die ästhetik der unästhetik

Ist die weibliche Darstellung auf Fotos zu inszeniert? Was ist natürlich? Kann Fotografie feministisch sein? Mit ihrer neuen Fotoserie „Female Trouble“ setzt sich die junge Fotografin Anny Lutwak mit diesen Fragen auseinander und hinterfragt die...

von Blair Cannon
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26 Mai 2016, 12:30pm

Mit nur 13 Jahren hat Anny Lutwak bereits mit dem Fotografieren und dem Experimentieren mit Farbfilmen angefangen. Mittlerweile studiert die junge Künstlerin am Bard College und erkundet mit ihrer Fotografie das Thema weibliche Sexualität und die Politik, die der Darstellung von Frauen steht. In ihrer neuen Fotoserie „Female Trouble" wendet sie sich den körperlichen Problemen von Frauen zu. Es geht um die Art und Weise, wie Themen wie häusliche Gewalt, sexuelle Unterdrückung und Body-Image verdeckt, ästhetisiert und trivialisiert werden. Die Fotografin zeigt die Realität von Frauen und versteckt sie nicht hinter hochstilisierten Aufnahmen. Auf einigen der Fotos zeigt sie die Auswirkungen von körperlichem Missbrauch ziemlich drastisch und auf anderen sind die Auswirkungen weniger direkt sichtbar. Wir haben mit der Fotografin darüber gesprochen, wie die weibliche Erfahrung bildlich dargestellt wird und wie Frauen wieder die Kontrolle über diese bildliche Darstellung erlangen können.

Wie ist diese Fotoserie zustande gekommen?Die Fotos selbst haben einen Denkprozess bei mir ausgelöst. Anfangs sollte das Projekt so eine Art Studie über die Inszenierung von Weiblichkeit werden und das mit der Tatsache verbinden, dass viele Probleme, vor denen Frauen stehen, ignoriert oder als falsch angesehen werden. Als ich die Idee und die Fotos zusammengestellt habe, habe ich meine eigene Position in diesen Situationen hinterfragt. Ich bin nicht qualifiziert genug, um über einige der Dinge, die ich in den Fotos thematisieren, zu sprechen. Trotzdem sind es meine Fotos. Ich wollte einfach sehen, wie weit ich mit meinen Fotografien gehen kann, oder wie weit ich gehen sollte.

Warum hast du inszenierte Situationen fotografiert?
Ich meinen Arbeiten wechsle ich zwischen inszenierten und nicht inszenierten Situationen—es kommt auf das Projekt an. Es geht hier um die Idee, dass statt der Realität eine Fantasie gezeigt wird. Das etwas arrangiert wird, sonst wird es als wahr empfunden. Für mich war es da nur logisch, damit zu übertreiben. Es ist ein Spiel. Frauen müssen sich rechtfertigen und das ist meine Reaktion darauf: „Ihr glaubt, dass wir uns das ausdenken? Hier ist der Beweis: gefakt, schön und verpackt mit einer kleinen Schleife." Unsere Probleme sind nicht schön oder einfach zu lösen. Sie sind real, sie sind schrecklich und die Leute müssen sie ernst nehmen.

Wird erwartet, dass die Bilder von Frauen inszeniert sind?
Es gibt definitiv eine Erwartungshaltung, dass Frauen sexy sein müssen. Oder um genauer zu sein, dass Frauen auf Fotos eine sexualisierte Rolle übernehmen oder als Objekte dienen (wie auch im wahren Leben). Viel hängt auch von der Beziehung zum Fotografen ab. Persönlich interessieren mich die Momente, in denen die Person nicht so sehr auf die Kamera fokussiert ist. 

Wer sind die Frauen in den Fotos?
Das sind Freundinnen von mir. Ich kenne die meisten gut. Für mich war der individuelle Aspekt bei dem Projekt aber nicht so entscheidend. Ich habe mir natürlich Gedanken darüber gemacht, wer sich bei was wohlfühlen würde. Jede hat ihre Erfahrungen damit, aufgrund unseres Geschlechts nicht ernst genommen zu werden. Bei dem Projekt geht es weniger um die individuellen Erfahrungen meiner Freundinnen, sondern viel mehr um das Ganze.

Warum hast du ein männliches Aktbild verwendet? Weshalb hast du den Penis so dekoriert?
Ich wollte die weibliche Objektivierung des männlichen Körpers miteinbinden, sozusagen als Umkehrung der male gaze. Für mich existieren diese Bilder in einer Welt, in der alles einen ästhetischen, klassisch weiblichen Touch hat. Das ist in der Kunstwelt mit einem Stigma behaftet. Weibliche Kunst wird oft als weniger fundiert, weniger gut in der Ausführung oder sogar als kitschig angesehen. Mit dieser Haltung wollte ich spielen und die Fotos so gestalten, das sie andere Frauen bestärken

.

Kann Fotografie ein emanzipatorisches Mittel zur Selbstdarstellung sein? Oder macht es Frauen nicht doch nur zu Opfern?
Ich denke, dass Fotografie in beide Richtungen gehen kann. Es gibt Fotografien, in denen die Probleme von Frauen nur eine Ästhetik sind. Aber Fotografie kann auch ein emanzipatorisches Mittel für mehr Selbstdarstellung sein. Darauf ist mein Projekt eine Reaktion. In letzter Zeit habe ich viele beeindruckende Arbeiten von Personen gesehen, die sich als Frauen identifizieren und die sich in dem emanzipatorischen Spektrum bewegen. Solange wir Frauen die Kontrolle darüber haben, wie wir unsere eigenen Erfahrungen darstellen, ist es positiv.

annysasha.com

Credits


Text: Blair Cannon
Fotos: Anny Lutwak

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