass die westlichen Medien die Konflikte der polnischen LGBT-Gemeinschaft ausreichend behandeln?
Das ist schwer zu sagen. Ich weiß, dass die westlichen Medien über die Białystok Pride berichtet haben, aber vielleicht sollten sie tiefer gehen. Im Moment ist die Geschichte sehr einseitig: Polen ist schrecklich. Ich denke, man muss beide Seiten zeigen.

Bist du stolz darauf, Pole zu sein?
Ich bin dankbar, hier geboren zu sein. Auch wenn es ziemlich schwer war, weil ich nicht nur schwul bin, sondern auch der einzige Asiate in meiner Nachbarschaft. Ich musste eine Art Fassade aufbauen, um das Mobbing und die Beleidigungen wegzustecken. Einige Leute wollten nett sein, aber jeden Tag musste ich mir Sprüche anhören wie 'Du sprichst sehr gut Polnisch'. Es ist herablassend. Ich wurde wie ein Außenseiter behandelt. Und trotzdem war meine Antwort immer 'Danke, du auch'. Polen ist ein schöner Ort, im Idealfall würde ich aber alle Grenzen aufheben und die Ländernamen streichen.

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Foto: Heather Glazzard

Filip, 21

Was sind die größten Probleme, mit denen die LGBT-Community in Polen konfrontiert ist?
Wir haben offensichtlich nicht die gleichen Rechte wie alle anderen. Außerdem sind wir ständig der Gefahr ausgesetzt, Gewalt und Wut zu erleben. Ich war in letzter Zeit häufig Zeuge von Diskriminierung. Hoffentlich wird das zukünftig besser.

Wie haben sich die Vorfälle in Białystok auf dich als Mitglied der LGBT-Community ausgewirkt?
Das Ereignis hat viel Aufmerksamkeit verursacht, dadurch sind viele Dinge in Bewegung gekommen. Ich sehe, dass es in Polen viel mehr LGBT-Aufmärsche gibt als noch vor ein oder zwei Jahren – und sie finden auch in den kleineren Städten statt. Die Community will zeigen, dass hier etwas grundlegend nicht stimmt.

Hast du ein LGBT-Vorbild innerhalb der polnischen Mainstream-Kultur?
Innerhalb der Mainstream-Kultur gibt es für mich nur einen: den Politiker Robert Biedroń. Mich inspirieren auch die Aktionen von Oramics [ein Musik-Kollektiv, das nach dem Vorfall von Białystok die Compilation Total Solidarity veröffentlichte, um Spenden für polnische LGBT-Organisationen zu sammeln], weil sie aus dem Underground kommen und versuchen, weltweit Anerkennung zu finden.

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Foto: Heather Glazzard

Marianna, 18

Welche sind die größten Probleme, mit denen die LGBT-Community in Polen konfrontiert ist?
Mangelnde Akzeptanz von der Familie und Ablehnung von Freunden sind die schlimmsten Dinge, denen du als LGBT-Person begegnen kannst. Es ist oft so, dass Eltern ihre Kinder davor warnen, Kontakt mit LGBT-Leuten zu haben – wenn die politische Propaganda ihnen nicht schon zuvor gekommen ist.

Wovor hast du Angst?
Gewalt. Nicht in der Lage zu sein, mit meinem geliebten Menschen auszugehen und in der Öffentlichkeit Händchen zu halten, wie es Heterosexuelle tun. Ein Stück weit auch davor, als schlechter Mensch angesehen zu werden, weil ich Teil der LGBT-Community bin.

Bist du stolz darauf, Polin zu sein?
Manchmal. Es tut teilweise weh, wie wenig Menschen aus anderen Ländern über Polen wissen. Die politische Situation ist beschämend, aber das ist nicht unsere Schuld!

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Foto: Heather Glazzard

Simon, 26

Wie ist es, Mitglied der LGBT-Community in Warschau zu sein?
Niemand wusste, dass ich schwul bin, bis ich aus meiner Heimatstadt Częstochowa weggezogen bin. Kurz bevor ich an der Universität in Warschau angenommen wurde, habe ich es einigen meiner Freunde erzählt. Größtenteils habe ich es geheim gehalten, weil ich wusste, dass ich nicht weiter mit meinen Klassenkamerad_innen rumhängen kann, wenn sie es wissen. Es ist viel sicherer, in Warschau zu leben. Wenn ich zurück in meine Heimat komme, erlebe ich oft Homofeindlichkeit – ein Fremder hat mir einmal ins Gesicht gespuckt.

Was sind die größten Vorurteile gegenüber Polen?
Dass wir billige Arbeitskräfte sind und ausschließlich körperliche Arbeit leisten.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kolleg_innen aus der UK-Redaktion.

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