wie es sich anfühlte, als schwuler im evangelikalen amerika der siebziger zu leben

Der in Berlin lebende Fotograf Greg Reynolds outete sich nach acht Jahren als Jugendpfarrer und fand seine Erlösung in der Fotografie.

von Emily Manning
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06 August 2015, 7:50am

In den späten Siebzigern und in den frühen Achtzigern war Greg Reynolds Jugendpfarrer in der evangelikalen Studentenvereinigung Intervarsity Christian Fellowship in den USA. Er leitete Bibelstunden und Gebetsgruppen, fuhr ins Ausland auf Missionarsreisen und predigte sogar vor den Spring Breakers an den Stränden Floridas. Aber Greg haderte auch mit seiner eigenen Homosexualität. 1983 outete er sich, verließ die Kirche, zog nach New York City, studierte an der Columbia University und wurde Fotograf. 25 Jahre später entdeckte Greg Bilder wieder, die er während seiner Zeit bei der Fellowship gemacht hatte und veröffentlichte sie unter dem Titel Jesus Days: 1978-1983. Seine persönlichen Porträts sind nicht nur Erinnerungsstücke, sondern dokumentieren auch das Leben im evangelikalen Süden der USA. Wir trafen den Amerikaner zum Interview und sprachen mit ihm über eine Jugend als ungeouteter Schwuler im Bible Belt, die Befreiung durch den Umzug nach New York und darüber, sich seiner Vergangenheit zu stellen.

Erzähle uns mehr über deine Herkunft.
Ich wurde in den Fünfzigern geboren und wuchs im Kentucky der Sechziger und Siebziger auf, wo Religion und Evangelikalismus ein großer Teil meines Lebens waren. Ich wurde als Baptist erzogen und wurde Teil einer überkonfessionellen, evangelikalen Studentenvereinigung. Es gab Studentenvereinigungen, die den Campus als Mikrokosmos der aufgeklärten Welt ansahen und diesen Ort zum Ziel ihrer Mission für Jesus Christ machten. In vielerlei Hinsicht schien es liberaler als meine Südstaaten-Baptisten-Wurzeln zu sein. Nach dem Uniabschluss habe ich für acht Jahre als Jugendpfarrer für die Intervarsity Christian Fellowship gearbeitet. Wir glaubten aufrichtig an das, was wir taten: dass unsere Message das Leben der Leute und die Welt verändern wird. Gleichzeitig hatte ich damit zu tun, dass ich schwul und nicht geoutet war, weswegen ich dann meinen Glauben und mich selbst einer Prüfung unterziehen musste.

Wann hast du dich das erste Mal für Fotografie interessiert?
Von einem anderen Jugendpfarrer bekam ich zu meinem Geburtstag 1978 eine Kleinbildfilmkamera geschenkt. In der Schule hatte ich immer Kunstkurse besucht, aber ich kannte keine Fotografen und ich gehörte keinem Kreis an, wo Kunst besonders wichtig gewesen wäre. Zu der Zeit wollte ich nichts weiter machen, als Fotos zu schießen, die ich mochte. Es gab keinen Druck, irgendwas damit zu machen oder irgendetwas zu werden, sondern es wurde einfach zu einer Leidenschaft von mir.

Hattest du während deiner Missionarsarbeit Kontakt zu anderen Schwulen?
Das war komisch: Ich sprach mit Leuten auf eine Art und Weise, in der ich zugab, dass ich diese Gefühle habe, aber dass mir Gott dabei hilft, sie zu durchstehen. Ich habe das niemals wirklich geglaubt, aber ich wollte es glauben. Ich wollte glauben, dass ich von diesen Gefühlen geheilt werden kann. Ich hatte eine Freundin und versuchte, eine funktionierende Beziehung zu haben, aber ich war ziemlich verloren. Ich habe meinen eigenen Weg gesucht, ohne dabei andere Schwule zu treffen, die mir hätten helfen können oder die mir hätten sagen können, dass es OK ist. Zu dieser Zeit konnte man bis zur Ehe ohne Sex leben, ohne blöd angeschaut zu werden. Es gab keinen Druck und auch keine Erwartung. Also war es für mich als Christ und als Schwuler, der seine sexuellen Vorlieben nicht ausleben konnte, eine sehr sichere Umgebung. Aber diese Sicherheit machte es auch schwer, diese Umgebung zu verlassen.

Was hat dich dann letztlich zum Coming-out motiviert?
Meine beiden letzten Jahre mit der Organisation waren wegen meines Konflikts die schlimmsten. Ich ging zu einem christlichen Therapeuten, der wirklich ziemlich liberal und offen war und der nur wollte, dass ich mich finde. Ich habe so hart so lange daran gearbeitet, hetero zu sein, und irgendwann habe ich begriffen, dass die Wahl habe zu verleugne, wer ich bin oder dazu zu stehen, wer ich bin. In meiner Umfeld hätte ich nie schwul sein können. Das Einzige, was ich tun konnte: weggehen. Ich wurde an der Columbia University im Studiengang Film zugelassen und zog 1983 nach New York.

Als ich mich geoutet habe, war es ein Befreiungsschlag. Ich kam aus einer Südstaaten-Umgebung, in der fast jeder Christ war und in der niemand wusste, wie er mit dem Thema umgehen soll. 1983 und 1984 hatte sich die politische Lage verändert und es wurde mehr über die AIDS-Krise bekannt. Es war ein beängstigende Zeit, sich zu outen. Aber rückblickend muss ich sagen, dass mein Coming-out zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich der Grund ist, wieso ich heute noch lebe. 

Wieso veröffentlichst du jetzt die Bilder?
Das Projekt begann damit, als ich Kartons mit alten Fotos gefunden habe und sie nach 25 Jahren zum ersten Mal gesehen habe. Mit so viel zeitlicher Distanz hat es sich angefühlt, als ob ich das Leben einer anderen Person betrachten würde. Ich denke, dass mein Blick auf die Bilder jetzt von Neugier geprägt ist. Wenn ich mir die Bilder wieder anschaue, dann haben sie für mich eine cleane, erfrischend unschuldige Qualität.

Was nimmst du aus dem Projekt mit?
Auch in den Jahren nach meinem Coming-out war ich nie 100 Prozent sicher, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe, es gab immer dieses Schuldgefühl. Durch das Projekt konnte ich mich meiner Vergangenheit stellen und mich mit ihr auseinandersetzen. Ich habe das Gefühl, dass ich mit diesem Kapitel abschließen konnte. Einige Freunde haben mir erzählt, dass ich immer den Eindruck vermittelt habe, dass ich mich für diese Zeit schämen würde, wenn ich darüber gesprochen habe. Mittlerweile schäme ich mich nicht mehr. 

greg-reynolds.com

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Credits


Text und Interview: Emily Manning
Fotos:  Greg Reynolds

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