Lauren Wasser hat TSS überlebt und lässt uns Schönheitsideale hinterfragen

2012 verlor das amerikanische Model Lauren Wasser die Hälfte ihres rechten Beins, nachdem sie am Toxischen Schocksyndrom erkrankte. Heute inspiriert sie andere Frauen und kämpft gegen die Tamponindustrie.

von Alice Newell-Hanson
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30 Juni 2015, 1:55pm

​Photography Jennifer Rovero

„Ich habe mich immer perfekt gefühlt", sagt Lauren Wasser über ihren Körper. Ihre Mutter war über 20 Jahre Model - „in den 90ern mit Stephanie Seymour und Cindy Crawford und all den Mädchen" - und Lauren folgte ihrem Vorbild. Als Kind reiste sie mit ihrer Mutter nach Paris, Mailand, London und New York. Ihr erstes Editorial wurde von Patrick Demarchelier fotografiert; sie war zwei Monate alt und weinte. Als Lauren mit dem professionellen Modeln begann, schien es weniger eine Entscheidung als vielmehr zwangsläufig zu sein. Sogar ihr Vater war Model.

Dann änderte sich ihr Körper 2012 schlagartig über Nacht. Am 3. Oktober ging sie in ihrem Zuhause in Los Angeles mit dem Gefühl einer nahenden Grippe schlafen. Sie hatte ihre Periode und trug ein Tampon, aber sie dachte nicht, dass das irgendwas mit ihren Symptomen zu tun haben könnte - wie sollte man auch? Sie füttert ihren Hund, telefoniert mit ihrer Mutter und wacht Tage später aus dem Koma mit einem Gefühl totaler Fremdheit in einem Krankenhaus auf.

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Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass Lauren an Toxischem Schocksyndrom (TSS) - eine bakterielle Erkrankung - erkrankt ist und vermutlich durch ihr Tampon ausgelöst wurde. Zehn Minuten später wäre jegliche Hilfe zu spät gekommen, sagte Lauren Vice. Sie wurde in ein künstliches Koma versetzt. In den folgenden Stunden und Tagen verwandelte sich ihre Infektion in Gangrän. Ihr rechter Unterschenkel wurde amputiert. Zwar konnte sie ihr linkes Bein behalten, aber sie verlor ihre Zehen und die Ferse ist nachhaltig geschädigt. Ohne Vorwarnung und total unvorbereitet hatte sie keine Kontrolle über ihren Körper und ihre Zukunft mehr.

Laurens Partnerin Jennifer Rovero ist Fotografin und hat kürzlich die ersten Bilder vom Bein der mittlerweile 27-jährigen gemacht. Sie zeigen, wie Lauren in der Badewanne sitzt, oder vor ihrem Haus steht. Jennifer nennt es „Fototherapie" und für Lauren ist es eine Möglichkeit, damit klarzukommen, was mit ihrem Körper passiert ist. Die Bilder sind außerdem Teil ihrer Kampagne, um das Bewusstsein für TSS zu schärfen. Eine Krankheit, über die kaum gesprochen wird - erst recht nicht von der Tamponindustrie - und wenn dann als diese mysteriöse Gefahr. Drei Jahre nachdem sie aus dem Koma aufgewacht ist, entschied sich Lauren dafür, gegen die Tamponindustrie zu kämpfen (sie hat den Hersteller des Tampons verklagt), aber auch eine Inspirationsquelle für andere Amputierte zu sein und sich im eigenen Körper wohlzufühlen.

i-D sprach mit Lauren über Tabubrüche und über weibliche Emanzipation.

Hattest du eine gute Körperwahrnehmung als du groß geworden bist? Wie wurde diese Wahrnehmung durch das Modeln beeinflusst?
Modeln lag immer als Option auf dem Tisch. Meine Eltern waren beide Models. Ich ging zu den Agenturen und sie ermutigten mich, Model zu werden. Ich war aber auch Athletin und ich habe viel an meinem Körper gearbeitet. Ich habe immer Basketball gespielt, ich bin Fahrrad gefahren und ich war fit.

Wie hat sich 2012 dann deine Körperwahrnehmung geändert?
Als ich aus dem Koma aufgewacht bin, wog ich 90 Kilogramm. Sie haben 36 Kilogramm Flüssigkeit in meinen Körper gepumpt, um alle Giftstoffe aus meinem Körper zu spülen. Ich habe mich komplett anders gefühlt. Ich habe mich selbst nicht mal erkannt. Ich konnte meine Beine, meine Vagina, nichts sehen. Davor habe ich vielleicht 54 Kilogramm gewogen. Aufzuwachen und plötzlich 90 Kilogramm zu wiegen, war ein Schock. Außerdem habe ich auch meine Haare verloren. Im Ringen um mein Leben, verfilzte mein Haar so, dass sie es abrasieren mussten. Ich habe meine ganze Identität so schnell verloren. Ich glaube, dass ich die Schwere der ganzen Situation noch nicht verstanden habe. Und es geht weiter. Ich habe ständig Schmerzen und es ist ein Kampf.

Bist du wieder in der Lage, Sport zu treiben?
Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich mit den Schmerzen leben muss. Aber ich bin ein starkes Mädchen. Ich möchte nicht, dass mich Leute bemitleiden. Ich habe versucht, mein Bein so lange wie möglich zu verstecken, damit es keiner wusste, außer ich habe es ihnen gezeigt. Ich habe wieder angefangen, Fahrrad zu fahren, und ich trainiere ein Basketballteam. Obwohl ich nicht mehr mitspielen kann, versuche ich, ein Teil davon zu bleiben.

Aber du versuchst nicht mehr, deinen Körper zu verstecken?
Nein. Als ich diese Fotos mit Jen zusammengemacht habe, sagte sie: ‚Du musst es zeigen, du musst stolz darauf sein'. Und ich habe mich so geschämt. Ich musste mich erst daran gewöhnen, ich musste mir das eingestehen: das ist mein neues Leben und das wird sich nicht mehr ändern. Ich trug Pullover und Hoodies bei 37 Grad, als wir gedatet haben. Dann habe ich realisiert, wenn ich meine Geschichte mit der Welt teilen möchte, dann muss ich mich selbst akzeptieren und stolz darauf sein, wer ich bin. Die Bilder zu sehen, war also ein entscheidender Moment. Ich schaue mir die Bilder heute an und denke mir: ‚Ich bin immer noch hübsch, ich kann immer noch modeln'.

Wie reagieren andere Leute darauf, dass du jetzt offen damit umgehst?
Wie viel Unterstützung und Liebe ich bekomme, ist fantastisch. Dadurch habe ich das Gefühl, dass es OK ist, wer ich bin. Auf Facebook drücken mir junge Mädchen, ältere Frauen, Frauen, die ihre Töchter verloren haben, ihren Dank dafür aus, dass ich diese Debatte angestoßen habe und Leute informiere. Es geht nicht nur um mich. Es geht um die Frauen, die vergessen wurden und keine Stimme wie ich hatten.

Die weibliche Periode ist immer noch ein Tabuthema. Ist das Teil des Problems beim Umgang mit TSS?
Ich glaube, dass die Tamponindustrie gut darin ist, Frauen ein schlechtes Gefühl von Frau-Sein zu vermitteln, wir fühlen uns eklig und wir schämen uns, darüber zu reden. Diese Tür muss aufgestoßen werden. Und ich bin stolz und glücklich, dass wir das getan haben.

Wie willst du die Debatte weiterführen?
Ich möchte weiter an einem Bewusstsein dafür arbeiten. Im Herbst spreche ich mit der Kongressabgeordneten Carolyn Maloney vor dem US-Kongress. Ihr Gesetzentwurf [die gesundheitlichen Auswirkungen von menstrualen Hygieneprodukten zu untersuchen] wurde bereits neunmal vom US-Kongress abgelehnt, aber hoffentlich mit all der medialen Unterstützung können wir das ändern und er wird nicht wieder übersehen. Das geht schon viel zu lange und wir Frauen haben Rechte.

Was hat dich dazu gebracht, dieses Jahr die Öffentlichkeit zu suchen?
Ich hatte so viel Schmerzen und musste erst wachsen. Es geht nicht ums Models-Sein oder TSS gehabt zu haben. Es geht darum, dass ich jetzt eine andere als zuvor bin und mein neues Leben akzeptieren muss. Ich habe nicht den Luxus, dass ich morgens aufwachen, in die Dusche springen kann und am Strand joggen gehen kann. Ich wurde zu einer Amputierten und ich weiß, dass so viel andere auch damit zu tun haben. Ich wollte diesen Leuten das Gefühl geben, dass es OK ist. Uns schrieb ein junges Mädchen, das niemandem ihr Bein gezeigt hat. Nur dadurch, dass sie meine Geschichte gehört hat, fühlte sie sich inspiriert, das mit uns zu teilen -darum geht es: andere beeinflussen und inspirieren.

Credits


Text: Alice Newell-Hanson
Fotos: Jennifer Rovero

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