Selah wears dress Tommy Hilfiger. Earrings Proenza Schouler.

autorinnen, sängerinnen, schauspielerinnen und frauenaktivistinnen—diese frauen inspirieren petra collins

Von der kultigen Kunst-Ikone Marilyn Minter über das neue Allround-Talent Tavi Gevinson bis hin zu dem zukünftigen Star Selah Marley hat Petra Collins acht wegweisende Frauen ausgewählt, deren Herangehensweise an Kunst, Musik, ans Schreiben und an...

von i-D Staff
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29 September 2016, 2:20pm

Selah wears dress Tommy Hilfiger. Earrings Proenza Schouler.

Selah Marley, Sängerin

Die 17-jährige Selah Marley tritt wahrscheinlich das beeindruckendste—und gleichzeitig einschüchterndste—Erbe aller Zeiten an. Als älteste Tochter des Musikgenies und der Fugees-Frontfrau Lauryn Hill und Enkelin der Reggae-Legende Bob Marley (ihr Vater ist Bobs Sohn, Rohan) liegt Selah die Musik im Blut. Als Kind ist sie mit ihrer Familie oft umgezogen, bevor sie sich dann endgültig in South Orange, New Jersey, niedergelassen haben. „Das schwierigste daran, aus einer berühmten Familie zu kommen, ist, dass man von Geburt an immer im Rampenlicht steht", sagt sie. „Es hört sich für manche vielleicht wie ein Traum an, aber es kann manchmal auch ein wenig überwältigend sein … Eine der irrtümlichsten Annahmen über mich ist, dass ich in meinem Leben noch nie Probleme gehabt habe", fährt sie fort. „Ich weiß, dass mein Leben nach außen hin vielleicht sehr glamourös und aufregend aussieht, aber jede Medaille hat immer zwei Seiten." Glücklicherweise hat Selah die Musik, durch die sie alledem entfliehen kann. Wie genau kann man sich also die Musik der Nachkommin von Lauryn Hill und Bob Marley vorstellen? „Futuristischer R'n'B", antwortet Selah stolz. „Oder zumindest ist das der Stil, den ich anstrebe." Eigentlich kann sie ihrer ganzen Familie für ihr musikalisches Talent danken, aber das wertvollste Geschenk hat ihr ihre Mutter Lauryn mitgegeben. „Meine Mutter hat mir die Freiheit gegeben, mich selbst zu entdecken", sagt sie. Außerdem hat sie dank ihr erfahren, was es bedeutet, eine Frau zu sein. „Wir Frauen tragen die Last aller Menschen um uns herum und schaffen es dennoch, uns um uns selbst zu kümmern. Wir sind in einem sehr ungewöhnlichen Haushalt mit einer unvergleichbaren Dynamik und unschätzbarer Energie aufgewachsen, die ich für nichts auf der ganzen Welt eintauschen würde."

Text: Tish Weinstock

Maia trägt eine Bluse von Maryam Nassir Zadeh. Rock: Wunderkind. Schuhe: Erdem. Socken: Pan & the dream. Kette: Tuza.

Maia Ruth Lee, Künstlerin

Maia Ruth Lee hatte eine ziemlich nomadische Kindheit: geboren wurde sie in Korea, aufgewachsen ist sie aber in Kathmandu, Nepal. 2011 zog sie dann in die USA, um ihrem Traum, Künstlerin zu werden, näher zu kommen. „Als in Nepal lebende Koreanerin mit britischer Schulbildung war mir eher schleierhaft, welche Rolle ich in der Gesellschaft einnehmen könnte", sagt Maia. „Aber seitdem ich nach New York gezogen bin, habe ich einige Erfahrungen gesammelt, die mir die Augen geöffnet haben. Auch wenn es sich sehr abgedroschen anhört, aber hier hat man ein ganz besonderes Gefühl der Freiheit, und selbst wenn alles immer noch total scheiße scheint und ein radikaler Wandel notwendig ist, hat Amerika mir die Gelegenheit gegeben, zu wachsen. Es hat mich sehr stark geprägt."

Maias Kunst ist sehr vielfältig: Zeichnungen, Drucke, Skulpturen und Fotos; abstrakte Formen aus Eisen; Muster aus einer verworrenen Mischung von Bildern und Sprachen. Sie hat Zines und Schmuck gemacht und zum Beispiel mit Tuza jewellry für eine Reihe heiß begehrter Vagina-Charm-Anhänger zusammengearbeitet. Sie ist der Inbegriff der Multidisziplinarität und folgt ihren kreativen Impulsen, wo auch immer sie sie hinführen und wo sie die interessantesten Ergebnisse erwarten kann. „Ich habe mich selbst die meiste Zeit meines Lebens als Außenseiterin gefühlt, und als Frau Künstlerin zu sein kann dieses Gefühl schon hervorrufen." Sie hat aber Hoffnung. „In der Kunstwelt wird der Kunst von Frauen immer mehr Beachtung geschenkt. Ich finde, dass es eine sehr interessante Zeit ist und bin froh, dass ich Teil dieses Wandels sein kann."

Text: Felix Petty

Lumia trägt ein Shirt und Jeans von Levi's. Hut: Vaquera. Handschuhe: Carolina Amato. Ohrringe: Annie Costello Brown.

Lumia Nocito, Fotografin

Für Lumia Nocito geht es beim Fotografieren nicht einfach nur darum, einen bestimmten Moment einzufangen oder Kunst zu machen. Ihr geht es darum, sich mit ihrer Umgebung auf bedeutungsvolle Weise auseinanderzusetzen. „Die Schönheit der Welt ist es, was mich durch meine Depression gebracht hat und mich immer noch durch das Leben bringt", sinniert die junge Fotografin über ihr Verlangen, die Welt um sich herum einzufangen. „Eine der größten Motivationen ist die Zufriedenheit, die ich daraus ziehe, anderen zu zeigen, wie ich die Dinge auf meiner Reise durch das Leben verinnerliche." Die gebürtige New Yorkerin lichtet auf extrem sensible und tiefgründige Weise Gesichter und Orte ab, die ihr Leben in der Millionen-Metropole ausmachen und beweist, dass Alter und Erfahrung nicht immer über dem Talent stehen. Inspirieren lässt sie sich von „der menschlichen Körpersprache und Energie" aus Cindy Shermans Arbeiten, Selbstvertrauen schöpft sie hingegen aus Petra Collins' Präsenz als „junge weibliche Künstlerin, die am Set das Sagen hat"—Girl Power ist für Nocito ein „grundlegendes" Element.

Text: Ryan White

Marilyn trägt einen Mantel von Miu Miu.

Marilyn Minter, Künstlerin und Aktivistin

Seit mehr als 30 Jahren kreiert Marilyn Minter bereits Kunstwerke, die sich auf einem schmalen Grat zwischen sexy und grotesk bewegen. „Ich habe mich schon immer besonders für die Dinge interessiert, die von der Kultur als oberflächlich und minderwertig abgetan werden, so wie Pornographie und Glamour—sie werden als uninteressant und unwichtig erachtet", sagt sie. Marilyns Arbeiten setzen sich mit der Spannung zwischen dem Schauen und Fühlen, dem Verlangen und der Unzufriedenheit auseinander. „Ich glaube, dass viele Frauen sich gerne schöne, glamouröse Dinge anschauen, gleichzeitig empfinden sie aber so viel Selbsthass—es ist ein ewiges Paradoxon von Liebe und Hass." Für ihre ersten Modeschauen musste Marilyn viel Kritik einstecken, weil manche Feministinnen meinten, dass ihre unverfrorene Verwendung pornographischer Bildsprache frauenfeindlich sei. „Damals war das für mich total furchtbar. Aber ich war jung und dachte mir ‚Leckt mich doch, das ärgert euch? Ich werde sogar noch weiter gehen' Bei der ersten Welle des Feminismus war ich einfach noch zu jung, aber ich erinnere mich, wie ich in einer dieser Talkshows Betty Friedan zugehört habe. Alle haben sich über sie lustig gemacht, aber ich fand das, was sie sagte und wofür sie stand, total sinnvoll."

Sexuelle Bildsprache, die sich mit der Lust der Frauen beschäftigt, ist weiterhin ein wichtiges Tool und umstritten wie zuvor, so Marilyn. „Es gibt immer noch eine riesige gläserne Decke, wenn man als junge Künstlerin mit sexueller Bildsprache arbeiten will", sagt sie. „Als Miley Cyrus bei den MTV Awards ihren Auftritt mit dem überdimensionalen Schaumstoff-Finger hingelegt hat, erfuhr sie von allen Seiten Slut-Shaming. Sie versucht, Herrin ihrer eigenen Sexualität zu sein. Es macht sowohl Frauen als auch Männern Angst, wenn junge Frauen sich der sexuellen Bildsprache bedienen. Ich denke, dass das immer noch ein Tabu ist. Ich liebe Petra Collins und Sandy Kim und all die junge Frauen, die ihre eigene Sprache entwickeln. Ich finde das fantastisch, eine echte Punk-Attitude, und ich bin nunmal ein alter Punk."

Text: Clementine de Pressigny

Carlotta trägt ein Kleid von Christopher Kane. Ohrringe: Proenza Schouler.

Carlotta Kohl, Künstlerin

Von ihren pastellfarbenen Traum-Landschaften bis hin zu ihren persönlichen Porträts ihrer engsten Freundinnen schneiden Carlotta Kohls Arbeiten alle Themen an, die mit Weiblichkeit zu tun haben. Als Tochter zweier Kreativer liegt Carlotta die Kunst im Blut, doch ihre Bestimmung hat die in Deutschland geborene und in Paris aufgewachsene Schönheit erst nach ihrem Umzug nach Long Island gefunden. „Ich habe mich schon immer kreativ ausgedrückt", erinnert sich die 23-Jährige. Nachdem sie von ihrem Fotografiestudium enttäuscht war, wandte sie sich Skulpturen zu und begann, an einer Reihe von Wachsbildern zu arbeiten. „Diese Verbindung hat mir lange gefehlt, ich wollte sie spüren und meiner Stimme Gehör verschaffen." Das soll aber nicht bedeuten, dass sie die Fotografie komplett links liegen gelassen hat. Ganz im Gegenteil: Mit der äußerst persönlichen Herangehensweise an ihre Motive und ihrer traumhaften Ästhetik wird sie in der Modebranche gerade zu einer der interessantesten Newcomerinnen und hat bereits Editorials für Jalouse und L'Officiel Paris geschossen. Carlotta setzt sich mit unterschiedlichen Mitteln mit Themen wie Sex, Objektifizierung und der weiblichen Form auseinander und strebt an, mit ihren Arbeiten letztlich die vielen Facetten der weiblichen Erfahrung auseinander zu nehmen. Doch als feministisch will sie ihre Arbeiten trotzdem nicht unbedingt beschreiben. „Ich bin Feministin. Ich bin Künstlerin. Aber meine Arbeiten haben nie den Anspruch, feministisch zu sein", erklärt sie. Carlotta ist sich einfach des Trends bewusst, im Laufe dessen andere Künstler sich feministischer Tropen bedienen, um Aufmerksamkeit auf ihre Arbeit zu ziehen, weil es gerade in ist. „Wir müssen aufpassen, dass dadurch nicht die wahre Botschaft des Feminismus vernachlässigt und verdünnt wird." Die Zukunft hält für Carlotta so einiges bereit: Wenn sie nicht gerade modelt oder mit ihren Freunden in East Village unterwegs ist, sitzt sie in ihrem Studio und arbeitet an magischen Kunstwerken. Da sie für die Zukunft auch eine Filmkarriere nicht ausschließt, ist es so gut wie sicher, dass wir schon bald sehr viel mehr von Carlotta hören und sehen werden.

Text: Tish Weinstock

Torraine trägt einen Jumper von Hardeman. Jeans: Diesel. Ohrringe: Toga.

Torraine Futurum, Künstlerin

„Ich wollte unbedingt auf diesem Planeten landen", sagt die selbsterklärte Außerirdische Torraine Futurum, „allerdings nicht so heftig und stürmisch, wie ich es dann getan habe." Die Frau, die vom Himmel fiel, landete nämlich nicht schon als das selbstbewusste Model/Künstlerin auf der Erde, als das man sie auf dem Laufsteg von Rio Uribe's Gypsy Sport oder in Carly Rae Jepsens Video zu „Boy Problems" zusammen mit Tavi Gevinson und Barbie Ferreira gesehen hat. Stattdessen hat die junge New Yorkerin im Jahr 2014 alles verloren („Ich versichere euch, ich übertreibe nicht. Ich habe alles verloren, außer meinen Herzschlag.") und musste ganz von vorne anfangen. Oder, wie sie es formuliert: „Ich hatte die Gelegenheit, darüber nachzudenken, wer ich wäre, wenn ich ganz alleine auf der Welt wäre." Mit einer Reihe kathartischer Selbstporträts mit dem Titel Transgression: A Self-Centered Art Project wollte sie die Jahre ihrer Verwandlung—und all die Fantasien, Wünsche, Liebesbriefe und Frustrationen, die sie währenddessen über Bord geworfen hat—dokumentieren. „Ich glaube an die Macht der Kunst. Ich weine total oft, wenn ich einen tollen Song höre, berührende Fotos oder Filme sehe, und selbst bei schönen Frisuren und Make-up-Looks kommen mir die Tränen", sagt sie. „Liebe und Kunst sind die zwei reinsten Dinge auf der Welt. Und im Gegensatz zur Liebe kann man Kunst immer machen."

Text: Matthew Whitehouse

Tavi trägt ein Kleid von Erdem.

Tavi Gevinson, Schauspielerin und Chefredakteurin von Rookie

Die Schauspielerin, Chefredakteurin und das Allround-Talent Tavi Gevinson ist erfolgreich, schön und nicht aufzuhalten. Sie ist ein Vorbild für junge Frauen und beweist immer wieder, dass man auch mit 20 schon so einiges erreicht haben kann. In diesem Jahr hat Tavi bereits neben Saoirse Ronan in Arthur Millers Theaterstück Hexenjagd am Broadway gespielt, mit den Proben für ihr nächstes Stück begonnen (Tschechows Der Kirschgarten) und Gäste für den Rookie Podcast interviewt, der diesen Herbst starten soll. Zusätzlich arbeitet sie zusammen mit ihren sechs Redakteuren extrem erfolgreich am Online-Magazin. „Ich habe definitiv nicht damit gerechnet, dass aus meinem Blog etwas so großes werden würde, aber ich bin froh, dass ich bei Rookie und beim Schreiben von Artikeln immer noch ich selbst sein kann, und die Schauspielerei habe, wo ich jemand neues sein kann", sagt sie. Rookie wurde 2011 gegründet und hat eine neue Ära von Webseiten von Frauen für Frauen eingeläutet. Auf Rookie werden Frauen dazu ermutigt, anders zu denken; und statt die ewig gleichen Hollywood-Stars zu feiern, werden hier jungen Frauen, die einfach sie selbst sind, ins Rampenlicht gerückt. Rookie hatte definitiv einen Dominoeffekt und jetzt, fünf Jahre später, gibt es auf Instagram etliche Kollektive und eine ganze Reihe unterschiedlicher, handgemachter Zines, die die tradierten Bilder der jungen Frau in frage stellen. „Ich finde es fantastisch, dass immer mehr Leute selbstbewusst sind und ihre Sachen veröffentlichen und ihre Gemeinschaft finden! Rookie kann nicht jedem hundertprozentig gefallen, aber wenn es jemanden dazu anregt, etwas Neues ins Leben zu rufen, dann ist es genau das, was ich mir immer gewünscht habe", sagt Tavi.

Text: Lynette Nylander

Jamia trägt ein Oberteil von Kenzo. Ohrringe: Annie Costello Brown.

Jamia Wilson, Autorin und Aktivistin

Jamia Wilson ist Autorin, Frauenaktivistin und Veranstalterin. Als Geschäftsführerin der Women, Action, & the Media (WAM!) ist sie eine der führenden Stimmen im Kampf für die Geschlechtergleichstellung in den Medien. „Wenn die Geschichten, Erfahrungen und Weisheiten eines bedeutsamen Teils unserer Gesellschaft aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen werden, verlieren wir dabei alle", sagt sie und weist darauf hin, dass lediglich 5 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt sind. „Der Mangel an Frauenstimmen trägt dazu bei, dass sich uralte Stereotype verfestigen und die Handlungsmacht, Stärke und Führungsqualitäten von Frauen untergraben werden", fügt sie hinzu.

Jamia hat bereits einen Beitrag für eine Sammlung von Aufsätzen über Madonnas Einfluss auf die Frauenwelt verfasst und ist gerade dabei, ein Buch über den einflussreichen Pop-Feminismus von Beyoncé zu schreiben. „Beyoncé schickt den Frauen eine wertvolle Botschaft: Du bist der CEO deines eigenen Lebens", sagt sie. „Beyoncé ermutigt uns dazu, unser eigener Boss zu sein und unser Leben selbst in die Hand zu nehmen—in der Arbeit und auch im Privaten."Es überrascht also nicht wirklich, dass Jamia für das Online-Magazin Rookie schreibt. „Es hat eine ganz eigene Art Dinge darzustellen. Rookie möchte bewusst Bilder unterschiedlicher Mädchen und junger Frauen zeigen, ohne sie zu kommerzialisieren oder zu sexualisieren", sagt sie.

Text: Charlotte Gush

Credits


Fotos: Petra Collins
Styling: Stella Greenspan
Haare & Make-up: Silvia Cincotta verwendet YSL Beauté.
Fotoassistenz: Lumia Nocito.
Stylingassistenz: Alexandra White, Chris Lee.
Produktion: Caroline Stridfeldt, Natalie Pfister.
Produktionsassistenz: Rachel Kober.
Models: Selah Marley. Jamia Wilson. Marilyn Minter. Maia Ruth Lee.
Tavi Gevinson. Torraine Futurum. Lumia Nocita. Carlotta Kohl.