Red Room, San Francisco, 1997

von madonna bis david lynch - ein tagebuch voller polaroids

Der gefeierte Produktionsdesigner Happy Massee hat mit den Großen der Großen an fast allem mitgearbeitet - von Gucci bis Jay-Z, von Fotoshootings bis zu Spielfilmen. Die besten Momente aus über 20 Jahren hat er in einem neuen Bildband festgehalten.

von Emily Manning
|
25 Oktober 2016, 9:30am

Red Room, San Francisco, 1997

In dem neuen Buch Diary of a Set Designer geht es um einen Raum, der einfach nur rot ist. Produktionsdesigner Happy Massee hat darin seine Arbeitswelt auf Polaroids festgehalten. Massee hat mit dem Großmeister David Lynch zusammengearbeitet—dabei herausgekommen ist allerdings kein schwarz-weiß-Szenario à la Twinpeaks. Der Ort kann jeder Raum sein. Und genau darum geht es Massee in seinem neuen Buch. Die Fotos umspannen 25 Jahre seiner Arbeit, darin zu sehen sind unter anderem Madonna, Michael Jordan und das mintfarbene Schlagzeug der White Stripes. Das Buch soll keine Zusammenfassung seines Lebenswerkes sein, sondern viel mehr ein Dokument davon, was er auf seiner Reise bisher entdeckt hat.

Michael Jordan, Chicago, 1997

Massees Eltern sind in den 60ern aus Paris in die USA eingewandert. Aufgewachsen ist er allerdings noch in Frankreich. „Ich hatte keine Ahnung, wie sehr meine Kindheit und Jugend in Europa mir später bei meiner Karriere als Setdesigner helfen würden. Damit meine ich die Referenzen, mit denen ich in Europa aufgewachsen bin und durch die ich einen Sinn für Architektur und Strukturen entwickelt habe, die ich womöglich gar nicht gekannt hätte, wenn ich in den USA groß geworden wäre", erklärt Massee. „Ich habe ein Gespür für Materialien und alles, was ich tue, ist sehr real. Man würde mich beispielsweise nie für ein Star-Trek-Shoot engagieren, das ist einfach nicht mein Fall. Wenn man sich den Film The Immigrant anschaut, der im New York der 20er spielt und für den wir die gesamte Stadt nachgebaut haben, dann merkt man, dass ich von meiner Kindheit und Jugend in Europa profitiert habe."

Twins, Chicago, 1999

Der Umzug in die USA und die Berührung und das Wissen um die beiden Welten hat sich nicht nur auf seinen Stil und seine Ästhetik ausgewirkt, sondern war auch hilfreich für eine Gewandtheit im Französischen und Englischen und seine Vorliebe fürs Reisen—Eigenschaften, die ihm in seiner langen Karriere im Produktionsdesign geholfen haben. Er hat an Musikvideos für Madonna (der von John Galliano ausgestattete Stierkampf aus dem Jahr 1994) sowie Michel Gondry, „Hardest Button to Button" von den White Stripes, von dem es sogar eine Simpsons Parodie gibt, gearbeitet. Zusammen mit David Lynch und Nicolas Winding Refn hat er Gucci-Werbespots umgesetzt, hat zusammen mit Mert and Marcus unzählige Werbekampagnen in Szene gesetzt und sogar für John Leguizamo ein Broadway-Set entworfen. Diary of a Set Designer erzählt die Geschichten dazwischen. Wir wollten mehr über den Produktionsdesigner wissen und haben ihm ein paar Fragen gestellt. 

Mexico City, 1994

Wie bist du zum Produktionsdesign gekommen?
Durch Zufall. Ich habe es als Kind geliebt, mein Zimmer umzuräumen. Jedes Mal, wenn meine Mutter nach Hause gekommen ist, hatte ich mein Bett umgestellt, umdekoriert und Bandposter durch andere ersetzt. Ich habe es einfach geliebt. An der Kunsthochschule habe ich mich dann auf Inneneinrichtung und Architektur spezialisiert. Ich war auf einer Kunsthochschule, wo wir alles gelernt haben, von Kunstgeschichte über Malen bis hin zu Bildhauerei. Das habe ich eben getan. Es war nicht so, dass ich mir dachte: „Ich möchte Architekt oder Designer werden." In Paris habe ich diesen Typen getroffen. Wir haben beide nebenbei gekellnert, er war ein arbeitsloser Architekt, der anfing, für Filme zu designen. Er hat mich gefragt, was ich so mache und meine Antwort war: „Nichts." Er hat mich dann gefragt: „Möchtest du mir assistieren? Ich arbeite an diesem Film." „Klar, ich habe nichts anderes vor!". Ich habe dann also an diesem Projekt mitgearbeitet und dann noch ein anderes mit ihm realisiert—und schnell Gefallen daran gefunden. Dann bin ich nach New York gezogen und habe an der NYU Film School studiert. Danach habe ich an einer Uni studiert, die es leider nicht mehr gibt. Das war eine Designschule fürs Theater im West Village. Ich habe gelernt, Entwürfe zu zeichnen, Hintergründe zu malen und die Basics von Theaterdesign. Der große Durchbruch ist dann in Raoul's passiert, das ist ein Restaurant, in das ich damals die ganze Zeit gegangen bin. Der Regisseur Michael Haussman ist auch die ganze Zeit in diesem Restaurant gewesen. Eines Tages hat er mich dann gefragt, ob ich mit ihm an einem Musikvideo arbeiten will. Wir haben erst ein Musikvideo gemacht, dann noch eins und das war der Anfang meiner Karriere.

Madonna, Ronda, Spain, 1994

Die Projekte reichen von Musik über Film bis Mode. Was ist bei einem Projekt für dich ausschlaggebend? Und inwiefern überschneiden sich die Bereiche?
Eins hat zum anderen geführt. Als ich angefangen habe, waren Musikvideos das große Ding. Sie waren kreativ, sie waren künstlerisch anspruchsvoll und es gab ausreichend Budget. Man konnte wirklich Dinge umsetzen, die Branche war damals einfach größer. Ich bin zu dem Job über Musikvideos gekommen. Die Regisseure, mit denen ich zusammengearbeitet habe, haben die Musikvideos genutzt, um auch Geld in der Werbung zu verdienen, denn da haben sie das Geld gemacht. Mit Musikvideos haben wir nichts verdient, aber wenn wir einen Werbespot gedreht haben, dann haben wir einen Jackpot an Land gezogen. Nach den Werbespots kamen dann die Spielfilme. Die Sache mit der Mode war ein Zufall, weil ich immer das Gefühl hatte, dass ich besser als die Modebranche bin. Ich habe Modefotografie total unterschätzt und ich wünschte, dass ich mich näher damit beschäftigt habe, einfach aus finanziellen Gründen. In der Mode wird mehr Geld verdient und es ist einfacher. Aber ich bin nie dazugekommen, weil ich für diese Hardcore-Filmemacher gearbeitet habe. Ich habe viel für eine französische Produktionsfirma gearbeitet und wir haben mit David Lynch einen Werbespot für Gucci gedreht. Ich war zwar in New York, aber sie haben begriffen, dass ich der geeignete Mann bin, weil ich Amerikaner bin, der Französisch spricht und ich kenne Paris. Sie haben mich für den Gucci-Spot engagiert, das war eine tolle Erfahrung. Dann habe ich den Creative Director von Gucci kennengelernt und sie haben mich für andere Projekte engagiert und mich Mert and Marcus und Inez and Vinoodh vorgestellt.

New York City, 2003

Du hast auch mit Wes Anderson gearbeitet. Lynch und er sind beide für ihre eigenwilligen Universen bekannt. Wie sieht die Zusammenarbeit mit solchen Leuten aus?
Ich habe mit Wes Anderson leider nur für Werbespots zusammengearbeitet. Er ist ein guter Freund von mir, aber er hat sein eigenes Team. Deshalb habe ich nicht mit ihm an Filmen gearbeitet. Das ist sehr anders. Bei einem Werbespot halten wir uns an die Vorgaben, die uns gegeben werden und man ist kreativ eher eingeschränkt. Mit Lynch zusammenzuarbeiten war anders, weil das Gucci-Projekt viel freier war. Wir durften das tun, was wir wollten. Als wir den Werbespot gedreht haben, habe ich ihm Bilder von Möbeln für eines der Sets gezeigt. „Nein, das gefällt mir nicht. Ich mag das nicht", hat er nur geantwortet. Dann habe ich ihm ein Bild von einem Schreibtisch gezeigt und er war begeistert: „Was ist das? Ich möchte das!", sagte er. „Okay, ich kann das besorgen." Ich bin weiter weggegangen und habe mir das Bild näher angeschaut, was er gemalt hat. Es war eine Frau, die an diesem Schreibtisch sitzt und sie schlägt die Beine übereinander. Die Form war aufgrund des Schattens und des Lichts schräg. Es sah aus wie eine Skulptur. Ich habe ihm gesagt: „David, das sind wirkliche Beine. Die existieren so nicht. Wenn man sich das Bild genauer anschaut, dann stellt man fest, dass es eine Frau ist, die dort sitzt. Daraufhin sagte er: „Bring mir Ton in mein Hotel und wir formen die Figur und casten sie." Am nächsten Tag bin ich ins Lancaster Hotel gefahren und habe ihm den Ton vorbeigebracht. Er hat dieses Ding modelliert. Es sah aus wie schräge Beine. Wir haben sie gecastet und sie wurden zu einem der wichtigsten Requisiten. Wir haben seitdem an ein paar Projekten zusammengearbeitet. Er interessiert sich immer für Bildhauerei oder Dinge, um das Projekt zu realisieren.

Janitor, Buenos Aires, 2004

Das klingt toll.
Wenn man an einem Werbespot arbeitet und frühmorgens der Wecker klingelt und am Set bei Sonnenaufgang sein muss, verdreht man nur die Augen und möchte nicht aus dem Bett. Aber wenn man für Lynch arbeitet, ist man aufgeregt. Man weiß nie, was am Set passiert. Es ist eine einmalige Erfahrung.

Ok, ich belasse es dabei bei den Lynch-Fragen, sonst sitzen wir hier noch mehrere Stunden. In der Einleitung schreibst du, dass Polaroids wichtig für dich als Richtlinie sind.
Alle aus meiner Generation erinnern sich an Polaroids. Ob Stylist, Art Director oder Producer—jeder hat mit Polaroids gearbeitet. Das war die einzige Möglichkeit, seine Arbeit anderen zu zeigen. Das war die Zeit vor dem Handy. Man musste noch Münztelefone benutzen und den Regisseur anrufen und ihm sagen: „Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Aber wenn wir uns treffen, dann zeige ich dir Polaroids." Das war die einzige Kommunikationsmöglichkeit. Das war noch vor Fotoabzügen innerhalb einer Stunde. So haben wir kommuniziert. Dadurch sind aber auch Freundschaften entstanden. Wir haben Orte in Südamerika oder Jamaika besucht. Die Leute haben da noch nie Bilder von sich selbst gesehen, geschweige denn ein Polaroid von sich. So hat man sich an Leute erinnert oder einen Abend festgehalten. Der Titel des Buchs ist zwar Diary of a Set Designer, aber zu sehen sind nur zwei Fotos von Sets, die ich gebaut habe. Alles andere sind Orte, Leute, Locations und Props, die mit mir zu tun haben. Die Fotos sind alle bei Jobs entstanden, aber es geht nicht um das Setdesign per se. Die Leute fragen mich: „Ich habe das Buch nicht gelesen, geht es um deine Sets?". Nein, damit hat es nichts zu tun. Das ist ein Tagebuch über 20 Jahre aus meinem Beruf, und ein wichtiges Tool war die Polaroid-Fotografie.

Es hat etwas von einem Fotoalbum. Manchmal sind es fremde Gesichter von Menschen, die du getroffen hast, aber dann ist da Jack White. Das Durchblättern macht wirklich Spaß.
Es hat Jahre gedauert, das Buch zu machen. Verlage haben mir gesagt: „Es gibt nicht genug Promis, nicht genug Nacktheit." Darum geht es aber eben nicht. Das ist ein Fototagebuch meiner Reise und für mich sind sie einzigartig. Heute wären die Fotos nicht mehr einzigartig—danke dem iPhone und Instagram. Man kann ein Foto so viel bearbeiten. Die Aufnahme kann noch so schlecht sein und man kann es trotzdem noch retten: zurechtschneiden, einen Filter verwenden, Photoshop, die ganze Palette. Alles innerhalb weniger Sekunden. Das Einzige, was in einem Augenblick bei einer Polaroidkamera geht: den Auslöser drücken.

Havana, 1999

Wonach hast du die Fotos ausgewählt?
Ich glaube, es gibt insgesamt 140 Fotos. Und ich hatte 20 bis 30 Fotos, die ich benutzen wollte. Ich habe Fabien Baron all meine gefüllten Schuhkartons überlassen. Ich habe hier und da Fotos hinzugefügt. Aber die meiste Zeit habe ich ihn sein Ding machen lassen. 

Keith Richards, Los Angeles, 1992

Was erhoffst du dir von dem Buch?
Ich bin oft in Buchläden gegangen und habe Bücher manchmal nur wegen eines Fotos gekauft. Ich wusste, dass ich es später in meinen Job gebrauchen kann und es damit entwerfen oder bauen kann. Ich will mit dem Buch mein Vermächtnis hinterlassen. Es ist lustig. Viele Leute haben auf Instagram das Cover gepostet und geschrieben: „Das Foto ist großartig. Ein bisher unveröffentlichtes Foto von Madonna". Es ist irgendwie schön, dass ich Bilder habe, die für andere wichtig sind und dass ich sie mit ihnen teilen kann. Ursprünglich war das Buch ein Coffee Table Book für meinen eigenen Couchtisch. Ein Besucher meinte dann zu mir: „Du solltest das veröffentlichen!". Ob nun jemand das Buch wegen zwei oder drei Bildern kauft, ob es Madonna oder die Zwillinge sind, oder Keith Richards. Das spielt für mich keine Rolle. So lange auch nur ein Fotos sie in irgendeiner Art berührt, bin ich zufrieden.

New Orleans, 1992

Sydney, 2001

Sting, Willshire, UK, 1992

Diary of a Set Designer

ist bei Damiani erschienen und ab sofort erhältlich.

Credits


Text: Emily Manning
Fotos: Happy Massee

Tagged:
Kultur
diary of a set designer
happy massee
produktionsdesign