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detroit ist mehr als eine geisterstadt

Der Fotograf Ben Burgess möchte unseren Blick auf Detroit ändern und das, obwohl er selbst nicht Teil der dortigen Community ist. Wird sein Vorhaben gelingen?

Kasumi Borczyk

Photography Ben Burgess 

Schon bevor Detroit im Jahr 2013 Insolvenz anmeldete, war die Stadt und verfallenen Häuser und bankrotten Unternehmen beliebtes Ziel von vielen Fotografen. Was anfangs noch gespenstisch anmutete, entwickelte sich schnell zu inhaltsleeren Kommentaren über den städtischen Verfall. Als der australische Fotograf Ben Burgess Anfang diesen Jahres in der Stadt war, merkte er, dass diese Perspektive der Stadt nicht ganz gerecht wird. Für ihn feiert die Stadt ihre Wiedergeburt. Mit seinen Arbeiten, die bald als Bildband erscheinen, möchte er die bisher vorherrschende eindimensionale Außenperspektive verändern. Und dabei ist er sich durchaus darüber bewusst, welche Schwierigkeiten das mit sich bringt—weil er als Australier selbst zu diesem Eindruck beiträgt.

Erzähle uns mehr von deinem Projekt!
Ich wollte über Detroit sprechen, ohne mich dabei auf Dinge wie die Wohnsituation zu versteifen und stattdessen die Wiedergeburt der Stadt nach ihrer Insolvenz 2013 ins Zentrum meiner Arbeit stellen. Das ist mein Versuch, den Menschen von Detroit eine Stimme zu geben und nicht diese gefakte Außenperspektive einzunehmen, dass die Stadt in Trümmern liege. Dafür habe ich mit Einheimischen gesprochen und zusammengearbeitet. Das Buch erscheint mit meinen Bildern und zusammen mit Texten von lokalen Autoren und Poeten aus Detroit.

Detroit eilt definitiv ein gewisser Ruf voraus. War diese negative Wahrnehmung anfangs schwierig zu überwinden?
Wie es der Zufall so wollte, war das Wetter einfach fantastisch, als ich da war. Der Himmel war fast immer blau und die Sonne schien auch immer. Ich habe im Zentrum übernachtet und habe mich noch nie so zu Hause gefühlt. Jeder war so zuvorkommend und hatte Zeit. Ich fühlte mich nie unsicher oder hatte irgendwelche Probleme. So was hatte ich in einer Stadt noch nie erlebt. Auch wenn es viele unbewohnte Häuser und ein großes Problem mit Brandstiftungen gibt, die Leute machen das Beste daraus. Es wird in die Jugend investiert und sie arbeiten daran, dass die Stadt ein besserer Ort wird.

Hat dich Detroit schon immer interessiert?
Mich hat immer erstaunt, wie viele Leute über die Stadt sprechen. Und mich hat die Musikszene interessiert, die sich dort entwickelt hat, und dass Detroit in den 90ern mal als progressivste Stadt auf der Welt galt. Was mich aber immer sehr inspiriert hat: dass jeder dort ein Projekt hat. Es gibt Urban-Farming, Poetik-Workshops für Kinder—und die Leute machen all das einfach freiwillig.

Du kommst aus Melbourne. Warst du dir darüber bewusst, dass du eine Geschichte schreibst und damit eine Autorenschaft beanspruchst, die dir vielleicht gar nicht zusteht?
Ja, das war mir bewusst. Deshalb habe ich gerade bei diesem Projekt sehr genau darauf geachtet, dass ich den Menschen zuhöre. Normalerweise bleibe ich beim Fotografieren ziemlich im Verborgenen. Aber in diesem Fall habe ich mit jeder Person gesprochen, bevor ich überhaupt ein Foto gemacht habe und wollte ihnen Respekt entgegenbringen. Das ist doch immer so: Auch wenn man über Leute redet, mit denen man sich verbunden fühlt, musst du dein Bestes geben, um ihre Geschichte zu erzählen und Fotografie als Mittel zu nutzen, um sie zu präsentieren, sich aber nicht zum Anwalt für sie aufschwingen. 

@_benburgess

Credits


Text: Kasumi Borczyk
Fotos: Ben Burgess