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im jahr 2016 geht es nicht um die frage, woher du kommst, sondern welche orte du dein zuhause nennst

Im Laufe unseres Lebens werden wir vielleicht an unterschiedlichen Orten leben - oder Menschen kennen, die ins Ausland gehen. Oder aber Menschen kennenlernen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Wenn wir Menschen nur auf ihr Herkunftsland beschränken...

von Dean Kissick
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12 August 2016, 1:45pm

Woher kommst du? Oder ist dir die Frage zu kompliziert? Taiye Selasi, 36, Autorin und Fotografin, plädiert für eine viel bessere Frage: Mit welchen Orten fühlst du dich verbunden? Auf ihren Buchreisen hatte sie allmählich die Nase voll von der Art und Weise, wie sie vorgestellt wurde: England, wo sie geboren wurde; aus den USA, wo sie aufgewachsen ist; Ghana, wo ihr Vater aufgewachsen ist; oder Nigeria, wo ihre Mutter aufgewachsen ist. Für sie war jede dieser Einführungen eine Lüge. Manchmal wurde sie auch als „multinational" vorgestellt, was auch nicht stimmt, wie sie in ihrem TED-Talk erwähnt: „Nike ist multinational, ich bin ein menschliches Wesen."

So viele von uns wohnen heutzutage im Ausland, an so vielen unterschiedlichen Orten, ohne dass wir uns irgendwo wirklich richtig zugehörig fühlen. Ich zum Beispiel: Ich wurde 1983 im Landstuhl Regional Medical Center, ein großes Armeekrankenhaus der US Army in Westdeutschland, geboren—im damals noch geteilten Deutschland. Deshalb habe ich einen amerikanischen Pass, auch wenn ich nicht in den USA geboren wurde. Woher komme ich? Ich habe nie ein Wort Deutsch gesprochen. Mit fünf Jahren bin ich mit meiner Familie nach England gezogen. Nur selten besuche ich meine Großeltern in Yokohama, aber ich habe nie japanisch gelernt. Noch seltener habe ich die Mutter meines Vaters in den USA besucht. Ich habe nie dort gelebt. Letztes Jahr bin ich nach Los Angeles gezogen. Ich habe das Gefühl, dass ich nirgendwo so richtig herkomme—und das ist total in Ordnung.

Ich mag diese Einzigartigkeit. Doch aus der Ausnahme wird immer mehr die Norm. Der Modedesigner Ryan Lo sagt dazu: „Ich betrachte mich gerne in jeder Situation als Minderheit. In Großbritannien sage ich zu den Leuten, dass ich bei NEWGEN der einzige asiatisch-chinesische Typ aus Hongkong bin. Als ich mit Fashion East auf der Shanghai Fashion Week war, war ich der britische Designer aus London. Ich mag meine vielschichtigen Identitäten. Das ist wie Bruce Wayne und Batman, ich bin eben beides."

Ein und dieselbe Person kann in ihren unterschiedlichen Heimatstädten komplett anders betrachtet werden, vor allem im Zeitalter der Globalisierung. In Los Angeles gelte ich aufgrund meines Akzents als Britin, was als viel exotischer angesehen wird als mein japanisches Aussehen. Die Stadt fühlt sich trotzdem für mich wie mein Zuhause an, genauso wie London, wo ich—mehr oder weniger—wie jeder andere behandelt werde. Wann immer ich den Dior Menswear Store im Bicester Outlet Village besuche, werde ich auf Chinesisch angesprochen, weil die speziell ausgebildeten chinesisch sprechenden Angestellten denken, dass ich ein Tourist aus Fernost auf Shoppingtour bin. Wenn ich in Japan bin, hat niemand eine Idee oder Vorstellung, was ich bin. Der Comedian Aziz Ansari war neulich auf einer kulinarischen Tour durch den Süden Indiens und hat etwas Ähnliches erlebt. Plötzlich war er Teil der Mehrheit, jedenfalls was das Aussehen betrifft. Die meisten wussten, dass er nicht aus Indien stammt und dass er ein Außenseiter ist. „Als ich noch in derselben Woche zurück nach New York geflogen bin", schrieb er, „dachte ich darüber nach, wie verrückt es eigentlich ist, dass ich im Laufe von 32 Jahren nur ein paar Monate in Indien verbracht habe und eigentlich nirgends wirklich hingehöre. Da kam mir ein spezielles Essen in den Sinn. Das war nicht mal besonders spannend und ich habe es nebenbei gegessen: KFC in Trivandrum. Eine Schüssel Basmatireis mit Popcorn-Hühnchen—ein merkwürdiger Hybrid aus zwei unterschiedlichen Kulturen. Wie ich irgendwie."

Wir befinden uns gerade im goldenen Zeitalter der sogenannten Identity Politics. Was bildet die Grundlage unserer Identitäten? Für Taiye Selasi liegt die Antwort darauf in der Geografie. Wir sollten uns die Frage stellen: „Welchen Orten fühlen wir uns verbunden?", statt „Aus welchem Land kommst du?". Sie nennt ihr Konzept „Multi-Lokalität": Eine Person kann aus mehreren Orten auf der Welt gleichzeitig kommen. „Die Sprache der Nationalität soll durch die Sprache der Lokalität ersetzten werden", erklärt Taiye im TED-Talk. „Sie bringt uns dazu, unseren Blick darauf zu richten, wo das wirkliche Leben stattfindet. Sogar beim glorreichsten Ausdruck der Nationszugehörigkeit, der Fußball-WM, haben wir Nationalmannschaften, die aus multi-lokalen Spielern besteht. Als Maßeinheit für menschliche Erfahrung funktioniert ein Land nicht richtig." Ein Beispiel, um ihren Punkt anschaulicher zu machen, war die Fußball-EM in Frankreich diesen Sommer. Die besten Fußballspieler, die meisten von ihnen leben in Städten wie Manchester, Madrid oder Barcelona, München, Paris oder Turin, spielen für Länder, in denen sie nicht lange gelebt haben oder—in manchen Fällen—sogar nie gelebt haben. Sie sind nationale Helden und haben dennoch viel mehr mit ihren Fußball-Superstar-Kollegen gemeinsam als mit ihren Landsleuten. Dieses Supranationale funktioniert auch in die andere Richtung und lässt sich auf das andere Ende des wirtschaftlichen Spektrums anwenden: „Ein mexikanischer Gärtner in L.A. und eine nepalesische Haushälterin in Delhi haben hinsichtlich der Rituale und Restriktionen mehr gemeinsam, als die Nationalität andeutet", so Selasi. Sie hat einen dreistufigen Test mit drei Ebenen, den sogenannten drei Rs, entwickelt: Rituale, Relationen (Beziehungen) und Restriktionen (Einschränkungen). Du kannst ganz leicht herausfinden, welchen Orten du dich verbunden fühlst. Nimm dir ein Stück Papier und male dir eine Tabelle mit drei Spalten. Fange mit der ersten Spalte, Rituale, an. Dazu zählen alltägliche Rituale wie Kaffee trinken, Laufen gehen oder unter der Dusche singen.

In der zweiten Spalte, Relationen, geht es um die wichtigsten zwischenmenschlichen Beziehungen. Oder anders gefragt: Wo wohnen die Leute, mit denen du mindestens einmal die Woche sprichst—Facebook-Freunde zählen dabei übrigens nicht. Die in London lebende Modedesignerin Marta Jakukowski sagt dazu: „Ich bin in Polen geboren und in Deutschland aufgewachsen. Es war für mich immer schwierig zu sagen, woher ich komme. Für die Deutschen war ich Polin und für die Polen war ich Deutsche. Ich bin schon viel rumgekommen und mag, dass ich nicht an ein Land gebunden bin und dass ich mich leicht anpassen kann. Ich weiß nicht, ob ich jemals irgendwo wirklich ankommen werde. Ich habe gelernt, dass die Leute, die ich liebe, immer da sein werden, egal wohin ich hingehe. Und dass sie immer noch da sein werden, auch wenn wir uns lange Zeit nicht gehört oder gesehen haben. Meine Freunde sind meine Anker."

Mit anderen Worten: Die Leute und die Orte, die uns wirklich wichtig sind, werden auch noch da sein, wenn wir für einige Zeit woanders leben. So viele unserer Beziehungen heutzutage sind Fernbeziehungen, nicht nur was Romanzen angeht, sondern auch unsere Beziehungen zu Freunden und Familie. Durch den Aufstieg von Telekommunikation im 20. Jahrhundert und schließlich dem Internet wurde es einfacher als je zuvor, im engen Kontakt mit seinen Liebsten auf der ganzen Welt zu bleiben. Ich bin Anfang des Jahres nach Japan geflogen, es war die 100-Tage-Zeremonie nach dem Tod meines Großvaters. Kurz vor dem Start der Zeremonie hat sich meine kleine japanische Oma mit mir unterhalten: „Es ist eine Schande, dass wir nie die Chance hatten, miteinander zu reden", sagte sie. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was sie sagte, aber dann kam meine Mutter in den Raum und übersetze den Teil für mich. Das war das wichtigste Gespräch, das meine Oma und ich jemals hatten und keiner von uns hat mehr als ein paar Brocken davon, was der andere gesagt hat, verstanden.

Ich fühle mich in Yokohama zu Hause, eine Stadt, über die ich kaum etwas weiß, der ich mich aber wegen der Relationen, die ich durch meine Familie zu der Stadt habe, verbunden fühle. Als Barack Obama im Sommer letzten Jahres Kenia besucht hat, hat er sich an seinen ersten Besuch als junger Mann, der gerade die Uni abgeschlossen hat, in dem Land erinnert. Vielleicht hat er ähnlich gefühlt. Für ihn sei das Wichtigste bei diesem damaligen Besuch gewesen, dass er ein Gefühl der Anerkennung, der Zugehörigkeit gespürt habe, was sich sonst nirgendwo anders eingestellt habe. „Als ich hier herkam, war ich in vielerlei Hinsicht einer aus dem Westen, ich war Amerikaner. Ich kannte meinen Vater und seinen Heimatort nicht und fühlte mich abgekapselt von dieser Hälfte meines Erbes. Am Flughafen, als ich meinen Koffer gesucht habe, half mir eine Frau von der Airline beim Ausfüllen der Formulare. Sie sah meinen Namen, schaute mich an und fragte mich, ob ich mit meinem Vater verwandt bin, den sie kannte. Zum ersten Mal bedeutete mein Name etwas. Und dass er etwas bedeutete, wurde anerkannt." Durch seine Beziehung zu seinem Vater fühlte er sich diesem Ort verbunden.

Neben Ritualen und Relationen ist der dritte Baustein in dem Selasi-Test der Teil der Restriktionen. Dort geht es nicht darum, wo man ist, sondern wo man nicht ist und wo man aufgrund seines Passes, Visum-Bestimmungen, Einwanderungsgesetzen, Kriegen und Verfolgung, Arbeitsplätzen, Lebenshaltungskosten und so weiter nicht hindarf. Vor drei Jahren fand in der Stadthalle von Oxford meine Zeremonie zur Verleihung der britischen Staatsangehörigkeit statt, zusammen mit vielen anderen Fremden aus der ganzen Welt. Zu den Fremden gehörten Flüchtlinge aus dem Irak, aus Afghanistan, aus Syrien, Osteuropäer mit ihren jungen Familien, Lateinamerikaner, die sich in jemanden auf dieser Seite des Atlantiks verliebt hatten. Es gab insgesamt über 40 verschiedenen Nationalitäten. Während der Zeremonie wurden Reden über Demokratie gehalten, es gab Treueschwüre auf die Queen, mit einer Hand auf der Bibel, die britische Flagge wurde geweht, es gab Broschüren über die Geschichte von Oxfordshire, Unmengen an Tee und Supermarkt-Keksen. Ein örtlicher Tory-Politiker sagte: „Jetzt geht hinaus in die Welt und seid britisch!" Das alles klingt wahrscheinlich alles ein bisschen bescheuert, aber es war unglaublich berührend. Das war eine pompöse Repräsentation des alten Modells Land und Nation. Durch den Filter der Multi-Lokalität betrachtet, war es auch das Aufheben von Restriktionen, die Gewährung der Freiheit, neue Lokalitäten anzunehmen.

„Wie kann ich einer Nation angehören? Wie kann ein Mensch einem Konzept entstammen?", fragt Selasi in ihrem TED-Talk. „Für mich war ein Land—ein Ding, das entstehen, sich erweitern oder schrumpfen kann—kaum die Basis sein, um einen Menschen zu verstehen." Als Erklärung führt sie an, dass Länder oft verschwinden, scheitern, sich verändern und neu entstehen. Ihr Vater zum Beispiel wurde in der britischen Kolonie Goldküste geboren. Ein Land, das am Anfang seines Lebens, 1957, seine Unabhängigkeit vom britischen Königreich erlangte und in der Republik Ghana aufging und heute gar nicht mehr existiert.

Die Grundidee des modernen Staates, die staatliche Souveränität, sei erst vor 400 Jahren in Mode gekommen. „Die Geschichte war real, Kulturen waren real, aber Länder sind eine Erfindung", so die Autorin. Leider haben wir im Jahr 2016 eine Flüchtlingskrise, in Wahrheit sind es ja mehrere Flüchtlingskrisen, weil so viele Länder erpicht daraufhin sind, Leute aus dem Ausland nicht ins Land zu lassen, egal wie schlecht es ihnen geht. Die Vorstellung, dass uns unsere Nationalität trennen soll, gewinnt an Konjunktur, anstatt dass das Gefühl von Brüderlichkeit und gemeinsamen Erfahrungen uns verbindet. Donald Trump möchte eine Grenze zwischen den USA und Mexiko bauen. Boris Johnson hat Großbritannien aus der EU geführt und Flüchtlingsboote kentern im Mittelmeer. So viele Politiker wollen mehr Restriktionen statt weniger—und das stinkt zum Himmel. Einige von uns sind multi-lokal, weil sie es selbst wollen. Andere wurden aus ihrer Heimat vertrieben und werden vielleicht nie wieder nach Hause zurückkehren können. Sie werden vielleicht überhaupt nie wieder ein Zuhause ihr Eigen nennen können.

Wo bist du zu Hause? Taiye Selasi möchte zukünftig so vorgestellt werden: „Taiye Selasi ist ein Mensch wie jeder hier. Sie ist keine Weltbürgerin, sondern eine Bürgerin von Welten. Sie ist in New York, Rom und Accra zu Hause." Also wo finden deine Rituale, wo deine Relationen, wo deine Restriktionen statt? Wenn du die Tabelle auf dem Stück Papier ausfüllst, zeichnest du eine Karte deiner eigenen Identitäten, eine Landkarte deiner Multi-Lokalität. Es ist eine Zusammenstellung von Orten, an denen die für dich wichtigsten Erfahrungen passieren oder passiert sind. Die meisten von uns sind heutzutage Multi-Lokale, Weltbürger, Teil einer globalen Jugend. Und darauf sollten wir stolz sein. Das bringt uns hoffentlich enger zusammen, anstatt uns immer weiter auseinander zu reißen.

Schau dir hier den inspirierenden TED-Talk von Taiye Selasi an: 

Credits


Text: Dean Kissick
Foto: Justine Reyes via FlickrCC BY 2.0

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