25 jahre schock und horror mit marilyn manson

Wir sprachen mit Amerikas Bürgerschreck über Trauer, 40+ und Madonna.

von Anders Christian Madsen
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10 März 2015, 9:25am

Wenn man als treuer Marilyn-Manson-Fan aufwächst und sein Leben lang dem lyrischen Metal-Altar huldigt, kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem man seinem Gott gegenübertreten muss. Glücklicherweise ist Manson ein Messias auf der Erde, mit dem man sprechen kann. Allerdings nur, wenn man ihn nach 20 Uhr L.A.-Zeit anruft. „Ich kann eine Geschichte besser mit meinem Mund als mit meinen Händen erzählen - für gewöhnlich", sagt er und pausiert kunstvoll vor den letzten beiden Worten, was sein volatiles Image perfekt zusammenfasst. Seine Karriere ist stark mit dem Internet verbunden: Manson gehört zu der Sorte Superstars, die einseitig mit ihren Fans in sozialen Netzwerken kommuniziert - der Schlüssel zu seinem Erfolg. „Mich kümmern die Reaktionen der Leute auf Dinge, die ich ins Internet stelle, nicht wirklich. Es wäre masochistisch oder narzisstisch, all das zu lesen. So wie Santa Claus oder Gott, die plötzlich von jedem die Gedanken hören können", sagt er in seiner kratzenden, rostigen Stimme mit einer kecken Selbstgewissheit, die Teenager seit über zwei Jahrzehnten huldigen und bis ins Erwachsenenleben treu bleiben.

Für seine neunte Ära, eine Klassifizierung durch seine Fans für seine Alben, Looks und Persönlichkeiten, hat er sich einen königlichen Spitznamen zugelegt. Durch seine Alben Antichrist Superstar and God of Fuck wurde er zum amerikanischen Staatsfeind Nummer Eins. The Pale Emperor ist der Titel der neuen Platte, die er zusammen mit Tyler Bates produziert hat und deren Mischung aus Goth und Blues ihm die besten Kritiken seit zehn Jahren eingebracht hat. Der Titel ist eine direkte Referenz an den römischen Kaiser Constantius I., der auch Der Blasse genannt wird. „Inspiriert hat mich ein Buch, das mir Jonny gegeben hat. Wenn ich Jonny sagen, meine ich Jonny Depp. Er und ich finden es lustig, jedes Mal unsere vollständigen Namen zusagen", merkt Manson an, nicht ohne die Ironie zu bemerken. „Constantius hat mich inspiriert, weil er einer der ersten römischen Kaiser war, der die Existenz von Gott bestritt und darum auch eine ausgeprägte Leidenschaft für Grausamkeit und das Theater hatte. Das erinnert mich ein bisschen an mich."

Er lügt nicht. Neben der düsteren Natur seiner Musik - von Nicht-Metal-Fans oft als aggressiv beschrieben, wobei sie tatsächlich ziemlich melodisch ist - hat Manson auf sein Publikum uriniert, sich selbst mit einer kaputten Flasche auf der Bühne verstümmelt, seine Genitalien ins Gesicht eines Sicherheitsmannes gerieben und seinen früheren Gitarristen gegen den Kopf getreten. Das ist nichts im Vergleich zu den Anekdoten, die in seiner Bestseller-Autobiografie von 1998 The Long Hard Road Out of Hell zu finden sind. Aber mit 46 ist aus dem Skandal-Musiker ein intellektueller und mitfühlender Gutmensch geworden, der zu Höchstformen auflief, als er sich nach dem Columbine-Amoklauf 1999 gegen Vorwürfe aus den Medien verteidigen musste, dass er die Attentäter inspiriert hat. „Ich erwarte nicht, dass Leute wissen, wer ich bin, aber andererseits denke ich, dass mein Ruf mir vorauseilt", sagt er über Marilyn Manson im Jahr 2015. „Es wird viele Leute da draußen geben, die denken, dass sie wissen, wie ich angeblich bin. Das ist mein Vorteil. Die größte Stärke des Teufels ist, dass niemand glaubt, dass er wirklich existiert."

Als Manson (mit bürgerlichem Namen Brian Warner aus Canton, Ohio) im Mai 2014 die Aufnahmen, oder die neunmonatige Geburt wie er es nennt, für The Pale Emperor beendet hatte, starb seine Mutter Barbara. In seiner Trauer nutzte er die sozialen Medien: „Mutter, die immer an mich geglaubt hat und meine größte Unterstützerin war: Ich hoffe, dass ich dich eines Tages wiedersehen werde." Für Außenstehende war das ein unvergleichlicher Vorgang, der Manson in ein anderes Licht rückte. „Mit dem Tod meiner Mutter klarzukommen, hat mich zu einer anderen Person werden lassen. Ich bin immer noch derselbe, aber es hat mich auf eine gewisse Weise zu meinen Anfängen zurückgebracht. Es ist der feine Unterschied zwischen einer Person, die nichts zu verlieren hat, und jemandem, der alles gewinnen kann", sagt Manson leise. Ob so oder so, es führte zu einem gesünderen, Absinth-reduzierten Leben und zu einer neuen Beziehung mit seinem Vater, Hugh, mit dem er bald danach Erinnerungen an seine Kindheit aufleben lassen sollte. 

„Als Kind dachte ich niemals, dass Albträume Albträume sind. Ich fand sie interessant. Aber offensichtlich hatte ich schreckliche Albträume, bei denen ich dann unter Panikattacken aufgewacht bin. Ich hab das ganz vergessen", sagt er. „Mein Vater hat mir neulich eine Menge über mich selbst und über meine Kindheit und Jugend erzählt. Er brachte mein Zeugnis aus der sechsten Klasse mit. Ich hatte nur Einsen und in der Beurteilung stand: ‚Brian ist ein sehr liebenswürdiger und höflicher junger Mann'", kichert Manson, bevor seine Stimme wieder ernst wird. „Ich habe Manieren, ich stelle mich mit Handschlag vor und ich beschütze meine Freunde und diejenigen, die ich liebe", betont er. „Mit tödlicher Wucht". Für die Maskulinität von The Pale Emperor macht er seine neuen Ansichten verantwortlich, neben seinen Versuchen als Schauspieler in Sons of Anarchy, und einem neuen Interesse nach einem sozialen Leben. Als das soll das Zusammenleben mit ihm einfacher gemacht haben.

„Ich habe keine Ahnung, ob man mich dadurch einfacher versteht, weil jeder mich anders verstehen wird", sagt Manson. „Leute fragen mich: ‚Fühlst du dich missverstanden?' Ich glaube nicht, dass das Wort missverstehen ein schlechtes Wort ist. Es verkörpert Chaos. Für meine Freunde bin ich ein Vergnügungspark, der 24 Stunden am Tag geöffnet hat. Das bedeutet aber nicht, dass jeder kostenlos mitfahren kann." Es scheint so, als ob Mansons Konzept von Maskulinität ein altmodisches Kavalierstum ist, bei dem gute Manieren erwartet werden und schlechte niemals ohne Absicht passieren sollten. „Ich bin an dem Madonna-Album interessiert", sagt er irgendwann. „Sie sieht heißer aus als jemals zuvor. Ich möchte auch zu Protokoll geben, dass ich immer noch auf Madonna stehe und definitiv mit ihr schlafen würde." Obwohl er solche Aussagen von sich gibt, kann er sich geschmeidig wieder in den perfekten Gentleman verwandeln und redet über Maßschneiderei und Anzugwesten, als ob er gerade aus den 1920ern kommt. 

Während der Ehe mit Dita Von Teese wurde Manson zum regelmäßigen Gast bei Fashionevents und wurde während der Paris Fashion Week in Stefano-Pilati-Anzügen herumgereicht. „Es war wie bei einem Abendessen, das man wieder verlassen möchte", witzelt er. John Galliano stattete ihn für seine Hochzeit aus und ist immer noch ins Mansons Inner-Circle. „Ich wollte ihn besuchen, als dieser Shitstorm über ihn hinwegfegte. Ich zähle ihn als Freund, der ungerecht behandelt wurde. Da wurde viel überreagiert." Jetzt da 2014 hinter ihm liegt und er mit dem Model Schrägstrich der Fotografin Lindsay Usich zusammenlebt, scheint es, als würde Manson das ernste Leben anders betrachtet. „Bedeutet Zeit dasselbe für mich, wie es das für andere tut? Ich denke immer noch, dass ich 23 bin. Es fühlt sich so an, als ob nur ein Jahr vergangen wäre. Mir fällt es schwer, zu wissen welcher Tag der Woche ist, oder welcher Monat oder Jahr", sagt er. „Keinen Kalender zu besitzen und keine Uhr zu haben, transportiert einen in einen ewigen Peter-Pan-Zustand. Ich nehme Dinge ernst, aber nehme mich dabei nicht allzu ernst."

marilynmanson.com

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Nicholas Alan Cope
Styling: Ise White
Haare: Ramsell Martinez für Streeters mit Produkten von R + Co
Make-up: Donald Simrock at Tracey Mattingly.
Set Design: Jamie Dean für WSM.
Fotoassistenz: Keith Schwalenberg, Hans Hansen, Garett Guidera.
Digitaltechnik: Peter Juhl.
Stylingassistenz: Amanda van Duyse.
Produktion: Kiori Georgiadis.
Produktionsassistenz: George Sanchez.
Retouching: Digital Giant.
Creative Direction: Willo Perron.
Art Direction: Hassan Rahim.

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