18 monate g-chatting

Intime Einblicke, emotionales Over-Sharing, Bottoms und Tops - In Beau Rices Roman „TEX“ wird der private Chat zwischen zwei Menschen zum öffentlichen Kunstwerk.

von Steph Kretowicz
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19 Januar 2015, 8:19am

„Ich sah ihn und konnte mich nicht mehr halten." Grade einmal eine Viertelstunde in unser einstündiges Videointerview und Beau Rice hat schon zwei Dinge preisgegeben: seinen flexiblen Umgang mit der englischen Sprache und „dass er immer noch mit demselben Freund aus dem Buch zusammen ist". Der 25-jährige Autor, der in einer Lagerhalle in L.A. wohnt, geht sehr öffentlich mit seinem Privatleben um. Es gibt quasi nichts, worüber er nicht spricht. Für sein erstes Buch hat er über 18 Monate hinweg intime Textnachrichten transkribiert und diese dann in TEX veröffentlicht. Erschienen ist das Buch im kalifornischen Verlag Penny-Ante Editions - es ist offenherzig, ehrlich und überschreitet manchmal sogar die Schmerzgrenze.

Das Buch dreht sich um Beau Rices Beziehung mit Matt G, das Ziel seiner Begierde aus Austin und Co-Autor des kontroversen Threads, der in TEX gezeigt wird. Es ist ein Dialog zwischen dem selbst ernannten tiefsinnigen Literaten und Schreiber Beau und einem Therapeuten-in-Ausbildung, den Rice nur ein paar Mal offline gesehen hat. „Ich hoffe, das klingt nicht zu aufgeblasen", sagt Rice. Die Beziehung basiert fast ausschließlich auf Telekommunikation voller Selfies, unterschwelligen Emoji-Botschaften und Internetsprache, die uns allen bekannt vorkommen dürfte. Es schwankt zwischen emotionalem Over-Sharing und was Rice „billige Psychoanalyse" nennt. „Ich denke, dass Matt und ich verschiedene Versionen unserer Ichs in dieser Unterhaltung kennengelernt haben", sagt er über den Dialog, der mehr Forschung auf dem Gebiet der Emotionen war, als echte Therapie. „Es ist nicht so, dass wir von irgendetwas geheilt wurden, aber passiert ist trotzdem etwas. Auch wenn es manchmal vielleicht unseriös wirkt."

Legitimität ist etwas, was Rice, Matt und TEX in all den verfremdeten Unterhaltungen, Gedichten und Gmail-Threads infrage stellen. Die Geschichte beginnt mit einem Offline-Meeting von zwei Menschen bei einem Festival in Austin, das der Leser nie sehen wird. Alles, was er hat, sind die SMS und G-Chats zwischen den Protagonisten, angereichert mit E-Mails von Freunden, Lovern und nächtlichen Bootycalls. „Ich habe irgendwann an den Anfang der Unterhaltung gescrollt, alles gelesen und dabei so viel gelacht. Da habe ich mich dazu entschlossen, die Unterhaltungen zu transkribieren", sagt Rice. Der Roman ist nicht nur ein Porträt moderner Beziehungen, sondern auch eine ziemlich genaue Beschreibung der Vermengung von Kunst und Popkultur, die  2014 stattgefunden hat, mit Referenzen an Lena Dunham, Ryan Trecartin, Scissor Sister und Normcore. Man bekommt auch einen Einblick in den Schreibprozess eines Romans, der nicht wirklich ein Roman ist und in die organische Entwicklung einer Bindung, die nicht wirklich organisch ist.

„Wir hatten bereits einen Sprachfluss, der nicht notwendigerweise Kunst war, aber etwas war", sagt Rice über den Zeitpunkt, an dem ein unschuldiger, privater Chat zwischen zwei Leuten ein öffentliches Kunstwerk wurde. Zur Seite hatten sie die Redakteurin Penny-Ante, die dem ganzen eine Form gab. „Der erste Chat im Buch bestimmt den Rahmen unserer Beziehung und erläutert die Art von Sex, die wir hatten. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr habe ich dann realisiert, dass ich etwas habe, was ein merkwürdiger und interessanter queerer, nicht-fiktionaler Roman sein könnte."

Der Begriff queer ist hier wichtig und interessant. Wie viele junge LGBT-Leute wurde auch Rices Sexualität hauptsächlich durch das Internet geformt. Für die korrekte Wiedergabe aller Bedeutungsebenen dieser Wirklichkeit sind die Emoji-Anspielungen in Matts Textnachrichten, wie ein Maiskolben als Dildo, und Rice' unzählige Referenzen und Interaktionen mit Sex-Apps und Pornowebsiten wie Grindr, nifty.org und kink.com wichtig. „Ich denke, dass auf diesen Webseiten neue erotische Sprachen entstehen, auch wenn sie schrecklich und nicht wirklich ernst zu nehmen sind."

Eine dieser neuen Sprachen findet sich in TEX. Sie spielt mit sexuellen Anspielungen wie Bears, Bottoms, Industry Executive Gays und etabliert sie dadurch als eine literarische Form, die aus den modernen online Kommunikationsmitteln entstanden ist. „Durch das Internet habe ich zum ersten Mal gelernt, meine Bedürfnisse wahrzunehmen", sagt Rice über die Quelle seines neuen Vokabulars. Es richtet sich gegen die Mainstreamvorstellung von Liebe und Beziehungen. „Perversität wird als zu genau wissen, was man möchte, definiert und wenn ihr mich fragt, dann macht das Internet aus jedem einen Perversen."

TEX ist bei Penny-Ante erschienen und hier erhältlich. 

@beaubeaurice

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Text: Steph Kretowicz

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