´Foto: Jason Lloyd Evans [Saint Laurent Herbst/Winter 16]

Das radikale Comeback des weiblichen Buzz Cuts

Eine neue Generation von Models, Musikerinnen und Instagram-Girls haben die Schere gegen die Maschine eingetauscht. Aber was hat die "Trendfrisur" des Jahres für politische Bedeutungen?

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Juni 20 2017, 11:03am

´Foto: Jason Lloyd Evans [Saint Laurent Herbst/Winter 16]

Diese Woche steht ganz im Zeichen von Haaren. In unserer i-D Hair Week erkunden wir, wie Haare eine Konversation über Identität, Kultur und Gesellschaft starten.

Der Status einer Frau, ihre Weiblichkeit und ja sogar ihre Furchtbarkeit werden seit Menschengedenken auf ihre lockige, langes Haarpracht reduziert. Bei den antiken Griechen galten Schamhaare als unzivilisiert. Die alten Ägypter unterzogen sich einer langwierigen Ganzkörperhaarentfernung mit Bienenwachs und Pinzetten. Im China der Zhou-Dynastie gab die Frisur bei jungen Frauen an, ob sie für den Heiratsmarkt zur Verfügung steht oder nicht. Auch im Jahr 2017 sind die Haare einer Frau, oder vielmehr ihre Nichtexistenz, nicht weniger schwer mit Symbolik beladen.


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In der gegenwärtigen Debatte um konventionelle Schönheitsideale und auf der Suche nach neuen Musen scheint sich der rasierte Kopf immer mehr als der ultimative Angriff auf den uralten Mythos zu behaupten, dass die Schönheit einer Frau von ihren Haaren auf dem Kopf und das Fehlen von Haaren an anderen Körperstellen abhängt. Ruth Bell, das Model, die den Buzz Cut wie kaum jemand anderer rockt, war der Shootingstar der Laufstege im Jahr 2015. Die glatzköpfige Amber Rose ist eine sichtbare Aktivistin im Kampf gegen Slutshaming. Und die Instagram-Girls Alana Derksen und Braina Laviena verwandeln sich von Social-Media-Sternchen zu ernstzunehmenden Stimmen in der Modewelt.

Natürlich ist die "No hair, don't care"-Mentalität alles andere als neu. Der heutige Look entstammt der Anti-Establishment-Ästhetik des Punk. Und Woman of Color rocken diesen Style sowieso schon immer. Ikonen wie Grace Jones (die mal behauptet hat, dass sie ihren ersten Orgasmus durchs Rasieren ihres Kopfes bekommen hat), Schauspielerin Lupita Nyong'o und das 90er-Supermodel Alek Wek sind nur drei Frauen, die zeigen, wie überbewertet Haare sind.

Der Druck, eine unbändige Mähne auf dem Kopf zu haben, ist nach wie vor noch der Status quo. Der globale Markt für Haarpflegeprodukte ist 83,1 Milliarden Dollar schwer. Eine einfache Google-Suche mit den Worten "Mögen Männer" bringt gleich als Toptreffer "Mögen Männer Locken" ("kuscheln" und "schüchterne Frauen" sind ebenfalls unter den Top 5). Frauen, die sich diesem gegenderten Klischee verweigern, werden häufig als instabil, sexlos und gefährlich beschrieben.

Da wäre zum Beispiel Sinead O'Connor, die mit ihrer Ästhetik gegen die patriarchalischen Manager in der Musikindustrie gekämpft hat oder Charlize Theron in der Rolle der Furiosa, die fiktive feministische Protagonistin aus Mad Max: Fury Road, die fünf jungen Frauen aus den Fängen der Frauenfeindlichkeit befreien will. Und natürlich der berühmt-berüchtigte Zusammenbruch von Popikone Britney im Jahr 2007, als sich die ehemalige Micky-Maus-Club-Teilnehmerin in einem Friseursalon unter den Augen einer Horde Paparazzi die Haare abrasieren ließ. Alle drei haben ihre Haare als Waffe eingesetzt, um eine Botschaft zu vermitteln: dass sie sich nicht vom Patriarchat zu einer Marionette degradieren oder sich in die Unterwürfigkeit treiben lassen.

Zwar ist der rasierte Kopf noch lange nicht im Mainstream angekommen, aber er wird immer beliebter. Da wäre zum Beispiel der Erfolg des bereits erwähnten britischen Models Ruth Bell. Von Saint Laurent bis DKNY: Ruth hat die Modewelt mit ihren hohen Wangenknochen und ihren raspelkurzen wasserstoffblonden Haaren im Sturm erobert. Im Interview mit dem Guardian sagte sie, dass die Industrie ein neues Interesse an "Girls mit mehr Charakter" habe und wir deswegen eine Welle an Models mit sehr kurzen Haaren sehen würden. "Schönheitsideale verlieren an Bedeutung und es werden immer mehr Menschen akzeptiert, die vor zehn Jahren noch durchs Raster gefallen wären", sagte sie weiter. Neben Bell haben sich auch Kris Gottschalk und Tamy Glauser die Haare abrasiert und so traditionellen Vorstellungen von Weiblichkeit entsagt. Das Ergebnis waren mehr Buchungen als jemals zuvor.

Vetements Frühjahr/Sommer 16. Foto: Jason Lloyd Evans.

Auch auf Instagram sind die geschorenen Babes überall. Hier findet man Alana Derksen, das kanadische Anti-Model, das für Vetements auf Pariser Laufstegen lief. Oder Model Mackenzie Tallulah Jones und Fotografin Brooke Barone, die vor und hinter der Kamera eine gute Figur macht. Und das ist nur eine klitzekleine Auswahl dieser Autorin, die sich eine Woche vor Britney 2007 die Haare abrasiert hat. Warum du das auch mindestens einmal im Leben tun solltest, verraten wir dir hier.

"Soweit ich es beurteilen kann, fangen Haartrends bei Prominenten oder als Modestrecken in Modemagazinen an und das zieht sich dann durch. Aber der große Einfluss von Social Media und die Debatte über Genderfluidität haben dafür gesorgt, dass es viele gutaussehende Menschen gibt, die keine Haare haben", erklärt Sable Young, die als Freelance Beauty Editor für xoVain und Teen Vogue arbeitet. Sable gehörte im letzten Jahr zu den zehn Frauen in der "Love Your Hair"-Kampagne von Dove. In dem 85-sekündigen Video werden Frauen ermutigt ihre Haare so zu tragen, wie sie das für richtig halten, unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen oder Stereotypen.

"Weil es bei Beauty-Trends heutzutage um die einzelne Person geht und Einzigartigkeit zelebriert wird, werden Frauen dazu ermuntert, mutig zu sein", sagt Sable. "Der Unterschied im Vergleich zur Situation vor 20 Jahren ist der, dass man heute dabei nichts verliert außer Haare, wenn man sich den Kopf kahl rasiert. Das ist einfach nur eine weitere Art und Weise, sich selbst auszudrücken und die eigene Persönlichkeit zu erkunden."

Braina Laviena, Fotografin und Muse von Kanye West, war das Gesicht einer globalen Esprit-Kampagne und hat im Musikvideo von Rejjie Snow zu "Keep Your Head up" mitgespielt. Um ihren Modeltraum zu verwirklichen, ist die gebürtige Puerto-Ricanerin nach Los Angeles gezogen, aber so recht wollte ihre Karriere nicht zünden. Also entschied sie sich, sich die Haare abzurasieren. "Ich habe versucht, meine Haare wachsen zu lassen, um kommerzieller zu sein und mehr Jobs zu bekommen. Ich habe es gehasst, weil ich mich mit den langen Haaren nicht wie ich selbst gefühlt habe", erzählt sie uns. Ohne Agentur wurde auch ihr Kopf Wort wörtlich freien: "Ich hatte endlich das Gefühl, dass ich das mit meinen Haaren machen kann, was ich will. Also habe ich sie mir abgeschnitten. Nicht ganz ironiefrei wurde mein Look für andere dadurch interessanter und ich habe mehr Jobs bekommen. Ich habe gelernt, dass man seinem Bauchgefühl vertrauen und sich selbst treu bleiben soll. Das funktioniert am Ende immer."

Die Studentin und Fotografin Matea Friend hat ganz andere Erfahrungen als Braina gesammelt. Nachdem sie sich zusammen mit ihrem Bruder die Haare abrasiert hat, bekam sie immer weniger weniger Schichten und musste am Ende kündigen. "Ich habe mich nicht nur isoliert und alleine gefühlt, sondern auch begriffen, dass die Länge der Haare bei Frauen darüber entscheiden, ob sie als psychisch stabil oder gesund gelten", erklärt Matea. "Die Leute auf der Straße und in den sozialen Netzwerken haben sich aber positiv geäußert und mir viel Liebe gezeigt. Ich glaube deshalb, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden und dass wir immer mehr Frauen akzeptieren, die das tun, worauf sie Lust haben."

Mateas Fall ist ein gutes Beispiel dafür, dass außerhalb der Modeblase der Buzz Cut nach wie vor eine politische Botschaft hat, unabhängig davon, dass er in den Editorials, auf dem Laufsteg und auf Instagram der Welt zu sehen ist. Zwar ist die Frisur gerade en vogue, aber sie ist trotzdem immer noch ein Symbol für Emanzipation, individuellen Style und Widerstand — auch lange nachdem die Moderedakteure das Interesse daran verloren haben.

"Bei Männer gilt diese Frisur als normal. Ich würde mir wünschen, dass sie auch bei Frauen als normal gilt und es keine große Sache mehr ist", sagt uns Braina zum Abschluss. "Der Buzz Cut erfordert viel Mut, weil die Haare für Frauen eine Art Schutzschild ist, um ihre Unsicherheiten zu verdecken. Wenn du keine Haare mehr auf dem Kopf hast, dann kannst du dich vor den anderen nicht mehr verstecken. Du musst dich 100 Prozent so wohlfühlen, wie du aussiehst und diesen Look mit Stolz tragen."

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.