Queere Menschen erzählen von ihren Kämpfen in einer Hetero-Welt

"Ich glaube fest an mein Recht, zu existieren", sagt Nabil.

von Marieke Fischer
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21 August 2019, 12:38pm

Fotos: Anjelica Angwin

Die Gen Z gilt als aufgeschlossene Generation. Als die Generation für die binäres Gender-Denken, Heterosexualität und Diskriminierung nicht mehr existieren. Die dem alten weißen Mann seine Macht aus den Händen reißt und stattdessen die Zukunft der Welt in ihre eigenen legt.

Blöd nur: die Mehrheitsgesellschaft gehört nicht zur Gen Z.

In Deutschland macht die Bevölkerungsgruppe der nach 1995 geborenen Menschen gerade einmal zehn Prozent aus. Ein Clash der Ideale. Denn während die Jüngsten ihre Captions mit politisch korrekter Terminologie füllen, ihre Identität von Labels befreien und sich eine internationale Community im digitalen Raum erschließen, verstehen die Älteren? Wenig. Sehr wenig.

In einer Zeit, in der knapp zwei Drittel der Gen Z angeben, nicht straight zu sein, ist queer für den Großteil unserer Eltern, unserer Großeltern ein Fremdwort. Manchen fehlt der Kontext, anderen der Wille zu verstehen. Doch muss man sich der Familie gegenüber überhaupt 'outen'? Wenn sie konservativ, verschlossen ist? Wie fühlt es sich an, die einzige queere Person in der Dorfgemeinschaft zu sein?

Drei junge Menschen haben mit i-D ihre Geschichte geteilt. May, die sich trotz aller Hindernisse dazu entschlossen hat, bei ihren Eltern in Bayern zu bleiben. Nabil, der aus Angst vor den Misshandlungen seines Vaters nach Berlin geflohen ist und dort zeitweise auf der Straße lebte. Christian, der davon träumt, endlich sein wahres Leben in der Großstadt zu beginnen.

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Foto: Anjelica Angwin

Nabil, 22, New York/ Berlin

Erzähl mir ein bisschen von dir.
Ich bin Nabil, 22 Jahre alt, lebe seit letztem Jahr in Berlin und komme aus New York. In New York saßen wir Zuhause rum, haben Weed geraucht und mit Beats auf dem Computer herumexperimentiert. Wir haben gerappt, Texte geschrieben und Musik gemacht. Getting fucked up. Wir sind Skateboard gefahren, führten toxische Beziehungen. Seitdem ich hier bin, mache ich eigentlich immer noch dasselbe, doch es geht etwas mehr um Techno und visuelle Kunst. Berlin ist ein cooler Ort mit vielen kreativen Menschen, von denen ich einiges lernen kann.

Wie sieht deine aktuelle Lebenssituation aus?
Es ist ziemlich komisch, ehrlich gesagt. Als ich hergekommen bin, kannte ich eine Person mit festem Wohnsitz – dort konnte ich für acht Monate bleiben. Das war entspannt, sie hat auf mich aufgepasst. Ich hatte eine Bleibe, habe Leute getroffen. Als ich ausgezogen bin, wurde alles ziemlich kompliziert. Meine Sachen sind über ganz Berlin verteilt. Hier gibt es viele verlorene Seelen …

Zählst du dich selbst dazu? Du hast eine GoFundMe-Page, die mich ziemlich berührt hat …
Als ich noch in New York gelebt habe, versuchte mein Vater, mich umzubringen. Es wurde alles zu viel und ich musste das Haus endgültig verlassen. Die ganzen Misshandlungen, ich konnte wegen seiner Weltsicht nie ich selbst sein, nie offen mit ihm sprechen. Seitdem war ich immer wieder obdachlos und hatte keinerlei finanzielle Unterstützung. Was es besonders schwer macht, da ich einige chronische Krankheiten habe und mir weder die Behandlung, noch die Krankenversicherung leisten kann.

Hier in Berlin kann ich auch nicht einfach die ganze Zeit bei irgendwelchen Leuten schlafen, ihre Gastfreundschaft für immer ausreizen. Selbst wenn du ihnen etwas zur Miete beisteuerst und Lebensmittel für sie einkaufst, sie brauchen ihre Privatsphäre. Außerdem kam es manchmal zu unangenehmen Situationen, wenn die Leute – egal ob Männer oder Frauen –, bei denen ich unterkomme, plötzlich sexuelle Avancen starten und mich, wenn ich ablehne, mitten in der Nacht rausschmeißen. Ich möchte einfach nicht mehr abhängig sein von anderen Menschen.

Du identifizierst dich als queer?
Ja, ich bin bi. Mein Vater ist ein sehr, sehr gläubiger Muslim. Deswegen habe ich es ihm lange nicht gesagt. Als ich in die Pubertät kam und wir zusammen in die Moschee gingen, habe ich die anderen Typen ausgecheckt, anstatt zu beten. Es fühlte sich in dem Moment ein bisschen so an, als würde ich eine 'Sünde' begehen. Dann fing ich an, in Clubs zu gehen und mit Leuten rumzumachen. Viele von den gay guys dachten, ich sei fake queer. Wenn Weiße Cis-Typen gehört haben, dass ich bi bin, dachten sie, ich sei eh straight. Alles ziemlich binär.

Bi-Sexualität wird so häufig als Phase abgetan und nicht ernstgenommen.
Ja, dabei muss man sich doch nur mal anschauen, was die Griechen in der Antike so getrieben haben. Zu denken, Bi-Sexualität habe keine Berechtigung, ist sehr problematisch. Genau wie diese Vorstellung des Gaydar – dass du jemandem ansehen könntest, sich nicht in heteronormativen Spektrum zu bewegen. Aber Queerness ist kein Persönlichkeitsmerkmal. Außer, du möchtest es, wenn du es zum Beispiel als politisches Statement einsetzen willst. Ich wünsche mir, dass irgendwann queere Pärchen mit ihren Kindern und Hunden durch die Straßen laufen. Dass wir in einer gleichberechtigten Welt leben, in der wir alle wie Menschen behandelt werden. Ich hoffe, dieser Traum wird Realität.

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Foto: Anjelica Angwin

Du skatest, hast mit deinen Freunden Rap-Tracks aufgenommen – ein hauptsächlich cis-maskulines, manchmal sogar toxisches Umfeld. Wie hat diese Umgebung auf deine Queerness reagiert?
Ich gehe als heteronormativ durch, also meinte nie wirklich jemand zu mir: "Hey bro, you gay?" Aber das überhaupt erst zu fragen, kommt schon einem sozialen Suizid gleich. Früher habe ich ziemlich viel Scheiße gebaut, deswegen hatte ich Respekt in meiner Nachbarschaft, einer eher schwierigen Gegend. Aber ich kann mich noch an das erste Mal erinnern, als ich geweint habe, und ein anderer Junge zu mir meinte: "Wir weinen nicht. Wir zeigen keine Emotionen. Echte Männer haben keine Gefühle." Solche Bemerkungen greifen viel tiefer, als wenn dich jemand physisch attackiert. Als ich noch ganz jung war, habe ich begonnen, meine Nägel zu lackieren. Dafür musste ich auch einiges kassieren. Aber kämpfen kann ich, das ist kein Problem. Ich glaube fest an mein Recht, zu existieren.

Komischerweise haben mir gegenüber häufiger Frauen toxische Maskulinität reproduziert. Die Typen haben mich akzeptiert, weil ich witzig bin – ich war ihr weirder Freund . Die Frauen haben mich allerdings gefragt, ob ich mich habe testen lassen. Sie dachten, nur weil wir in einer offenen Beziehung waren, dass ich hirnlos mit jedem schlafen würde. Mit dieser Frage wollten sie eigentlich herausfinden, ob ich währenddessen was mit Männern hatte.

Welche Rolle spielt Community, insbesondere die queere Community in deinem Leben?
Community ist mir sehr wichtig, es ist der einzige Weg, um uns zu organisieren und Dinge zu verändern. Unsere Generation ist traumatisiert, da wir von Generationen aufgezogen wurden, die in Kriegs- und Nachkriegszeiten aufgewachsen sind. Einige von ihnen wissen nicht einmal, wie man ein Mensch ist, sie sind einfach im Überlebensmodus. Wir brauchen ein kollektives Heilen, eine universelle Therapie für die Menschheit.

Hier in Berlin gibt es eine echte queere Community. Die Leute bauen sich etwas auf und finden immer einen Weg, sogar noch die Menschen zu Hause zu unterstützen, selbst wenn sie ihnen nur ein paar Euro schicken. Dieses gegenseitige Unterstützen ist so unglaublich wichtig. Ich habe mich in Berlin mit ein paar Queers unterhalten, die mir von ihrem Outing gegenüber ihren Eltern erzählten. Die Reaktion der Eltern? "Aaah, das ist in Ordnung." In meiner Kultur ist das anders. Wenn meine Freund_innen ihren Eltern erzählt haben, dass sie gay sind, war das das Gegenteil von entspannt. Deswegen brauchen wir alle Community.

Worauf bist du besonders stolz?
Dass ich noch am Leben bin. Ich habe eine Borderline-Persönlichkeitsstörung und bereits einen Suizidversuch hinter mir – aber ich bin froh, dass ich noch hier bin. Ich habe ein bisschen Geld in meiner Tasche und kann mir etwas zu Essen kaufen. Und ich fühle mich der queeren Community so verbunden wie noch nie zuvor. Ich kann so sein, wie ich bin.

@prettyboydeatxwish

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Foto: Anjelica Angwin

May, 23, Oberstdorf

Für viele junge Menschen ist es der ultimative Traum, in die Großstadt zu ziehen – besonders, wenn sie in einer dörflichen oder kleinstädtischen Umgebung aufwachsen. Wie hast du deine Kindheit, deine Jugend erlebt?
Meine Kindheit in Oberstdorf war schön. Es ist so friedlich hier, du musst keine Angst haben. Keine Angst um nichts. Mein Nachbar lässt abends die Tür einfach offen, so ein Dorf ist das. Hier leben ungefähr 9.000 Menschen. Ein Ort, an dem viele Urlaub machen, eine kleine Touristenhochburg. Erst als ich älter wurde, wurde es schwieriger. Es gab keine Möglichkeiten, typische Teenie-Sachen zu machen. Zur nächsten Disko musste man erst einmal mit dem Zug fahren – und die letzte Bahn fuhr um Mitternacht zurück. Recht eintönig.

Außerdem hatte ich Probleme damit, tiefere Freundschaften aufzubauen. Es blieb eher an der Oberfläche, da ich nicht das Gefühl hatte, über meine inneren Kämpfe sprechen zu können. Ich hatte die Queerness ein bisschen in den Hintergrund geschoben und mir fehlten die Worte, das Wissen, das ich heute habe.

Du hattest also das Gefühl, deine Identität verstecken zu müssen?
Auf meiner Schule war ich die einzige Asiatin, ich war schon eine Art Alien alleine wegen meines Aussehens. Ich war immer recht androgyn. Und wenn du dann noch queer bist, kommt eine weitere Ebene dazu. Deswegen war ich recht distanziert gegenüber den anderen. Distanziert in dem Sinne, dass ich niemanden so richtig an mich herangelassen, keine Gefühle gezeigt habe. Im Hinterkopf war immer die Angst, geoutet werden zu können. Es ging so weit, dass ich noch nicht einmal andere Girls zur Begrüßung umarmte.

Ich habe eine Mauer um mich herum errichtet, um nicht zu zeigen, dass ich mich schwach gefühlt habe. Vieles war Schein.

Und trotzdem hast du dich entschieden, in Oberstdorf zu bleiben.
Ich bin stark mit meiner Heimat verbunden, ich mag es, zu Hause bei meinen Eltern zu sein. Es hat mich nie wirklich interessiert, in eine größere Stadt zu ziehen. Ich bin viel unterwegs, reise gerne, das befriedigt mich genug. Die Städte kann ich mir im Urlaub ansehen, ich kann zwei Wochen dort bleiben. Aber wenn es dann nach Hause geht, ist es schön.

Allerdings ist Bayern generell recht konservativ. Sollte ich irgendwann mal eine Partnerin haben, könnte es schon sein, dass es hier nicht zu hundert Prozent akzeptiert wird. Dafür müsste man vielleicht doch in die Stadt ziehen.

Existiert denn so etwas wie eine queere Community in deinem Dorf?
Das ist tatsächlich eine Katastrophe. Ich glaube, deswegen ziehen auch alle in größere Städte, dort hast du wirklich diese Community. In Oberstdorf gibt es das gar nicht. Der einzige Weg, mich mit den Leuten zu connecten, war durch das Internet. Ich habe nicht spezifisch nach einer queeren Community gesucht, sondern beispielsweise Leute durch einen Chat kennengelernt, die totale Frank Ocean-Fans sind. Auch wenn nicht alle Fans von Frank Ocean queer sind, so sind sie doch offener, akzeptierender. Diese Community war für mich ein sehr wichtiger Teil davon zu akzeptieren, dass ich selbst queer bin. Sie hat mir geholfen, mich so zu akzeptieren, wie ich bin.

Es klingt, als wäre das ein langer Prozess gewesen?
Es war schwer. In der Teenie-Zeit hatte ich meine Queerness zwar nicht unterdrückt, aber ein bisschen in den Hintergrund geschoben. Ich glaube, als ich 15, 16 Jahre alt war, gab es den Begriff noch nicht. Da wusste ich nicht wirklich, wo ich mich zuordnen soll. Das Wissen war einfach nicht da.

Damals war ich in einer Fernbeziehung. Zwar glücklich, aber immer noch sehr verschlossen und nicht wirklich reflektiert mir gegenüber. Ich hatte noch kein richtiges Coming-Out mir gegenüber – klar, du bist zwar in einer Beziehung, 'musst' dich allerdings nicht täglich mit jemandem zeigen, es kommt nicht hart auf hart.

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Foto: Anjelica Angwin

Hattest du das Gefühl, dich outen zu müssen oder war es etwas Unausgesprochenes?
Vor meinen beiden Schwestern habe ich mich geoutet. Vorher habe ich lange überlegt, ob es überhaupt notwendig ist, meine Queerness zu thematisieren, da sie sehr tolerant und aufgeschlossen sind. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich zwar nicht outen muss, mich ihnen aber offenbare wollte. Und sie haben – so wie ich es erwartet habe – gut reagiert.

Bei meinen Eltern ist es etwas anderes. Ich habe einen chinesischen Background, da ist es manchmal schwer, bestimmte Dinge zu thematisieren: Dating und Sex sind eher Tabu-Themen. Wir haben einfach nie darüber geredet. Aber falls wir darüber sprechen sollten, bin ich mir sicher, dass sie kein Problem mit meiner Queerness haben werden. Als sich meine Cousine geoutet hat, waren sie sehr akzeptierend. Nur ich war bisher noch nicht bereit dazu.

Vor Kurzem hatte ich auch ein Gespräch mit meinem 90-jährigen chinesischen Opa. Wir haben uns über die EU-Wahl unterhalten und er hat sich gewundert, warum die Grünen so stark sind. Ich habe ihm erklärt, wofür sie stehen, was sie machen, warum vor allem junge Leute sie wählen. Dass die Partei sich beispielsweise für die Ehe für Alle einsetzt. Daraufhin meinte er: "Wieso sollte ein Staat es verbieten, wenn sich zwei Leute lieben?" Ich wusste schon immer, dass meine Familie generell sehr tolerant ist, aber es war schön, so eine Aussage aus dem Mund meines Opas zu hören.

Wenn du zurückschaust auf deine Reise, auf deine Entwicklung, worauf bist du besonders stolz?
Darauf, dass ich endlich akzeptieren kann, wer ich bin. Dass ich reflektieren konnte, wieso ich so bin, wie ich bin. Als ich meinen Schwestern erzählt habe, dass ich queer bin, hat sich ein Schalter umgelegt. Obwohl ich immer eine enge Beziehung zu ihnen hatte, habe ich stets einen gewissen Abstand gehalten. Sie haben sich gefreut, dass ich mich ihnen gegenüber geöffnet habe und sie mich endlich fragen konnten, warum ich so distanziert war. In dem Moment habe ich realisiert, dass es daran lag, dass ich noch nicht mit mir im Reinen war.

In der Schule hatte ich das Gefühl, mich verstellen, mich verstecken zu müssen. Heute mache ich kein Geheimnis mehr um meine Sexualität, wenn ich neue Leute kennenlerne. Ich bin offen, meine Queerness ist ein Teil von mir. In den letzten Jahren konnte ich mich endlich befreien.

@35mmay

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Foto: Anjelica Angwin

Christian, 16, Dorf in Nordrhein-Westfalen *

Als ich dich für dieses Interview kontaktiert habe, wolltest du gerne deine Geschichte teilen, hattest allerdings Sorge wegen der Konsequenzen. Warum?
Ich weiß schon lange, dass mein Vater nicht der größte Fan der LGBTQ+-Community ist. Ich wurde aus Bulgarien adoptiert, meine Eltern sind recht alt. Meine Mutter ist noch etwas aufgeschlossener, wenn es um diese Thematik geht, mein Vater leider weniger … Er möchte nicht einmal zusammen mit mir durch die Stadt gehen. Ich glaube, er schämt sich manchmal, vor allem wenn ich geschminkt bin.

Deswegen möchte ich meine Erfahrungen und Erlebnisse mit anderen teilen, die zurzeit in einer ähnlichen Lebenssituation stecken. Ich möchte anderen helfen, ihnen zeigen, worauf es ankommt im Leben. Ich habe eine schwere Phase durchgemacht, immer noch, und es gab häufig sehr, sehr schlimme Gedanken in meinem Kopf. Doch ich möchte anderen zeigen, dass es nicht nur um den Zuspruch von Familie und Freund_innen geht. Dass sie sich nicht verändern müssen, um Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen. Dass sie ihre Wut nicht an anderen auslassen müssen.

Es scheint, als hättest du bereits einen langen Weg hinter dir.
Ich habe recht früh gemerkt, dass ich schwul bin und mich lange dafür geschämt – gehofft, dass es wieder weggeht. Es ging aber nicht weg und damit musste ich mich abfinden. Als ich dann mit meinen Eltern gesprochen habe, war die erste Reaktion nicht so schön. Langsam sind sie aber positiver gestimmt.

Heute bin ich cool mit meiner Sexualität, meiner Identität. Es wissen eigentlich alle aus meinem Umfeld Bescheid. Insgeheim glaube ich auch, dass mein Vater es schon lange wusste. Ich war immer ein bisschen anders, wollte lieber malen, statt Sport zu machen – ohne Stereotype zeichnen zu wollen. Trotzdem ist es befreiend, dass es jetzt alle offiziell wissen. Langweilig sein kann jeder, besonders sein nicht.

Große Beauty-YouTuber wie James Charles oder Patrick Starrr zeigen, dass Make-up keinen binären Gender-Grenzen unterliegt. Schminke für Männer wird immer mehr normalisiert. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr?
Ich finde es schön, dass es immer mehr respektiert wird. Als ich auf Klassenfahrt in Berlin war, war es ein tolles Gefühl, mehr geschminkte Männer zu sehen – einige kamen sogar auf mich zu und haben mich gefragt, welche Produkte ich benutze. Das mit dem Schminken fing bei mir schon früh an, so mit ungefähr zwölf. Ich habe die Foundation meiner Mutter benutzt, die aber viel zu dunkel für mich war. Dann kam die erste Mascara. Ich habe viel herumexperimentiert und war so stolz darauf, dass ich es unbedingt auch der Welt da draußen zeigen wollte.

Wenn ich mich schminke, dann kann ich mich von negativen Gedanken befreien, einfach abschalten. Es macht mir auch unglaublichen Spaß, andere zu schminken, sie zu stylen. Damit gebe ich anderen Menschen ein gutes Gefühl, die genauso Selbstzweifel haben wie ich.

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Foto: Anjelica Angwin

Würdest du dein Heimatdorf gerne gegen eine größere Stadt eintauschen?
Mein größter Traum ist es, irgendwann nach Berlin zu ziehen. Am liebsten würde ich jetzt schon meine Sachen packen und Make-up Artist werden.

Gibt es denn in deinem Dorf eine queere Community oder Safe Spaces, die du aufsuchen kannst?
In meinem Dorf leben um die 6.000 Menschen. Viele sind aufgeschlossen, viele gaffen aber auch. Morgens, wenn ich mit dem Zug oder Bus fahre, gibt es immer Leute – sogar gleichaltrige –, die mich anstarren, dumme Fragen stellen oder versuchen, mich fertig zu machen. Und das nur, weil ich nicht in ihr Weltbild passe. Deswegen bin ich in dieser Umgebung manchmal auch nicht so herzlich, wie ich es gerne sein würde.

Auch das Dating gestaltet sich hier sehr schwer. Es gibt zwar Treffpunkte in den nächsten größeren Städten, aber die Leute da sind recht … speziell. Viele wollen nur “das Eine”, darauf habe ich keine Lust. Es gibt ein paar Bars, aber da sind eigentlich nur die älteren Homosexuellen aus der Umgebung. Ganz viele machen ihre Sexualität hier in der Gegend auch gar nicht erst öffentlich – das ist ziemlich anstrengend.

Hilft dir das Internet dabei, eine Community zu finden?
Das Internet nutze ich eigentlich gar nicht, um Kontakte zu knüpfen. Ich habe Angst, dass es am Ende gar keine reale Person ist, sondern ich mit jemandem schreibe, der_die nur eine Online-Persona kreiert hat.

Worauf bist du besonders stolz?
Ich habe viel Scheiße erlebt. Menschen haben sich von mir abgewendet. Doch ich bin stolz darauf, dass das Verhältnis zu meiner Familie immer besser wird. Ich bin stolz darauf, mich ihnen anvertraut zu haben. Darauf, dass ich offen zu mir stehe.

* Identität wurde von der Redaktion anonymisiert

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Foto: Anjelica Angwin

Credits


Fotografie: Anjelica Angwin