iris della roca fragt kinder aus rio nach ihren träumen

Was möchtest du werden, wenn du groß bist? Ob Gangster, Topmodel oder Magier, die Träume der Kinder aus Rio de Janeiro unterscheiden sich nicht viel von unseren. Das Mitglied des Künstlerinnenkollektivs World Wide Women, Iris Della Roca, war in den...

von Stuart Brumfitt
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16 März 2015, 12:15pm

The boss at the beach, Pedro Henrique, 6 years, Favela of Vidigal, 2009, Rio de Janeiro.

Die französische Fotografin Iris Della Roca porträtiert Kinder, die sie in Rio de Janeiros Rocinha Favela kennenlernte und deren Zukunftsträume sie festhielt: Filmstars, Models, Magier und Chef einer großen Firma. Wir sprachen mit ihr über das Künstlerkollektiv World Wide Women, den Jungen, der gerne anderen Anweisungen gibt, und über das Mädchen, das sich gerne eintausend Mal am Tag im Spiegel betrachtet.

Warum bist du von Paris nach Rio gezogen?
Ich habe Familie dort und mich hat Rio immer angezogen: der Mix aus Stadt und der Natur in der Umgebung. Die Energie dort ist so stark, dass sie mich gleich gefangen genommen hat. 

Warum hast du dich dazu entschlossen, in einem Favela zu leben? 
Das war Zufall. Anfangs wohnte ich bei Freunden in Ipanema, nach drei Monaten lernte ich durch einen anderen Freund eine Familie kennen, die ein Zimmer mit Blick aufs Meer vermietete. Es war magisch, also entschied ich mich, dorthin zu ziehen! Das Leben im Favela war immer angenehmer, weil es so ist, als würde man in einem kleinen Dorf leben. Man lernt seine Nachbarn kennen und man sieht sie die ganze Zeit. Kinder, die in der Nähe wohnten, wurden meine Freunde und sehr schnell kannte ich alle. 

Das Topmodel, Isabelly ,13 Jahre, Rocinha Favela, 2011 Rio de Janeiro.

Hat sich die Situation im Rocinha-Favela verbessert? Einige Favelas werden zu etablierteren Stadtteilen.
Ja, hat sie. In der Favela gibt es Polizei und es wurde ein offizieller Ort zum Leben, indem die Bewohner ihr Eigentum besitzen können. Der ganze Ort ändert sich langsam. Das bedeutet nicht, dass die Probleme alle gelöst sind, aber das Gesicht ändert sich, weil es teurer wird, dort zu leben, und die Preise für Lebensmittel und Annehmlichkeiten immer weiter ansteigen.

Wer sind die Kinder auf den Fotos?
Alle sind Kinder, die ich durch die NGO, für die ich gearbeitet habe, kennengelernt habe. Rocinha hat 70.000 Bewohner. Die Kinder gehen morgens zur Schule, haben also am Nachmittag frei, aber ihre Eltern arbeiten den ganzen Tag. Da setzt die NGO an: Sie bietet künstlerische Aktivitäten an, damit die nicht den ganzen Nachmittag dem Nichtstun überlassen sind. Sie stammen aus unterschiedlichen Familien, manche leben in Armut und andere nicht, einige werden sehr von ihrer Familie geschützt und andere nicht.

Kannst du uns ein paar der Charaktere beschreiben?
Alle haben ihre eigene, einzigartige Persönlichkeit. Die Aufnahmen sind jedoch eine übertriebene Darstellung davon, wer sie sind. Hinter dem Bild, das die meisten von einem armen Favela-Kind haben, steckt jemand, der nur darauf wartet, sich präsentieren zu können. Es gibt zum Beispiel ein Bild von einem Boss. Ich kenne den kleinen Jungen jetzt seit sechs Jahren und ich war alles andere als überrascht, als er mir sagte, dass er im Bild als Boss erscheinen will. Er gibt gerne jedem Anweisungen und fällt die Entscheidungen in seinem Freundeskreis. Das Mädchen, das wie eine Diva angezogen ist, singt die ganze Zeit und betrachtet sich selbst eintausend Mal am Tag im Spiegel. Sie verlässt erst das Haus, wenn sie total rausgeputzt ist.

Die Reichen am Strand, Vidigal Favela, Rio,de Janeiro, 2009

Erzähle uns mehr über World Wide Women Projekt? Wie kamst du dazu? Und wofür steht es?
World Wide Women ist eine Kollektiv von Künstlerinnen, hauptsächlich Fotografinnen, die auf der ganzen Welt arbeiten, aber deren Werke thematisch verbunden sind: Emanzipation und Unterstützung von Weiblichkeit. Durch Gruppenausstellungen, Kollaborationen und gegenseitige Unterstützung bei Einzelprojekten versucht das Kollektiv, die Praxis seiner 35 Mitglieder in dem digitalen Zeitalter zu fördern. Durch digitale Medien können sich Künstler aus der ganzen Welt gegenseitig beeinflussen. Ich traf die Gründerinnen von WWW und war erfreut, als als sie mich fragten, ob ich dem Kollektiv beizutreten will.

Kannst du ein Foto auswählen, das das Projekt am besten zusammenfasst?
Das ist eine schwierige Frage, aber vielleicht das Bild vom Filmstar. Man sieht dieses junge Mädchen in der Pose eines Filmstars. Mit dem Anmut in ihrer Pose und der Magie des Moments, sie ist der Star! Die Häuser hinter ihr, die Favela, die Unterwäsche, die draußen hängt, das alles verschwindet hinter ihr, und fügt dem Foto eine neue Bedeutungsebene hinzu. Das ist das Ziel des Projekts: etwas hervorheben, da bereits existiert, aber auf den ersten Blick nicht sofort sichtbar ist. Die Kinder triumphieren über ihre Lebensbedingungen, sie verändern die Gesellschaft, in der sie leben. Sobald sie sich anderes wahrnehmen, tut es auch jeder andere.

irisdellaroca.com

Credits


Text: Stuart Brumfitt
Fotos: Iris Della Roca

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