Alle Fotos: Ewen Spencer

'Hardcore Soul' fängt die Zeitlosigkeit der Rave-Kultur ein

Der italienische Produzent Gabber Eleganza hat sich mit Fotograf Ewen Spencer für ein neues Buch zusammengetan, das dich geradewegs in den Club katapultiert.

von Juule Kay
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24 April 2019, 7:48am

Alle Fotos: Ewen Spencer

Die Welt der Raves ist nicht unbedingt einfach zu greifen. Ernsthaft, es gibt so viele unterschiedliche Musikrichtungen, die mit diesem Wort in Verbindung gebracht werden. Zwei davon wurden nun in dem neuen Buch Hardcore Soul zusammengeführt: Northern Soul aus den späten 60ern und Happy Hardcore aus den frühen 90ern. Raver konnten stundenlang – wenn nicht sogar für Tage – der Realität entfliehen, während sich ihre verschwitzten Körper zu Beats von 100 bis zu 190 BPM bewegten.

Aber zurück ins Hier und Jetzt. Mit Partyfotos ist es so eine Sache, vermutlich würde niemand mit Stolz behaupten, eines von sich an die Kühlschranktür zu pinnen. Nicht jeder will dabei festgehalten werden, aus einer der dunkelsten Ecken im Club hervorzukriechen. Doch im Nachhinein betrachtet, gelten sie als Zeitzeugnis ganzer Subkulturen. Einer der Fotografen, der besonders gut darin war, die Kids mit einer unglaublichen Ehrlichkeit abzulichten, ist der britische Fotograf Ewen Spencer. Zusammen mit Alberto Guerrini, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Gabber Eleganza untermauert er in Hardcore Soul die Zeitlosigkeit der Rave-Kultur. Die Archivfotos fühlen sich an, als hätten wir letztes Wochenende einen legendären Rave verpasst. Und weil das noch nicht genug ist, hat der italienische Produzent gleich noch den passenden Mix zum Buch geliefert.

Wir haben Alberto und Ewen zum Gespräch getroffen und herausgefunden, warum jetzt der perfekte Zeitpunkt ist, deinen alten Adidas Tracksuit wieder herauszukramen.

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Ich bin ein großer Fan von kitschigen Kennenlerngeschichten. Wie schaut es mit eurer aus?Alberto: Wir haben uns über Instagram kennengelernt wie richtige Influencer [lacht]. Ich bin ihm gefolgt wie einer dieser Fanboys.
Ewen: Ich bin durch seinen Blog auf Albertos Arbeit gestoßen. Ich mochte die Idee rund um eine subkulturelle Ästhetik, die sich nicht nur auf das Genre Gabber beschränkt. Er hat mich wegen ein paar Fotos angeschrieben bis wir sogar angefangen haben, uns Päckchen zu schicken. Ich habe zum Beispiel dieses großartige Paninaro Buch aus den frühen 80ern von ihm bekommen.
Alberto: Paninaro sind die ersten Hypebeasts überhaupt. Es war die erste Subkultur, die nicht ausdrücklich mit Musik oder Politik zusammenhing. Sie war sehr laut, bunt und wurde in England zum Kult, während sie in Italien mittlerweile als nahezu vergessen gilt. Obwohl sogar ein Pet Shop Boys Song nach ihnen benannt wurde.
Ewen: Als wir in den 80ern groß geworden sind, waren wir Casuals, auch wenn wir uns mehr wie Paninaros angezogen haben. Auf die sind wir durch die europäischen Kids aufmerksam geworden. Das ging sogar so weit, dass wir aufgehört haben, Socken zu tragen, nur weil wir auf Fotos gesehen haben, dass sie das auch machen.
Alberto:
Es war eine sehr oberflächliche Subkultur, über die wir mal eine komplette Nacht in einem Londoner Pub gesprochen haben … das hat eigentlich alles ins Rollen für das Buch gebracht.

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Ihr zwei habt viel gemeinsam, auch wenn ihr einen völlig unterschiedlichen künstlerischen Background habt. Was verbindet eure Arbeiten?
Alberto: Vermutlich die Musik und der Style. Ich habe in meinem ersten College Jahr 2004 Magazine wie i-D und The Face für mich entdeckt und darin auch Ewens Fotos entdeckt. Als ich angefangen habe, sie zu sammeln, ging es mir mehr um die Bilder, den Style und die Kultur als um Mode. Ewens Bilder sind sehr dokumentarisch, er ist schon fast wie ein Reporter mit einem Auge für den Style der Kids – sehr echt und in dem Moment. Was uns verbindet, ist das Echte und unsere Liebe für die einfachen Dinge. Wir kommen aus unterschiedlichen Generationen, haben unsere Teenage-Zeit aber ähnlich verbracht, für das Wochenende gelebt.
Ewen: Es ist diese “Work hard play hard”-Idee, auch unter Druck zu funktionieren. Gut aussehen und dabei eine gute Zeit haben zu wollen – daher kommt für mich die Rave Kultur. Das kannst du auch in den Bildern sehen und in allem, was Alberto macht. Seine Ästhetik feiert die Dinge, anstatt sie zu unterdrücken.

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Ewen, was fühlst du, wenn du die dir Bilder nach all den Jahren wieder anschaust?
Ewen: Sie versprühen so viel Energie und Schweiß. Diese Leute klappen fast vor Erschöpfung (und vermutlich Amphetaminen) zusammen. Suchen sich irgendwo am Rand ein ruhiges Plätzchen, weit weg von der Tanzfläche. Diese Momente einzufangen, waren genauso wichtig wie die feiernden Menschen. Wenn du dir die Bilder jetzt anschaust, fühlen sie sich nicht nostalgisch an, sondern seltsam frisch. Fast schon zeitgenössisch, auch wenn sie über 20 Jahre alt sind.
Alberto: Genau das war auch die Idee dahinter, beide Szenen zusammenzubringen, als wären sie in einer Nacht passiert. In den 90ern waren Raves mit mehreren Tanzflächen üblich, die zur gleichen Zeit mit der gleichen Energie aufgeladen waren. Deswegen sollten auch keine Details dem Leser verraten, wann und wo die Bilder entstanden sind. Das gibt ihnen ein sehr zeitgenössisches Gefühl, etwas das auch vor zwei Jahren hätte passiert sein können.

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Alberto, wenn wir gerade über das Wort zeitgenössisch reden, würdest du sagen, dass es gerade ein Revival der Hardcore Szene gibt?
Alberto: Das Revival, der Hype um Hardcore entstand aus einer ästhetischen Seite heraus, entdeckt durch das Internet. Das Wort Gabber ist mittlerweile sehr verschwommen und wird unterschiedlich gebraucht. Für mich ist es ein Style, die Leute, die zu Hardcore in Holland getanzt haben. Damals musstest du noch zu den ganzen Events gehen, um die Musik und den Style zu entdecken, es war ein sehr vernetzter Underground. Heute ist es dagegen einfacher: Du brauchst nur einen Adidas Tracksuit und einen Listenplatz bei Boiler Room. Das ist super, weil es eine neue Art von Energie ist. Wir feiern das Revival eines Revivals. Ich habe mein Projekt damals angefangen, um eine Brücke zwischen den Szenen zu schlagen: Die zeitgenössische Kunst und Musik mit dieser Art der Kultur. Dabei geht es nicht nur um Gabber, sondern auch um Rave - und Subkultur und die Power von Teenagern. Es ist vieles, aber vor allem eine lange Reise.

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Der Book Launch von ‘Hardcore Soul’ findet am 26. April in Berlin statt. Alle weiteren Informationen findest du hier.