PETAs friedliche Demonstration während der London Fashion Week

Was radikale Anti-Pelz-Demonstranten über die Modewelt noch nicht verstanden haben

Viele Leute aus der Modebranche sind auch gegen die Verwendung von Pelz. Protestieren die Aktivisten also wirklich gegen Pelz oder eigentlich gegen die Mode selbst?

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Feb. 21 2018, 1:58pm

PETAs friedliche Demonstration während der London Fashion Week

Ich war dabei, als eine Armee von Anti-Pelz-Demonstranten letzte Saison den Eingang zu Gareth Pughs Spring/Summer 18 Show im Londoner IMAX blockiert hat. Ich habe nicht wie viele andere meiner Kollegen versucht, mir einen Weg durch die Menge zum Eingang zu bahnen, und bin damit den Beschimpfungen der Demonstranten entgangen. Die Atmosphäre war angespannt. Es war einschüchternd, und einige der Aktivisten waren richtig aggressiv. Die meisten Demonstranten, die ich bat, mich durchzulassen, taten das ohne Widerstand, viele riefen mir aber "Schäm dich!" hinterher.

Doch wer genau soll sich schämen? Gareth Pugh, der schon seit einiger Zeit in seinen Kollektionen ausschließlich Kunstpelz benutzt? Ich? Ich war schon immer Pelz-Gegnerin und lehne Einladungen zu Events, die von Pelz-Unternehmen und -Lobbyisten veranstaltet werden, stets ab und sage den Organisatoren direkt, warum ich nicht kommen möchte. Das alles erwähne ich nicht, um mich zu rechtfertigen, sondern um etwas deutlich zu machen, was vielen außerhalb der Modebranche nicht ganz klar zu sein scheint: überraschend viele aus der Modebranche sind auch Pelz-Gegner. Das kann nicht oft genug betont werden.


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Der i-D Fashion Features Editor (und ebenfalls Pelz-Gegner) Steve Salter hat letzte Woche live miterlebt, wie ein SURGE-Demonstrant bei der Mary-Katrantzou-Show auf den Laufsteg gestürmt ist, obwohl sie in ihrer Kollektion ausschließlich Kunst-Pelz verwendet. "Wie der Großteil der Industrie stehe ich voll und ganz hinter den Demonstranten und stimme zu, dass Pelz auf den Laufstegen der Welt nichts zu suchen hat, aber der Kampf muss an den richtigen Stellen geführt werden", sagt Steve.

i-D ist eines der einzigen etablierten Modemagazin, das Pelz von Anfang an verbannt hat. Das bedeutet aber nicht, dass Redakteure und Stylisten und andere Modemagazine die Verwendung bejahen. Klar gibt es einige, aber der Großteil ist dagegen. Wenn Redakteure und Stylisten vor einer Show beschimpft oder von Demonstranten bedroht werden, trägt das nicht dazu bei, dass sie den Pelz-Gegnern beitreten, denn das sind sie schon längst.

Vor jeder London Fashion Week führt PETA unter den Designern Umfragen durch, um herauszufinden, bei wem echter Pelz gezeigt wird. 94 Prozent der Designer haben diese Saison in ihren Kollektionen auf Pelz verzichtet. "Die Pelzindustrie wird schon bald Geschichte sein, weil immer mehr moderne Designer Nein zu Pelz und Ja zu innovativen, veganen Stoffen sagen", so PETA-Leiterin Elisa Allen. Vergangenen Freitag haben PETA-Aktivisten friedlich und oben ohne vor dem Veranstaltungsort demonstriert, und damit auf das Thema Pelz bei der Fashion Week aufmerksam gemacht, ohne einen einzigen Designer anzugreifen.

Die Demonstranten, die Mary Katrantzous Catwalk gestürmt haben, waren nicht von PETA, sondern von SURGE, einer Tierrechtsorganisation, die 2016 gegründet wurde. SURGE hat nicht sofort auf unsere Anfrage reagiert, über die Demo zu sprechen, aber Elisa Allen hat eine Stellungnahme zu Nicht-PETA-Protesten auf der LFW abgegeben und gesagt, dass diese "ganz und gar nicht im Stil von PETA waren", dass sie sich aber angesichts der brutalen Behandlung von Tieren in der Modeindustrie nicht wundere, dass "einige Leute auf friedliche Weise andere dazu bewegen wollen, sich vor Augen zu führen, wie grausam das eigentlich ist." Das ist völlig nachvollziehbar, lässt aber die Tatsache unter den Tisch fallen, dass diese Demonstranten ihre eigenen Verbündeten angreifen. Es ist keine entweder/oder-Situation: Man kann gegen Pelz protestieren und trotzdem keine Designer angreifen. Elisa sagt außerdem, dass "manche Leute ihr Verhalten erst ändern, wenn sie dazu gebracht werden, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Man bewegt etwas, indem man die Leute wachrüttelt." Aber die Modewelt hat sich schon darüber Gedanken gemacht. Wir müssen nicht während der geschäftigsten und stressigsten Zeit des Jahres wachgerüttelt werden.

Es ist aber völlig sinnlos, Leute zu beleidigen, die keinen Pelz tragen und zu Shows gehen, in denen keine Pelz-Kreationen zu sehen sind. Es waren Mitglieder von PETA, die vor Marc Jacobs Show (bei der – ihr ahnt es – Kunstpelz benutzt wurde) in New York demonstriert haben. Marc hat folgenermaßen auf seinem Instagram-Account darauf reagiert: "Für diesen und alle anderen Looks aus der Kollektion wurde Kunstpelz verwendet. Es gab keinen echten Pelz. Es ist eine Sache, zu demonstrieren, aber Leuten gegenüber handgreiflich und beleidigend zu werden, während man gleichzeitig gegen Grausamkeit gegenüber Tieren protestiert, ist einfach nur scheinheilig. #shameonme? Shameonyou!"

Vielleicht sind einige Demonstranten der Meinung, es sei gerechtfertigt, jede beliebige Fashion Show zu attackieren, weil sie Teil einer Industrie sind, die ein Pelz-Problem hat. 234.000 Leute haben eine Petition unterschrieben, in der der British Fashion Council (BFC) darum gebeten wird, Pelz bei der London Fashion Week komplett zu verbieten – etwas, das das BFC bisher nicht tun wollte. Indem willkürlich Redakteure und Designer angegriffen werden, lassen die Anti-Pelz-Aktivisten einen Konflikt entstehen, wo es eigentlich gar keinen gibt. Wir alle haben dasselbe Ziel. Arbeitet also mit und nicht gegen uns. Informiert euch, seid respektvoll und übt Druck auf eure echten Feinde aus, statt auf eure Freunde.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.