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vetements verändert die pariser jugendkultur

Designer Demna Gvasalia ist der Anführer der neuen Generation französischer Designer.

von Alice Newell-Hanson
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09 April 2015, 8:15am

Photography Harley Weir

In Paris passiert gerade etwas. Es wird nicht von den Dächern geschrien, aber die Entwicklungen sind eindeutig sichtbar: Hier schickte Simon Jacquemus ein oberkörperfreies Model auf den Laufsteg seiner Autumn / Winter 15 Show und hier präsentierte Vetements im berüchtigten Pariser Schwulen-Sexclub Le Depot letzten Monat die aktuelle AW15-Kollektion.

Vetements ist ein anonymes Modekollektiv, das aus acht früheren Mitarbeitern etablierter Modehäuser besteht und vom früheren Margiela-Mitglied Demna Gvasalia angeführt wird. Die Truppe scheint, die Quelle verloren geglaubter Kreativität gefunden zu haben. In nur drei Saisons haben sie es geschafft, mit ihrem düsteren, zerstörenden Ansatz einen Hype auszulösen, wie es nur wenige junge Pariser Labels vor ihnen geschafft haben. 

Wir trafen den Chefdesigner Demna Gvasalia und sprachen mit ihm über Vetements und die neue Generation Pariser Designer.

In einem früheren Interview hast du gesagt, dass es keine Jugendkultur in Frankreich gäbe. Wie kommst du zu dem Schluss?
Es gibt aktuell einen Mangel an sichtbarer und artikulierter Jugendkultur, was wahrscheinlich an der überwältigenden Informationsflut durch das Internet und an den durchkommerzialisierten Massenmedien und sozialen Netzwerken liegt. Außerdem ist Frankreich kulturell ziemlich konservativ.

Vetements Autumn/Winter 15

Ändert sich etwas?
Wir hoffen es. Ich denke schon, dass es immer mehr Leute gibt, die es wagen, die etablierten Ansichten über Gesellschaft und Mode in Frage zu stellen. Viele arbeiten persönlicher und individueller als Antwort auf die globalisierte Denkweise. Mit Vetements wollen wir nicht wirklich etwas ändern. Wir versuchen lediglich das, was heutzutage in Paris und seinen Vororten passiert, durch unsere Filter zu schicken.

Wie ist das Nachtleben in Paris? Inspiriert es euch?
Das Nachtleben ist immer sehr inspirierend. Dort erleben wir die Realität der Jugendlichen, weil sie dort selbst sind, ohne Limits. Das Pariser Nachtleben ist ziemlich tot, es hat sich zu einem schlechten Witz entwickelt. Deshalb haben wir unsere Show im Le Depot gemacht, weil es authentisch, roh und echt ist; es ist kein Ort, der vorgibt etwas zu sein, was er nicht ist. 

Drei von acht Finalisten des LMVH-Preises, darunter Vetements, sind französisch. Wie verändert sich die Pariser Modeszene?
Die Veränderung hat mit Jacquemus vor ein paar Jahren begonnen. Jetzt hat man das Gefühl, dass immer mehr neue Labels dazukommen. Aber es sind noch immer längst nicht so viele wie in England. Ich denke, dass liegt daran, dass man in London einfacher Unterstützung bekommt. In Paris gibt es dagegen kaum Hilfe. Aber es liegt eine ungeheuerliche Energie in der Luft. Es gibt eine neue Generation, die Leute zwischen 20 und 29, die Veränderungen wollen und Dinge auf ihre Weise machen wollen; Leute, die nicht konservativ sind und nicht versuchen, die Ideen ihrer Eltern von Paris-Sein oder Vorstellungen von richtig und falsch nachzuahmen. 

Vetements Autumn/Winter 15

Wieso passiert es gerade jetzt?
Ich weiß es nicht. Bisher war es so, dass du in Paris nicht ausgehen konntest. Es gab keine Konzerte. Die coolen Bands kamen gar nicht hierher. Sogar das ändert sich. Ich nehme an, dass es auch mit dem Einfluss von Social Media und Informationen zu tun hat. Die Leute, die 22 sind, leben durch ihre iPhones. Die Zeiten haben sich komplett geändert. 

Wer sind die anderen Mitglieder von Vetements? Bleiben sie absichtlich anonym?
Unsere Anonymität wurde einfach aus der Not geboren, weil wir alle andere Jobs hatten. Das hat prima funktioniert, weil keiner von uns die öffentliche Aufmerksamkeit wollte. Außerdem war ich bei Margiela, wie auch einige der anderen Mitglieder, und wir wollten diese Assoziation verlieren. Anonymität ist ein Konzept, mit dem Margiela bereits gearbeitet hat. Damals musst wir unerkannt bleiben und wir geben diese Anonymität nur langsam auf. Wir mögen es aber noch immer nicht fotografiert zu werden. Wir machen nicht mal Selfies!

Wie fing Vetements an?
Während der Mittagspause bei unseren anderen Jobs, nach der Arbeit und am Wochenende. Wir haben Wein getrunken, geraucht und uns ausgetauscht.

Wie arbeitet ihr alle zusammen?
Wir sind insgesamt acht Leute, einige arbeiten im Design, einige in der Produktion und wieder andere im Vertrieb und in der Verwaltung. Ich verantworte das Designteam. Wir diskutieren, brainstormen, streiten und finden Lösungen. Es geht wirklich demokratisch zu.

Was begeistert dich am meisten daran, Teil der heutigen Modewelt zu sein?
Es ist aufregend zu sehen, dass Frauen unsere Kleidung wollen und tragen; das ist die größte Motivation und das größte Kompliment. Es ist eine spannende Zeit, um Teil der Modewelt zu sein. Alles verändert sich. Die Herausforderungen und Probleme, die daraus entstehen, sind ziemlich toll.

Vetements Autumn/Winter 15

In Deutschland kannst du Vetements exklusive im The Store x Soho House Berlin kaufen. 

vetementswebsite.com

Credits


Text: Alice Newell-Hanson
Fotos: Harley Weir

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