Sylvie Weber

"Das ist so, als ob alle Außenseiter in einem Glitzer-Sandkasten zusammen spielen würden."

Jake Indiana ist Teil der Real Housewives of Neukölln. Zum Start unserer Themenwoche "Berlin's New Drag" beschreibt sie, was die Berliner Drag-Szene so besonders macht und wie ihr Drag geholfen hat, sich selbst zu finden.

|
Sep. 12 2017, 9:01am

Sylvie Weber

In unserer Themenwoche "Berlin's New Drag" erkunden wir, was und wer die Underground-Drag-Szene in der deutschen Hauptstadt so besonders macht. Alle Artikel findest du hier.

"Das gab es damals noch nicht, als ich nach Berlin gekommen bin", erzählt uns die Berliner Queen Pansy Parker und ihre Augen wandern über das Publikum ihrer wöchentlichen Show. "Es gab nur eine Drag-Szene, jetzt gibt es viele. Und das ist wunderschön", stößt es freudig aus ihr heraus und die Pailletten auf ihrem pinken Kleid schimmern im Licht, als sie sich hin und her bewegt. "Das ist so, als ob alle Außenseiter auf der Schule in einem Glitzer-Sandkasten zusammen spielen würden."

Ich bin noch nicht mal halb so lange in der Stadt wie Pansy, aber ich verstehe, was sie meint. Ich bin heute Abend hier, um Ida Entity zu unterstützen, eine Musikerin, mit der ich regelmäßig für die Real Housewives of Neukölln zusammenarbeite. Ida wurde genauso wie ich magisch von dieser Stadt angezogen und war auf der Suche nach dem richtigen Ventil, um sich künstlerisch auszuleben. Wir sind als Housewives zu einem der Zentren der Berliner Drag-Szene geworden und verkörpern stolz eine der vielen unterschiedlichen Facetten, die Berlin zu bieten hat. Dass wir heute da sind, wo wir sind, überrascht mich immer wieder, gerade was mich selbst angeht. Ich wollte gar nicht Teil einer Community zu werden, die eine so reiche Geschichte und so viele Bräuche hat. Nichts hat in meinem Leben darauf hingedeutet, dass ich mal Drag Queen sein würde.

Ursprünglich komme ich aus einer ländlichen Region in den Südstaaten und wollte in New York ein Performer und Teil der queeren Community werden. Das sollte sich aber als äußerst schwierig erweisen. Ich war jung, hatte kaum Geld und noch weniger Beziehungen. New Yorks Schwulenkultur kann sehr einschüchternd und ausgrenzend aus. Auch wenn ich unbedingt auf der Bühne stehen wollte, habe ich die Drag-Szene nicht ein einziges Mal als realistische Option betrachtet. Ich konnte mich weder schminken noch in High Heels laufen, und ich hatte nicht das Bedürfnis, das können zu müssen. In der Szene gelten ungeschriebene Gesetze und Gepflogenheiten, die mir viel zu strikt waren, um mit einem anderen Blickwinkel ranzugehen.

Nach einem dramatischen Finale in New York (und einem Vollzeitjob weniger) stand ich mit einem Koffer in Berlin. Auch hier kannte ich niemanden und habe mich deshalb sofort ins Nachtleben gestürzt — in die berühmt-berüchtigten ausschweifenden Berliner Partys, die ein ganzes Wochenende dauern, und in die Schwulenbars mit guten Bewertungen auf Yelp.

In einem Etablissement der zweiten Kategorie, einer Bar gemeinhin The Club genannt, habe ich begriffen, dass es in Berlin eine Drag-Szene gibt, die sehr anders ist, als alles andere, was ich bis jetzt kannte, und die sich enorm von den New Yorker Bars oder RuPaul's Drag Race unterscheidet. Die einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie sich beide Drag nennen, doch das Berliner Pendant hat nichts mit der Rigidität der amerikanischen Drag-Interpretation zu tun. Zwar gibt es in New York große Szenen für sowohl Drag Queens als auch Performance-Künstler, das besondere an Berlin ist jedoch, dass sich die beiden stark vermischen.

Meine erste Party im The Club war ein Cabaret der australischen Künstlerin Olympia Bukkakis als großmäuliger Conférencier, der weniger Drag Queen als viel mehr eine Mischung aus Stand-up-Comedian und Shock Artist war. Zwischen Abhandlungen über Marxismus und der Rolle von Drogen bei Schwulensex stellt sie ihre Künstlerfreunde vor. Einer der Gäste trug eine Latexmaske, während er über die Natur des Tunten-Seins dozierte. Meine Vorstellung davon, was eine Drag Queen ist oder wie sie sein wollte, wurde von Grund auf erschüttert.

Meine Vorstellung davon, was eine Drag Queen ist oder wie sie sein wollte, wurde von Grund auf erschüttert.

Kurz danach habe ich einige der fabulösen Charaktere kennengelernt, die Berlins Drag-Szene zu bieten hat, und ich wurde selbst Teil davon. Cher Nobyl, die im hinteren Raum vom The Club alle zwei Monate eine Talkshow mit Künstlern und Intellektuellen aus der ganzen Stadt veranstaltet, hat mich unter ihre Fittiche genommen und gemeinsam Cher Nobyls Cousine Cheryl erfunden. Sie ist eine Frau mittleren Alters, sie ist geschieden, sie hat eine Affinität für Popmusik und ein Herz aus Gold.

Seit diesem Schicksalstag beeinflusst Cheryl maßgeblich mein Leben. Es vergeht keine Woche, in der sie nicht in Erscheinung tritt – entweder mit ihren Kolleginnen von den Housewives oder alleine. Das, was Cheryl macht, als Drag zu bezeichnen, würde in die Irre führen. Sie singt nie Playback, sie schreibt stattdessen ihre eigenen Texte, um relevante gesellschaftliche Themen anzusprechen oder einfach nur jemanden für die Nacht klarzumachen. Auch wenn sie eine Frau ist, ist es ausdrücklich nicht mein Ziel, wie eine Frau auszusehen oder den Erwartungen des Publikums, wie eine Frau aussieht oder sich verhält, gerecht zu werden. Sie ist Drag, weil sie eine Figur ist, die mit der Geschlechtsidentität in einem performativen Setting spielt.

Ich benutze den Begriff "sie", um deutlich zu machen, dass sich Cheryl von mir, Jake, unterscheidet. Viele Queens machen keinen Unterschied zwischen ihrer Drag-Persönlichkeit und ihrer Persönlichkeit jenseits der Bühne. Für mich hat Cheryl aber Grenzen: Mit ihr entdecke ich meine eigene Persönlichkeit. Durch die Rolle der Cheryl kann ich meine femininere Seite erkunden und kann dadurch herausfinden, wie ich als Jake mein Gender präsentiere. Sie hat mein Leben verändert und sie zeigt mir, dass ich noch viel lernen muss.

"Wir sind einfach nur Künstlerinnen, die kein Talent haben." Auch wenn es witzig gemeint war, da ist wirklich etwas dran.

Olympia Bukkakis, mit der Cheryl mittlerweile eine monatliche Late-Night-Talkshow hat (Thema: Apokalypse), hat es am besten formuliert, als wir darüber sprachen, wie wir Drag Queens wurden: "Ich liebe es, wie wenig Queens eigentlich Drag Queens sein wollen", sagte sie lachend. "Wir sind einfach nur Künstlerinnen, die kein Talent haben." Auch wenn es witzig gemeint war, da ist wirklich etwas dran. Wir sind alles Kreative, die etwas mit Performance machen, und wir werden Drag Queens genannt, weil es bequem ist.

Das hat zu der zersplitterten und dennoch umwerfend einzigartigen Drag-Szene Berlins geführt. Wie Pansy mit ihrer Anthologie über den Glitzer-Sandkasten gesagt hat: Wir sind alles nur Außenseiter, jeder macht in seiner Ecke sein Ding. Das Schöne ist mittlerweile, dass wir uns alle besser kennengelernt haben und begonnen haben, zusammenzuarbeiten. Auch wenn es die schiere Anzahl an Performern unmöglich macht, dass es jemals eine homogene Szene geben wird, fühlt es trotzdem gut an, dass wir mehr voneinander sehen. Denn wir sind alle wunderschöne, queere Blumen mit schönen Geschichten, die wir erzählen wollen.