freizügige porträts von teenagerinnen, fotografiert von einer teenagerin

Die 18-jährige Fotografin Sophie Day dokumentiert New Yorks Jugendliche, ob sie nun angezogen sind oder nicht.

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Aug. 25 2015, 12:40pm

Die sonnigen Bilder in Sophie Days Debüt-Bilderserie "Mine" sind konfrontativ – oberkörperfreie Teenagerinnen in Springerstiefeln mit vernichtenden Blicken. Aus ihren Blicken spricht ein neues Bewusstsein im Moment des Triumphs: Sie nehmen ihre eigenen Körper wieder in Besitz – ganz im Gegensatz zu allem, was ihnen sonst gesagt wird. Die Bilder sind elektrisierend und atemberaubend und erzählen Geschichten.

Sophie hat gerade erst ihren Highschool-Abschluss gemacht und fängt diesen Herbst ihr Kunst- und Fotografiestudium am Institute of Art in Kalifornien an.

In letzter Zeit ruiniert Sophie ihre Fotos aus Absicht für Instagram: Sie zensiert die Brustwarzen mit schwarzen Balken. Das ist ihre Anti-Zensur-Message an alle Leute, die immer noch denken, dass die Körper von Frauen nur für die männliche Aufmerksamkeit existieren. Dadurch erhofft sie sich in einer Zeit, in der Instagram jedes Foto von sichtbaren weiblichen Brustwarzen löscht, dass junge Frauen neu über ihre eigene Körperwahrnehmung nachdenken.

"Für einige ist das ein ziemlicher Schock", sagt mir Sophie. "Mein Körper gehört mir, aber als Mädchen wird uns beigebracht, dass wir öffentliches Eigentum sind und dass unsere Sexualität jeden etwas angeht."


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Als ich auf das Dach im New Yorker Stadtteil Tribeca klettere, wo Sophie gerade ihr 24. Model - die 16-jährige Lumia Nocita - fotografiert, zieht sich Sophie gerade ihr schwarzes Top aus.

"Das verändert die Machtdynamik", erzählt sie mir. Sie gestaltet diesen Shoot so, wie sie sich auch für den Umgang mit Frauen wünscht: gleichberechtigt.

"Ich kann gar nicht glauben, dass du oberkörperfrei bist. Ich fühle mich so wohl", sagt Lumia.

Manchmal, wenn sie in Schlafzimmern fotografiert, wirft sie ein rotes Tuch über tragbare Leuchten, um den Raum in eine verträumte, scharlachrote Atmosphäre zu hüllen. Aber heute fotografiert sie draußen auf dem sonnendurchfluteten Dach in der Greenwich Street und drückt den Auslöser der Pentax K1000, die sie um ihren Hals trägt. Sie hat spitze Fingernägel und trägt Plateau-Schuhe, die sie auszieht, als sie auf der Leiter balanciert, um Lumia von oben zu fotografieren. "Wundervoll!", schreit sie.

Sie sagt den Models, dass sie beim Posieren über Macht nachdenken sollen und sie ist besessen von einfachen Hintergründen, damit "der Fokus auf den Mädchen liegt", erklärt sie.

Sophie gibt mehr zurück, als ihre Kamera nimmt. Die Mädchen sprechen sie selbst an, ob sie vor ihrer Kamera posieren können. Das passiert meistens nachdem sie ihren inspirierenden Tumblr-Blog oder ihren Instagram-Account gesehen haben, so habe auch ich die Fotografin im letzten Jahr entdeckt. Jedes Mädchen hat ein Mitspracherecht, was mit ihren Bildern passiert, denn jeder hat eine eigene Geschichte zur Körperakzeptanz. Bei allen ist die Geschichte auch noch nicht zu Ende erzählt.

Lumia sitzt mittlerweile und erzählt Sophie, wieso sie das Shooting machen wollte. Lumias Depression entwickelte sich in der Mittelschule, als sie die anderen Mädchen jeden Tag eine "Schlampe" nannten, weil bei ihr die Pubertät früh anfing. „Es geht darum, eine Scheiß-egal-Einstellung zu entwickeln", sagt Sophie zu Lumia in einer ungezwungenen Atmosphäre.

Wer ist diese 18-Jährige, die gegen körperliche Scham unter Mädchen kämpft und dafür eintritt, dass Mädchen sich von ihrer Unsicherheit verabschieden? Sophie wuchs im West Village auf und scheint sich bereits gut selbst zu kennen. Sie bietet die weibliche Solidarität, nach der sich junge Frauen sehnen. Die meisten ihrer Follower sind wie sie entsetzt über die Art und Weise, wie Instagram Frauen zensiert. Sophie macht auch nackte Selbstporträts und, ja, ihre Mutter findet ihre Fotos gut, aber einige Eltern kaufen ihr ihre Absichten nicht ab. Andere wiederum sind der Meinung, dass ihre Bilder nur eine weitere Manifestation der klassischen Objektivierung darstellen.

Mach' dich ruhig über ihre Absichten lustig, aber wenn du dich 50 Sekunden mit ihr unterhältst, stellst du fest, dass sie viel zu differenziert ist, um naiv zu sein. Sie weiß, wie sie mit den Leuten, die die Bewegung sexuell ausnutzen, umgehen muss. "Ich blocke die Leute, die es einfach nicht kapieren."

Ihre Empörung ist gepaart mit einer seltsamen Höflichkeit. Aber genau das ist es, was ihr hilft, die Leute von sich zu überzeugen. "Ich sage ihnen, dass es bei #FreeTheNipple nicht um Brüste geht. Es geht um die Betrachtungsweise des weiblichen Körpers und wie der weibliche Körper kontrolliert wird. Das geht soweit, dass ein weiblicher Körper als ungeeignet für kindliche Augen betrachtet wird, was lächerlich ist."

Als ich mit ihr über Selbsthass spreche, erhöht sich Sophies Stimmlage um eine Oktave. "Ich musste mich selbst erst einmal von dem Gedanken verabschieden, dass die Meinungen von Männern darüber bestimmen sollen, wie wir uns Frauen selbst wahrnehmen."

Sie schuf die Website Durable Girls, die als Plattform für ihre eigene Girlgang aus 18 jungen Künstlerinnen fungiert. Bei einem der Treffen der Gang, traf es sie wie ein Blitz: "Ich berührte meine Arme und Beine und begriff, dass es meine sind. Ich fing an zu weinen, weil ich es zum ersten Mal tatsächlich glaubte."

Was ist, wenn ihre Models dann doch überall an ihrem Körper rummäkeln? "Wichtig ist, dass man sie dafür nicht verurteilt, sondern Verständnis zeigt", sagt Sophie.

Einige Shootings bleiben Sophie im Gedächtnis. So fotografierte sie eine Balletttänzerin, die gerade aus einer Reha-Klinik aufgrund ihrer Essstörung kam. "Für sie war es so befreiend, ihren Körper zu zeigen", sagt Sophie.

Am Ende Shootings fühlt sich Lumia schwerelos, sie tanzt und springt vor der Kamera für die finale Pose. "Du bist in dem Moment wie in Rage", erzählt sie mir danach. "Diese Körperlichkeit verleiht mir ein neues Selbstbewusstsein. Es fühlt sich gut an, wenn dich eine Frau unterstützt. Sie ist einer der Gründe, wieso sich die Dinge ändern."


Sophie Day beim Fotografieren, oberkörperfrei (Foto: Ashley Hoffman)

@sophieday.nyc