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jung, schwul und schwarz in hollywood

Das Zine „The Tenth“ wird von schwulen Schwarzen für schwule Schwarze gemacht, Thema der neuesten Ausgabe ist die Entertainment-Metropole Los Angeles. Wir haben die Macher zum Interview getroffen und mit ihnen über die Situation und den neuen Stolz von...

von Stuart Brumfitt
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12 Februar 2016, 12:55pm

Wer könnte besser schreiben, wie sich die Chancen, Geschichten und Rollen für schwarze Schauspieler, Regisseure und Zuschauer verbessern ließen als ein Magazin, das von und für schwule Schwarze gemacht wird? The Tenth Zine nimmt sich in seiner neuesten Ausgabe Hollywood vor. Im Vorfeld der Oscars und nach den Kontroversen um die auffällige Abwesenheit von schwarzen Schauspielern auf den Nominiertenlisten sprachen wir mit den kreativen Köpfen hinter dem Zine—Khary Septh, Kyle Banks und André Verdun Jones—über die Talente Hollywoods (von Jussie Smollet bis Viola Davis, von Paris Barclay bis Laverne Cox), über die Leute, die sich ihren Weg an die Spitze erkämpfen und wie die schwarze Community von ihrer Vielfalt profitieren kann.

Wieso habt ihr zum Thema eurer neuen Ausgabe gerade Hollywood gemacht?
Wir wollten einfach die Leute vom Hollywood-Fetisch befreien, gleichzeitig wollten wir den Ort auch nicht falsch darstellen. Los Angeles ist eine Metapher für die funkelndste Manifestation des American Dream. Dazu haben wir den schwulen, schwarzen Körper in Beziehung gesetzt. In der dritten Ausgabe geht es um die Widersprüche in Amerika und wie uns dieser Traum verkauft wird. Aber eigentlich ist er nicht für Leute wie uns gedacht. Hollywood ist der Ort, an den alle jungen, schwulen Schwarzen möchten, um dort erfolgreich zu werden. Es gibt aber eine dunkle und pathologische Seite an Hollywood. Wir haben das Thema aus jedem Blickwinkel beleuchtet—von der traurigen Vergangenheit der Rassentrennung und Gewalt bis hin zum Glamour der Männer, die die Images für Frauen, die wir leben wie Rihanna, Twigs oder Gaga, kreieren. Entstanden ist dabei ein authentisches Porträt der zeitgenössischen schwarzen, schwulen und queeren Szene Los Angeles', betrachtet durch die Augen seiner verträumten und träumenden Bewohner.

Wie sieht die Realität in Hollywood im Vergleich zur Fantasie aus?
Realität in Hollywood ist das, was du dafür hältst. Charakteristisch ist für die Leute hier ihr Optimismus, der sich gut mit dem Sonnenschein und dem Glamour der Stadt verträgt. Die Kids wissen, dass es keinen anderen Ort als Hollywood gibt. Dort haben sie wenigstens die Chance, ihre Leben zum Positiven zu verändern. Dort können sie träumen, ohne dass sie dabei aufgrund ihrer Hautfarbe oder von Regen gestört werden. Ihre Träume können sie scheinbar hier wahrwerden lassen. Für „It Boys of LA" haben wir ein paar der interessantesten und bekanntesten schwulen Schwarzen fotografiert und interviewt. Dadurch gewinnt man einen Eindruck, wie ihrer Realität hier. Das sind die Jungs, die für Aufsehen auf dem roten Teppich sorgen; auf die man im Fitnessstudio neidisch schaut und weswegen Internetsucht entsteht. Das sind Typen wie Milan Christopher, der erste offen schwule Charakter der Reality-Fernsehserie Love & Hip Hop Hollywood, Brandon Anthony, Nummer eins unter den Partypromotern in West Hollywood, und Matty Pipes, der Social-Media-Manager für einige der größten Modelabel in der Stadt ist. Alle haben uns in ihren Häusern in den Hollywood Hills willkommen geheißen. Wir haben zusammen einen geraucht und wir begriffen, dass Los Angeles alles sein kann, was wir wollen.

Was habt ihr über die Leute in L.A. gelernt?
Die Leute in L.A. beherrschen das Einmaleins der Celebrity-Kultur aus dem Effeff. Die wissen, wo man Mittag essen muss, um gesehen zu werden, und wo man weiterfeiern muss, nachdem der Club um zwei Uhr morgens zumacht. Nachdem die Drinks flossen und wir es uns ohne Klamotten am Pool gemütlich gemacht hatten, haben sie offen mit uns gesprochen. Na klar, sei es nicht immer so glamourös und und es herrsche nicht immer eitel Sonnenschein, aber Straßenschlachten hätten nie so faszinierende Leute wie Lee Daniels, Laverne Cox, Jussie Smollett oder RuPaul hervorbringen können. In Hollywood dominiert das Versprechen auf Status und Geld und das sorgt für eine gewisse Entspanntheit. Das muss dabei auch nicht mal unbedingt der Wahrheit entsprechen. Denn alles in Hollywood ist vergänglich—außer Sonnenschein und heiße Männer.

Du hast Boyz n the Hood mit Bois n the Hood neu interpretiert. Was denkst du über das Original und wieso wolltest du es auf queere Art und Weise neu interpretieren?
Wir—die schwulen Schwarzen—sind eine Community, die vom Kanon ausgeschlossen wurde, von der Kirche bis hin zu Hollywood. Dennoch sind es oft wir, die eben jene Dinge prägen. Das ist eine Strategie, um uns in die große Narrative zu bringen. Könnte John Singleton Boyz n the Hood 2016 ohne einen schwulen Charakter machen? Er wäre dumm, wenn er es nicht täte. Heutzutage scheint es sich auszuzahlen, ein Schwuler in Hollywood zu sein. Aber wir haben da unsere Zweifel, ob er es auch wirklich tun würde. Es handelt sich dabei um die gute alte Homophobie der Black Community. Wenn es dann doch mal einen schwulen schwarzen Schauspieler oder so eine Rolle gibt, dann ist er noch nicht besonders erfahren oder die Rolle besonders komplex. Das schließt Serien wie Empire ein.

Welche Geschichten sind noch im Magazin?
Wir haben viel Zeit mit schwulen schwarzen Filmemachern verbracht wie Patrick-Ian Polk, der als Vater des schwulen Black Cinemas gilt, oder Steven Winter, dessen Film Jason and Shirley letztes Jahr für viel Aufsehen gesorgt hat. Wir feiern die größten Talente in unserer Community wie Maurice Harris, dem das tolle Blumengeschäft Bloom & Plume im Stadtteil Silver Lake gehört. Zu seinen Kundinnen gehören alle reichen Hollywood-Bitches. Außerdem stellen wir Yusef Williams und Derek Prodigy vor. Die sind Rihannas und FKA Twigs Hairstylisten und Vogue-Coaches. Es gibt so viele fantastische Schwulis in unserer Community.

#OscarsSoWhite ist gerade in aller Munde. Glaubst du, dass es wirklich zu einem Umdenken in der Filmindustrie kommt?
Jeder, den wir gefragt haben, hat uns darauf „Nein!" geantwortet. Die wichtigere Frage ist doch, wen interessiert das? Hat die Social-Media-Kampagne #BlackLivesMatter irgendetwas an der Polizeigewalt gegen schwarze Männer geändert? Nein. Hat Black Twitter die Anzahl schwarzer Beschäftigter bei dem Unternehmen erhöht? Nein. The Tenth is aus so vielen Gründen gegen #OscarsSoWhite. Wir glauben nicht an Macht von proportionaler Repräsentation. Fünf Chefs der Unternehmen der Fortune-500-Liste sind schwarz, aber 13,6 Prozent der Bevölkerung sind schwarz. Weiße schreien gleich sofort: „Was wollt ihr von uns? Die Schwarzen sind einfach nicht qualifiziert genug. Wenn sie es wären, dann würden sie die Jobs haben." Deshalb gibt es in Hollywood Leute wie Charlotte Rampling, die dummen Scheiß wie „Diversität ist den Weißen gegenüber rassistisch" oder „Vielleicht haben es schwarze Schauspieler einfach nicht verdient, auf der endgültigen Nominiertenliste zu stehen" von sich geben. Die Vorstellung, dass zwei oder drei schwarte Schauspieler von der Academy jedes Jahr berücksichtigt werden, wenn gleichzeitig Tausende schwarzer Schauspieler keinen Job finden, weil es keine Rollen für sie gibt, dann scheint mir das Ganze ein bisschen fehlgeleitet. All diese reichen Schwarzen, die #OscarsSoWhite twittern, sollten die Mund halten und Projekten, die aufstrebenden schwarzen Talenten eine Chance geben, unterstützen und Produktionsfirmen gründen.

Fernsehsendungen wie Empire haben bewiesen, dass schwarze Fernsehserien und Filme mit ausschließlich schwarzen Schauspielern erfolgreich sein können (als ob wir das nicht bereits wussten). Viele Leute innerhalb der Community sagen schon seit Langem, dass sich die schwarze Entertainmentbranche stärker auf ihre eigenen Awards—wie die BET Awards—konzentrieren solle und dass sie Zeremonien wie den Oscars fernbleiben soll. Autarkie kann emanzipatorisch wirken. Es ist aber auch wichtig, dass es überall Diversität gibt, zum Wohl der Gesellschaft und um Separatismus zu verhindern. Was denkst du darüber?
Einer unser Mitwirkenden, James Felton Keith, hat etwas Interessantes gesagt. Das Wichtigste, was wir tun könnten und was tatsächlich progressiv sei, wenn es Leute gibt, die in existierenden Machtstrukturen lebten, damit die ihr Umfeld beeinflussen, sodass diese Strukturen später geändert werden könnten. Deshalb applaudieren wir schwarzen Schauspielern, die in der Hollywoodmaschinerie stecken. Dazu gehört Mut. Noch mutiger ist es, innerhalb dieser Strukturen zu arbeiten, wie Mara Brock Akil und Ava DuVernay es mit Girlfriends getan haben, oder Being Mary Jane oder Selma. Wir wollen in der Lage sein, Sachen zu produzieren, die uns einhundert Prozent ansprechen; Arbeiten von Schwarzen, die über die höchste Qualität verfügen und von Menschen aller Hautfarben wertgeschätzt werden. Das soll keine Kritik sein, aber wir möchten uns keiner Vorstellung von Weiß-Sein anpassen müssen, um das zu erreichen. Es scheint aber so zu sein, dass dieses weiße System keine Arbeiten wahrnimmt, die nicht unter seiner Kontrolle entstanden sind. Wenn wir uns assimilieren müssen, um weiterzukommen, dann verweigern wir uns dem. Fuck it.

Hast du schwarze Lieblingsfilme, -Regisseure, Schauspieler und, wenn ja, wieso?
1. Lee Daniels. Er hat eine ganz besondere Art, Filme zu machen, etwas noch nie Dagewesenes. Sein düsterer Surrealismus und das Level an Performance überragt die Großen. Lee hat nicht nur für Halle Berry und Mo'Nique die Rollen geschaffen, die ihnen ihre Oscars beschert haben, sondern mit seinem Realismus und seinem Können zeigt er eine schwarze Erfahrung auf Zelluloid, die sich modern und unerreichbar anfühlt.
2. Viola Davis. Die schwarze Meryl Streep. Sie überwindet als Schauspielerin die Grenzen von Hautfarben (siehe Glaubensfragen) und sie steht für eine schwarze Weiblichkeit, die real, schön und stark ist.
3. Ein Kopf an Kopf-Rennen zwischen Spike Lee und Steve McQueen. 20 Jahre Erfahrung gegen 12 Years a Slave. Es braucht nicht mehr als ein Meisterwerk, um eine Karriere ins Rollen zu bringen. Kubrick hat länger gebraucht. Sieg für McQueen. Spike Lee hat mit seinem Gesamtwerk-von Do the Right Thing über Malcolm X und Girl 6 bis Inside Man—den Weg für schwarze Filmemacher bereitet. Er machte sozialkritische und Avantgarde-Filme kommerziell. Er zeigte mit seinen Filmen eine schwarze Realität auf eine Weise, die nie wieder erreicht wurde.

Hast du schwarze Lieblingsfilme, -Regisseure, Schauspieler, die schwul sind, und, wenn ja, wieso?
1. Lee Daniels. Der Gott.
2. Paris Barclay. Paris ist eine Ikone. Er ist nicht nur Filmemacher, sondern auch Präsident der Directors Guild of America und einer der wenigen schwarzen Männer, die mutig genug sind, offen schwul zu sein, und das seit Jahrzehnten. Er wäre auch auf dieser Liste, wenn er nur Hip Hop Hood gedreht hätte, diese legendäre Black Comedy. Dieser Mann hat bei einer Reihe exzellenter Filme und Fernsehserien Regie geführt, von Glee bis Sons of Anarchy. Er ist das, was wir „Godmother" nennen.
3. Patrick Ian-Polk. Wir fragen uns, wieso die schwarzen Kids einen Großteil der 90er und 2000er von Serien wie Sex and the City und Queer as Folk besessen waren, als ob diese Serien uns irgendwas mit uns zu tun hatten. Sie hatten es nicht. Patrick hat mit Filmen wie Punks und Blackbird die Welt dieser weißen Mädchen zerlegt. Er hat so ziemlich alles für uns verändert, da er schwule Schwarze zum Thema auf der großen Leinwand gemacht hat.

Wen siehst du als zukünftigen Star von Black Entertainment?
Schwarze haben immer wieder bewiesen, welchen Wert sie für die amerikanische Popkultur besitzen und von ihr ausgebeutet werden. Außerdem sprechen sie ein globales Massenpublikum an. Jetzt wollen wir für unseren Marktwert entschädigt werden. Es geht um Kontrolle und darum, sich seinem Wert bewusst zu sein. Man sieht es in der Mode, in der Musik, in der Filmindustrie ein bisschen, dass wir jetzt mehr Einfluss haben. Wir stehen zu unserem Schwarz-Sein, zu unserem Schwul-Sein und entwickeln Geschäfte und Projekte, die diese Werte und Ästhetiken reflektieren. Wie kann man sich nicht für Marlon James, der gerade den Man Booker Prize for Fiction gewonnen hat, oder für Justin Simien, der mit Dear White People das Publikum beim Sundance Filmfestival begeisterte, oder für Danez Smith, der den Lambda Literary Award gewonnen hat und dessen Stift und Werke einfach fies sind, interessieren? Es gibt so viele talentierte junge, schwule Schwarze. Mit The Tenth bleibt ihr immer auf dem Laufenden!

thetenthzine.com

Credits


Text: Stuart Brumfitt
Fotos: Courtesy of The Tenth