warum die leder-community den derzeitigen fetisch-trend vorsichtig optimistisch betrachtet

Angesehene Mitglieder der Ledergemeinschaft äußern sich dazu, dass die Fashion-Industrie gerade so auf Peitschen, Kappen und Chaps abfährt.

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06 Januar 2017, 1:51pm

Raf Simons spring/summer 17. Courtesy Raf Simons.

Vergangene Woche haben sich Comme des Garçons und Vetements für eine limitierte Sweatshirt-Capsule-Collection zusammengeschlossen. Auf Instagram angeteast, wurden die „Schwulen-, Lesben- und Fetisch"-Designs dann exklusiv bei Dover Street Market verkauft. Vor allem das 620 Dollar teure Fetisch-Design war kurz nach dem Launch online bald ausverkauft und bezieht sich auf eine ganz bestimmte Community.

1989 stellte Tony DeBlase, der Begründer der Leather Archives inklusive Museum in Chicago und Herausgeber des Drummer-Magazins, beim „International Mr. Leather"-Wettbewerb ein Flaggendesign für die Leder-Community vor. Diese Community richtet ihren erotischen Fokus auf Lederbekleidung—egal ob nun Westen, Chaps oder Kappen—, die gleichzeitig als Symbol ihrer Subkultur und sexuellen Vorlieben fungiert. Mit neun schwarzen, blauen und weißen Streifen sowie einem Herz in der oberen linken Ecke steht DeBlases Flagge nun für die gesamte Lederszene und nicht nur den queeren Teil. Bei beliebten Leder-Events wie etwa den Folsom Street Fairs ist das Design häufig vertreten und jetzt wurde es eben in einen CDG-Sweater verwandelt. Dieses aktuelle Kleidungsstück ist jedoch nur ein weiteres Kapitel der komplizierten Beziehung zwischen der Fashion-Industrie und Leder-Community.

2016 konnten unabhängige Leder-Designer und -läden wie etwa Zana Bayne oder Leather Man ihren Kultstatus noch weiter ausbauen. Und auf den Laufstegen bezog sich Raf Simons mit seiner Frühjahr/Sommer 17-Kollektion, die in Zusammenarbeit mit der Robert Mapplethorpe Foundation entstand, ebenfalls auf die Subkultur. Bei der Show waren dann Models zu sehen, die nicht nur Lederleinen, sondern auch Muir-Kappen (schwarze Biker-Mützen aus Leder) trugen—beides Dinge, die eng mit der Leder-Community verknüpft sind. Zwischen dem Gebrauch von Leder-Utensilien zum Aufpeppen einer Fashion-Show und dem Aneignen der in der Community heiligen Ikonografie besteht jedoch ein Unterschied.

„Es gibt zwei Arten von Menschen", erklärt John-John Punki, der derzeitige Mr. Eagle NYC (der amtierende Leatherman der New Yorker Lederbar Eagle), gegenüber i-D. „Zum einen die Lederleute und zum anderen diejenigen, die Leder nur aus Fashion-Gründen mögen. Als ich mir zum ersten Mal ein Ledergeschirr überstreifte, wusste ich gar nicht, welche Botschaft ich damit aussendete. Wer auch immer sich Leder anzieht, darf sich gerne sexy und stark fühlen. Hoffentlich nimmt man sich dann aber auch Zeit und denkt darüber nach, dass da eine ganze Community dahintersteht und das Ganze vielen Menschen sehr viel bedeutet."

Wie viele andere Subkulturen setzt auch die Leder-Community auf Tradition. „Ich wurde auf die althergebrachte Weise an das Leder herangeführt", erzählt Justin Terry-Smith, der Vizepräsident eines Onyx-Verbands (bei Onyx handelt es sich um eine beliebte Lederorganisation für Schwarze). „Mein Vater hat mir alles beigebracht und ich habe mein erstes Lederteil auch erst dann bekommen, als ich es mir seiner Meinung nach verdient hatte." Laut Smith, der selbst mal in der Air Force gedient hat, besitzt die Community auch militärische Wurzeln: Benimmregeln, Loyalität und Gemeinschaft stehen ganz weit oben.

„Es ist fast schon festgeschrieben, dass die Leder-Community viele Traditionen pflegt, an denen wir rigoros festhalten", erklärt Smith. „Viele dieser Traditionen werden von den Leuten neuerdings jedoch beiseite geschoben, damit sie sich einkleiden und denken können, sie seinen Leathermen. Ich sage mir dann immer nur: OK, ihr habt vielleicht einen Fetisch, aber ihr seid keine Leathermen."

Für die Mitglieder der Community geht es nicht nur darum, ein Ledergeschirr oder andere Kleidungsstücke aus Leder zu tragen. Punki ist zum Beispiel vor allem das Gemeinschaftsgefühl wichtig. Alaina Hummel, die derzeitige Ms. Philadelphia Leather, stimmt dem zu: „Man muss aufeinander aufpassen und den Zusammenhalt stärken." Wenn die Mainstream-Modeindustrie nun die für die Community so wichtigen Symbole aus rein ästhetischen Gründen für sich nutzt, dann entsteht da natürlich eine Art Dilemma.

„Ich bin für alles offen, das uns neue Interessenten beschert, aber manche Leute aus der Community denken da ganz anders", sagt Hummel. „Als ich die CDG x Vetements-Sweatshirts zum ersten Mal sah, war ich richtig begeistert. Und ich glaube, dass auch ein Großteil meiner Lederfreunde die Designs mag." Aber wissen die Träger der Sweatshirts überhaupt, was sie da anziehen? Sofern man nämlich mit den Farben und dem Herz nicht sowieso schon vertraut ist, sieht man das Ganze vielleicht nicht sofort als Flagge an.

„Viele Leute tragen die Teile und wissen dann nicht mal, um was es sich dabei eigentlich handelt", meint Damien Basile, Designer und Leatherman. Basile und Hummel sagen beide, dass die Flagge innerhalb der Leder-Community in Form von Pins und Patches zwar schon sehr verbreitet ist, man das Symbol außerhalb der Gemeinschaft aber wohl nicht wirklich kennt. „Außerdem steht diese Flagge speziell für Leder. Andere Fetische wie zum Beispiel Gummi haben dementsprechend auch andere Designs", fügt Basile hinzu (die CDG x Vetements-Sweater wurden nämlich einfach unter dem Begriff „Fetisch" vermarktet).

Sowohl Basile als auch Hummel scheinen von dem Projekt jedoch beeindruckt zu sein, und sie zeigen sich auch recht optimistisch, dass die Käufer wissen, wofür die Symbolik steht. „Bei dem Preis werden sich die Leute vor dem Kauf wohl schon informieren", meint Hummel.

Und diejenigen, die sich nicht in Kenntnis setzen, kommen durch das Tragen des Sweatshirts hoffentlich mit einem Mitglied der Leder-Community ins Gespräch. „Viele kaufen das Teil bestimmt nur, weil es gut aussieht. Denen erkläre ich dann gerne, wofür das Design eigentlich steht", sagt Terry-Smith. „Und falls sie das nicht wollen, dann weiß ich direkt, dass es sich um ignorante Arschlöcher handelt." Punki schlägt zudem noch vor, dass die Brands ihren Kleidungsstücken in Zukunft einfach eine Erklärung der Ikonografie des Designs beilegen. Damit würdigen sie automatisch die Communitys, auf die sie sich beziehen—eine kleine Veränderung, die das viel diskutierte Fashion-Problem der subkulturellen Aneignung ad acta legen würde. 

Credits


Text: Mikelle Street