Liebe, Vertrauen und Erwachsenwerden durch die Augen von Fotografin Olivia Bee

"Ich bin Zuschauer in einer geschlossenen Welt."

von Lula Ososki; Fotos von Olivia Bee
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20 November 2015, 1:45pm

Erwachsen zu werden, herauszufinden, wer man ist, und sich zu verlieben, ist nicht leicht. Fotografin Olivia Bee hat nicht nur das gemeistert, sondern sich im Laufe der Jahre auch einen Namen als Fotografin aufgebaut und ein umfangsreiches Oeuvre geschaffen. In ihren Bildern dokumentiert sie die Leben von Leuten aus ihrem Umfeld und gewährt dadurch einen offenen und ehrlichen Einblick in das Erwachsenwerden junger Frauen. Ihre intimen Fotos aus ihrer Reihe "Kids In Love" fangen die Höhen und Tiefen auf der Suche nach Liebe ein. Wir sprachen mit Olivia Bee über Liebe, Fotografie und wieso es gut sein kann, nicht immer auf die Lehrer zu hören.


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Liebe, diese nicht greifbare Sache, von der wir besessen sind und nach der wir uns sehnen. Ein Großteil der Kultur basiert darauf, ob es nun Fotografie, Musik oder Kunst ist. Was hast du durch deine Arbeiten darüber gelernt?
Ich habe viel über die Art und Weise, wie sich Menschen berühren, wie sie sich zärtlich berühren, gelernt. Was für einander tun und wie es ist, dieser Verliebtheit auch in seinem Gegenüber zu sehen. Meine Bilder sind auch Liebeserklärungen an die Leute in ihnen. Liebe treibt meine Arbeit an. Vor allem habe ich viel über Vertrauen gelernt.

Wie schaffst du Vertrauen zwischen dir und deinen Models? Fühlst du dich in solchen intimen Settings wohl?
Ich fotografiere einfach. Ich sage nicht 'Also Leute, macht mal hier rum und schaut mich dabei nicht an.' Die Bilder in der "Kids in Love"-Reihe sind einfach entstanden, als es passiert ist und keiner sich daran gestörte, was gerade passiert. Man muss sehr behutsam und leise sein, um diese zärtlichen und privaten Momente dokumentieren zu können. Eines der Pärchen, Paul und Anna, gehören zu meinen besten Freunden. Dass ich sie fotografieren durfte, war etwas Besonderes.

Gab es Situationen, in denen du die Möglichkeit hattest, ein Bild zu machen, aber irgendwas hat dich davon abgehalten?
Manchmal aus moralischen Gründen. Das äußert sich dann in einem Gefühl, dass man dieses oder jenes nicht fotografieren kann. Das musste ich schmerzlich lernen. Das Tolle an meinen Bildern ist, dass sie sich wie Geheimnisse anfühlen. Ich bin Zuschauer in einer geschlossenen Welt. Außerdem gab es Situationen, in denen ich neben Leuten aufwachte, die ich nicht gut kannte, das Licht aber sehr schön fiel, der Moment so intim und zärtlich war und die Gedanken an die letzte Nacht, die großartig war, in mein Gedächtnis drängten. Diese Momente konnte ich aber nicht fotografieren, weil ich diese Person nicht gut genug kannte und sie damit nicht einverstanden gewesen wäre. Ich schreibe dann immer ein Gedicht darüber und lege es für ein neues Projekt beiseite. Ich dokumentiere den Moment schon, aber das muss nicht unbedingt durch Fotografie sein. Die Vorstellung, dass man durch eine Fotografie einen Teil der Seele der Person stiehlt, nehme ich sehr ernst. Das ist ein Privileg, was nicht missbraucht werden sollte.

Was bedeutet Liebe in der heutigen Zeit?
Ich glaube, dass sie gefährlich ist. Durch Social Media kann man kontrollieren, wie viel man von einer Person mitbekommt und was man von ihr mitbekommt. Man kann dieser Person schreiben oder sich deren Instagram-Account anschauen, aber den Umfang des Kontakts begrenzen. Es ist leicht, dass man damit beginnt, über die Person zu fantasieren und sich Dinge zusammenreimt, die so nicht stimmen. Das sorgt für Verwirrung. Wir spielen alle Rollen im Internet. Leute verlieben sich in diese Onlineversionen, aber spiegeln sie auch die echten Persönlichkeiten wider? Ich habe einfach das Gefühl, dass die Instagram-Accounts nur dazu da sind, um die Leute sympathischer zu machen. Ich kenne viele, die verliebt sind und deren Liebe auch ernst gemeint ist, aber ich denke, dass die neuen Technologien Liebe versaut haben.

Wie hast du Schule und Arbeit miteinander in Einklang gebracht?
Zeit-Management hilft! Es kam zu Situationen wie dieser: Ich habe meinen Lehrern gesagt 'Ich bin jetzt fünf Tage auf diesem Shoot für eine Auto-Kampagne'. Meine Lehrer haben dann gesagt 'Nein, wirst du nicht'. Und ich: 'Ja, doch, auf jeden Fall.' Im Endergebnis habe ich dann vielleicht eine schlechtere Note bekommen, aber das habe ich später dann wieder gut gemacht. Es war emotional fordernd, aber auch schräg so erwachsen zu werden. Ich bereue aber nichts. Ich hing als 16-Jährige mit Leuten ab, die gerade ihre ersten Kinder bekamen, und die für große Kreativagenturen gearbeitet haben. Das ist eine ganz andere Welt und ich musste mich ständig beweisen, obwohl ich echt gut war und meinen Job machte. Wenn man kein Craig McDean oder Quentin Tarantino ist, muss man sich ständig beweisen. Wenn man jung ist, gibt es keinen Erfolgsdruck, außer vielleicht durch einen selbst, und das ist echt cool. Man hat die Freiheit, es auch mal zu vermasseln.

Ich sprach vor Kurzem mit Nadav Kander. Er sagte mir, dass man eine Distanz zu seinen Bildern nach dem Shoot aufbauen muss, die emotionale Bindung durch das Shooting abzuschütteln. Sie kann andernfalls die eigene kreative Vision überschatten. Stimmst du dem zu? Wie viel Zeit nimmst du dir zwischen dem Shoot, dem Editieren und der Veröffentlichung?
Ja, dem würde ich zustimmen. Die Arbeiten zur Kids in Love-Reihe entstanden, als ich 15 oder 16 Jahre alt war, aber ich veröffentliche sie erst jetzt. Es dauerte, bis ich die Bedeutung hinter den Bildern begriff und sie richtig editieren konnte. Man muss mit großer Hingabe und Aufmerksamkeit bei der Sache sein, wenn man fotografiert. Aber das funktioniert beim Editieren nicht. Man muss lernen, sich ein neutrales Auge zu bewahren. Ich schieße die Fotos, weil ich etwas oder jemanden liebe. Ich kann aber kein verschwommenes Bild, was ästhetisch nicht ansprechend ist, zeigen, nur weil darauf ein Boy zu sehen ist, in den ich gerade verknallt bin. Das interessiert niemanden. Ich setzte mich selbst zeitmäßig selbst so unter Druck, weil ich bei allem so jung war. Ich wurde mit 15 unter Vertrag genommen, habe das Titelbild für die New York Times mit 17 fotografiert. Man muss sich selbst genügend Raum geben, damit man Dinge kreieren kann. Keiner außer dir selbst, wird dir den nötigen Raum geben.

Warst du schon immer so offen, was Nacktheit angeht? Wieso fotografierst du nackt? Gibt es eine Grenze zwischen Repräsentation und Ausbeutung?
Ich stand dem Thema Nacktheit schon immer offen gegenüber, auch schon als Teenager. Oft wird mit vorgeworfen, dass es aus Eitelkeit passiert. Aber es geht nicht darum, dass mich die Leute auf einer sexuellen Ebene wahrnehmen sollen. Es ist einfach natürlich. Ich fühle mich wohl, wenn ich meine Models nackt fotografiere. Ich liebe Mode und Styling, aber das kann von dem Gefühl ablenken, das man mit dem Bild transportieren will. Wenn man nackt ist, arbeitet man nur mit dem Gesichtsausdruck, nur mit der Körpersprache. Diese Bedeutungsebene kann mit Kleidung überdeckt werden. Leute zu fotografieren und Leute für seine Kunst zu benutzen, fühlt sich natürlich wie Ausbeutung an, denn man benutzt sie ja für die eigenen Arbeiten. Dabei darf man nur nicht das Beste für die Models aus den Augen verlieren und es mit Hingabe machen.

Wieso machst du Bilder von dir selbst?
Alle Selbstporträts, die ich mit 14 oder 15 gemacht habe, entstanden, weil ich die ganze Zeit alleine war und meine Vision umsetzen konnte, ohne dass ich Anweisungen geben musste. Daraus entstand eine Dokumentation meiner eigenen Veränderung und meines Erwachsenwerdens. Ich lebe so, als ob ich mein eigenes Buch schreiben würde und ich mag es, diese Figur zu spielen.

Gibt es etwas, von dem du dir gewünscht hättest, dass es dir jemand am Anfang deiner Karriere gesagt hätte, und das du gerne jetzt loswerden möchtest?
Man sollte das fotografieren und die Dinge der Welt zeigen, zu denen man Zugang hat. Die Dinge mit der Welt teilen, die man kennt und mag. Ich würde gerne mehr Arbeiten von den Kids aus den Vorstädten sehen, ich finde das so spannend. Ich habe genug vom New Yorker Streetstyle, wer braucht denn noch mehr davon? Man muss in keiner großen Stadt leben, um gute Arbeit zu leisten. Arbeite hart und verstecke deine künstlerische Vision nicht. Du siehst etwas Besonderes, was sonst keiner sieht.

oliviabee.com